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Elisabeth-Selbert-Preis am 12.11.2009
 
 
* ~ Presseartikel zur Verleihung ~ *
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elisabeth-Selbert-Preis 2009

Die Dankesrede anlässlich der Verleihung des Elisabth-Selbert-Preises in Kassel, am 12. November 2009.

von Serap Cileli

Sehr geehrter Herr Staatsminister Banzer,
sehr verehrte Frau Professor Süssmuth,
verehrte Jurymitglieder, verehrte Gäste, liebe Freunde, liebe Familie,
ich möchte Sie alle herzlich willkommen heißen und mich für Ihre Anwesenheit ganz herzlich bedanken.

Zuallererst: Es ist mir eine große Freude und eine große Ehre, heute eine so hohe Auszeichnung von Ihnen zu erhalten. Ich danke Ihnen dafür vielmals.

Ein herzliches Dankeschön möchte ich auch, für die netten und lobenden Worte, aussprechen.

Ich freue mich wirklich sehr über diesen Preis. Besonders aber, weil er mir Mut macht,
mich auch weiterhin für eine demokratische Gesellschaft einzusetzen.

Für eine Gesellschaft, in der auch muslimische Frauen (Männer) gleichberechtigt und frei von althergebrachten religiösen Glaubenssystem, Traditionen und Wertevorstellungen leben können – hier in Deutschland, in ganz Europa und darüber hinaus.

In mir steckt die Hoffnung, dass es mir gelingen möge durch meine Bücher, Artikeln und Texte den Schrei „unzähliger Musliminnen“ nach Gerechtigkeit hörbar zu machen. Dass ich für die Menschenrechte der muslimischen Frauen etwas bewegen und verändern kann.

Und meine innigste Hoffnung ist, wenn ich noch zu Lebzeiten zurück blicken und sagen kann; alles ist vorbei, du bist am Ziel und kannst in Frieden in Pension gehen.

Dass ich fröhlich und lachend sagen kann: Ja, das waren noch Zeiten,

- als wir um die Hierarchie der Geschlechter ernsthaft zu bekämpfen auf die Straßen gingen
und riefen: auch die muslimische Frau ist frei und dem Manne in allen Rechten gleich
geboren

Das waren noch Zeiten,

- als muslimische Frauen aus ihren Kerkern ausbrachen, für den Kampf um Menschenrechte für ihr eigenes Geschlecht kämpften.

- für den Kampf zur Befreiung der Frauen aus dem Sklavenstatus: Zwangsehe, Verwehrung des Turn-, Biologie- und Sexualkunde- Unterrichts für Mädchen, Prügelrecht des Ehemannes, Berufsverbot, Verhüllungszwang, Mord als Strafe für „Unkeuschheit“.

Aber die Hoffnung und Wirklichkeit klaffen wie die Schneiden einer geöffneten Schere weit auseinander.

Denn die „Gleichberechtigung“ von Mann und Frau, ist innerhalb der muslimischen Diaspora - hier in Deutschland wie auch im restlichen Europa- noch ein Sonderfall.

Und das, obwohl dank der deutschen Politikerin und Juristin Dr. Elisabeth Selbert „eine der „Mütter des Grundgesetzes“, seit 1949 im Grundgesetz aufgenommenen Gleichheitsgrundsätze „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.

Deshalb, in der Verleihung dieses Preises sehe ich nicht nur die Anerkennung meiner Person, sondern vielmehr die Anerkennung meiner Arbeit. Die von mir seit Jahren angeprangerten –Ungleichbehandlungen von muslimischen Frauen - vor allem seitens ihrer Familie, die von außen meist unsichtbar bleibt.

Der Elisabeth- Selbert - Preis hat den politischen Auftrag, sowohl in der Gegenwart als auch in Zukunft Frauenthemen in der öffentlichen Diskussion zu festigen – auch bei der Frauenfrage bei den MuslimInnen.
Überdies stellt der Preis uns alle vor die essentielle Aufgabe, direkten Einfluss auf die Politik zu nehmen.
Ein Anstoß zur Neuformulierung der Integrationspolitik, die sich der Probleme und Ungerechtigkeiten in der islamischen Parallel- und Gegengesellschaft ohne Scheuklappen zu widmen.

60 Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Gleichberechtigung, sind religiös motivierte und traditionell legitimierte und geförderte Gewalt von Jungen und Männern gegen Mädchen und Frauen- immer noch die Lebenswirklichkeit bzw. die Alltagsrealität viele Musliminnen.

Das Beunruhigendste ist jedoch, dass nicht wenige muslimische Frauen heute noch die Rechtfertigung für patriarchale Strukturen und Frauenverachtung liefern, die selbst Zweifel vor der Gleichberechtigung und in ihrem Gedankengut die Unterdrückung der Frau tief verwurzelt haben.

