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Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des
Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
 
* ~ Presseartikel zur Verleihung ~ *
 
 

 

 

Dankesrede von Serap Cileli

 

Sehr geehrte Frau Ministerin,
sehr geehrter Herr Landrat,
liebe Kolleginnen und Kollegen des Arbeitskreises „Gegen Gewalt an Migrantinnen“,
liebe Mitglieder meiner Familie,
liebe Freunde und Freundinnen

Ich grüße Sie alle herzlich und freue mich sehr, dass Sie alle kommen konnten und meine Freude mit mir teilen und verdoppeln.

In diesem Zusammenhang möchte ich mich auch ganz herzlich bei allen bedanken, die zum guten Gelingen des Festes beigetragen haben.

Meine Damen und Herren,
ich möchte unserem Bundespräsidenten Herrn Horst Köhler, für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande, meinen tief empfundenen Dank aussprechen.

Ganz herzlich danken möchte ich dem Hessischen Ministerpräsidenten, Herrn Roland Koch, den Frauenbeauftragten des Odenwaldkreises, Frau Amarelle Opel und Frau Sabine Allmenröder, die mich für diese äußerst wichtige Auszeichnung vorgeschlagen haben.
Ich danke Ihnen, dass Sie meine Arbeit so freundlich gewürdigt haben.

Ihnen, sehr verehrte Frau Ministerin, gilt mein besonderer Dank, dass Sie auf meine Bitte hin, den weiten Weg auf sich genommen haben und heute zu uns gekommen sind. Es ist mir eine große Ehre und Freude, diesen Preis von Ihnen persönlich entgegen zu nehmen.

Diese Auszeichnung verstehe ich als ein bundespolitisches Signal, gegen die frauenverachtenden Praktiken. Ein grundlegendes Zeichen im Kampf gegen jegliche Gewalt an Frauen. Sie steht für Solidarität mit den Opfern die den unbeugsamen Regeln der konservativ-religiösen Tradition unterstehen; zu Hause und weltweit.

Ich nehme diese Ehrung, nicht nur in meinem eigenen Namen, sondern auch im Namen meiner Familie entgegen. Für meinen Mann, meinen Sohn und für meine beiden Töchter. Denn ohne dieses Team wäre meine Arbeit nicht möglich.
Danke, dass es Euch gibt.

Ich nehme diesen Preis in großer Dankbarkeit im Namen der unzähligen muslimischen Mädchen und Frauen entgegen, denen man ihre Menschenwürde, ihre Unschuld und ihre Kindheit genommen hat. Sie sind die Opfer von häuslicher Gewalt, Zwangsverheiratung und Zwangsverschleierung, mitten in unserem Rechtsstaat. Sie sind die Opfer denen Bildung und das Recht zur Freiheit, Gerechtigkeit und sozialer Gleichberechtigung verweigert wird.
Ich nehme den Preis auch im Namen der zahllosen Mädchen und Frauen entgegen, die Opfer einer menschenverachtenden Tradition wurden. Die so genannten Schandemorde. Sie sind die ermordeten Mädchen und Frauen, deren männliche Familienmitglieder den drakonischen und blutdürstigen Gedanken vertreten, nämlich;
Dein Blut für meine Ehre!

Sehr geehrte Damen und Herren,
das begangene Unrecht kann nicht rückgängig gemacht werden, aber für die Zukunft besteht Hoffnung.
Doch zwischen der Vergangenheit und der Zukunft liegt die Gegenwart.
Lassen Sie uns demzufolge gemeinsam „jetzt“ mit allen rechtlichen und politischen
Mitteln gegen die immer stärker zunehmende Praxis von Zwangsheirat und Ehrenmord vorgehen!
Fragen wir uns, was wir heute, Fehler in der Vergangenheit „erkennend“, besser machen können.

Zur Bekämpfung der Zwangsheirat und zum besseren Schutz von Opfern benötigen wir rechtliche Schritte, doch dabei darf es nicht bleiben. Erforderlich ist, eine bundesweite Erhebung über das Ausmaß von Zwangsehen.
Anonyme Schutzeinrichtungen sowie spezielle Beratungsstellen für junge Migrantinnen müssen geschaffen werden. Dazu müssen wir verstärkt Informations- und Aufklärungsarbeiten betreiben.
Alle Institutionen und Gruppen, die mit Betroffenen von Gewalt und Zwangsheirat zu tun haben, müssen für das Thema sensibilisiert und professionell geschult werden. So, dass sie die Probleme rechtzeitig erkennen und auf gute Beratungsstellen verweisen können. Die Straftaten, bei denen die Ehre als Tatmotiv angegeben wird, müssen in den Statistiken separat ausgewiesen werden.
Außerdem möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass auch oft junge türkische Männer von Zwangsheirat bedroht bzw. betroffen sind. Sie sind also auch Opfer, um die wir uns kümmern müssen.
Damit die Zwangsheirat ein eigener Tatbestand im Strafgesetzbuch wird, unterstützen wir die Bundesratsinitiative von Baden-Württemberg, die es uns ermöglichen die Rechte der Opfer von Zwangsheirat zu schützen.
Sorgen wir dafür, dass die muslimischen Mädchen und Frauen, die Bürger unseres Landes sind, autonom leben, in Freiheit und Unabhängigkeit.
Ich möchte an dieser Stelle, ein wichtiges Anliegen von mir, unterstreichen.
Das von Baden-Württemberg vorgeschlagene Gesetz hat leider einen Schönheitsfleck. Nämlich, die Mädchen die von ihren Eltern zur Zwangsheirat ins Ausland verschleppt werden, sind in der Gesetzesinitiative nicht ausreichend geschützt.

Deshalb rufe ich alle politisch Verantwortlichen auf, die Opfer von Zwangsheirat, die zur Heirat ins Ausland verschleppt wurden, besser zu schützen.
Dringend notwendig ist: vereinfachtes und verlängertes Rückkehrrecht für verschleppte Mädchen und Frauen aufgrund einer Zwangsheirat.
Denn, wer von seiner Familie entrechtet, verjagt oder hingerichtet wird, der darf nicht auch noch vom Staat bestraft werden.

Meine Damen und Herren, abschließend möchte ich noch einen dringenden Aspekt hervorheben:

Die Bildung!

Uns wird beigebracht, dass die Männer die Ernährer der Familie sind und dass wir Frauen die Abhängigkeit vom Mann als "gottgewollt" hinzunehmen haben. Beides sind Lügen.

Denn ein Ausweg aus der Abhängigkeit ist die Bildung, welches für die muslimischen Mädchen (mittlerweile auch für muslimische Jungs) oft verwehrt bleibt.
Sie werden von ihren Eltern zunehmend aus dem Schwimm- und Sportunterricht oder Sexualkundeunterricht - mit der Begründung aus dem Koran und der Scharia-
herausgenommen und dürfen an Schulausflügen nicht teilnehmen.

Obwohl die Rechte und Pflichten für alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen gelten, werden in Deutschland Urteile- zugunsten der muslimischen Eltern - gefällt, die den Zugang der Mädchen zur Bildung einschränken.

Diese Schülerinnen- die in unserer Gesellschaft leben – haben aus religiösen, traditionellen oder kulturellen Gründen- innerhalb der Familie- nur mindere Rechte.

Wollen wir im Namen der Toleranz Frauen diskriminieren?
Wollen wir im Namen der Toleranz zusehen, wie die Scharia in Deutschland eingeführt wird?

Wir können und wir müssen erwarten, dass die Menschen, die nach Deutschland kommen, unser Grundgesetz und die liberalen Werte respektieren.
Menschen, die sich von der deutschen Gesellschaft bewusst abgrenzen und sich Parallelkulturen und Parallelgesellschaften schaffen, gehören nicht hierher.
Und wir dürfen gegenüber den Feinden unserer Demokratie niemals zurückweichen.
Wir wollen nicht mehr mit dem heuchlerischen Nebeneinander leben, sondern in einem respektvollen Miteinander.

Lassen sie uns gemeinsam zur Bewahrung unserer demokratischen Werte, für eine freie demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft noch entschiedener Eintreten als in der Vergangenheit.
Lassen wir nicht zu, dass die Macht der Unterdrücker durch unsere passive Duldung und stumme Akzeptanz wächst.
Lassen Sie uns gemeinsam handeln.
Lassen Sie uns gemeinsam heute tun, was zu tun ist, damit es kein „zu spät“ gibt.

Ich bedanke mich bei Ihnen allen für die große Ehre.
Seien Sie meines tief empfundenen Dankes versichert, dass ich meine Arbeit für eine friedliche, gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft fortsetzen werde.
Und ich werde in dieser Bemühung nicht nachlassen.
Ich danke Ihnen!

Serap Cileli
Dienstag, dem 30. August 2005 um 14:30 Uhr

 

 
 

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