Dass die Emanzipation, die Freiheit der Frauen und auch ihre Weiblichkeit den muslimischen Männern Angst machen, weil sie ihre Jahrhunderte alte Vormachtstellung dadurch bedroht sehen, ist uns allen bekannt. Jedoch, dass diese Frauenfeindlichkeit von muslimischen Frauen vollständig verinnerlicht wird, nimmt verheerende Dimensionen an.

Es sind nämlich die Frauen selbst, die als Mütter ihren Töchtern strenge Erziehung auf Basis konservativer Werte und Normen vermitteln, welche sie an ihre Unterdrücker fesseln.

Was zum Beispiel bedeutet u. a. Kein Sex vor der Ehe, weil die „Jungfrau“ ein Wunschbild vom Mann ist, das er heiraten will. Die Frau soll dem Mann untergeordnet sein, erst ihrem Vater, dann ihrem Ehemann, ersatzweise einem Bruder oder Onkel. Der Mann darf seine Frau im Falle gröbster Verletzungen ihrer Aufgaben und Pflichten "züchtigen". Die Frau gehört ins Haus, der Mann in die Öffentlichkeit. Das Weib ist des Mannes Ehre, die sie nicht beflecken darf.

Der gepflegte Antifeminismus, der in der muslimischen Welt herrscht, wird folglich auch von Frauen selbst salonfähig gehalten.
Diese muslimischen Frauengruppen, die Vorbehalte- gegen die Gleichstellung der Frau und weibliche Emanzipation, wie sie im Westen praktiziert wird- haben, gehören durchaus nicht dem Personenkreis „gering qualifizierter“ Frauen an, sondern, sind vorrangig hoch gebildete Frauen mit muslimischen oder türkischen Migrationshintergrund.
Denen auch ich persönlich bei meinen Lese- und Vortragsreisen ständig begegne. Die von Konvertitinnen und islamophilen Frauen der verschiedeneren Kirchengemeinden energisch unterstützt werden.

In dieser Hinsicht muss ich andererseits die muslimischen Frauen, für ihre ewige Opferrolle, selbst kritisieren.
Ihre Unterdrückung geht nicht nur von Männern aus, sondern auch durch ihre Selbstaufgabe und Schuldgefühle von dem sie sich nicht befreien können. Dieses Gefühl der Unfähigkeit und Machtlosigkeit ertappt sie jedes Mal, wenn sie sich zu weit von den ihnen zugewiesenen Rollen und Rechten entfernen oder diese ablehnen.
Dass sie etwa beruflichen Erfolg haben, journalistische oder politische Karriere machen können, bedeutet noch nicht, dass sie frei sind.
Die weibliche Freiheit hängt nicht unmittelbar mit dem Besitz von rechtlicher Gleichstellung oder Bildung, sondern beruht auf der bewussten Entscheidung von Frauen, auf sexuelle Freiheit, dem Frausein eine Bedeutung zu geben und frei zu sein von äußeren Zwängen, frei zu sein egal was sie tun und wie sie es tun.

Fortwährende Freiheitsberaubung der muslimischen Frauen wird gerade von hoch qualifizierte Musliminnen oder Türkinnen nicht nur verschwiegen, sie stehen sogar unserem Verständnis von Geschlechtergleichheit, Demokratie, Solidarität und Menschenrechten deutlich entgegen.

Eine andere Meinung über „die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft“ zu haben, wird aus ihrer „männlich dominierten“ Sichtweise kriminalisiert.

Hauptsächlich den Menschenrechtsaktivistinnen mit muslimischen oder türkischen Migrationshintergrund stellen sie sich feindlich gesinnt entgegen. Diese werden angefeindet und angegriffen. Sie werden als Verräterinnen, als die unechten Türkinnen oder Musliminnen diskreditiert, die mit den feindlichen „Ungläubigen“ paktieren.
Verehrte Gäste, wenn Musliminnen selbst ihre Opferrolle nicht verlassen, sich nicht für die Menschenrechte der Frauen engagieren, werden wir folglich weder den Frauenfeind noch den Antifeminismus in muslimischen Gesellschaften chancenreich bekämpfen.
Des Weiteren müssen wir bei der Integration unser besonderes Augenmerk auf die Frauen richten:
Wenn wir in Deutschland die Integration der Musliminnen in die westliche Kultur
nicht in die Wege leiten, wenn Musliminnen ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nicht ausüben können, wenn wir nicht eintreten für die Würde der Musliminnen, keine Maßnahmen ergreifen gegen die diversen Formen der Entfremdung, denen Frauen zum Opfer fallen und wenn wir nicht aufschreien gegen das Unrecht, das muslimischen Frauen angetan wird in unserem Land, wird die Frauenfeindlichkeit im islamischen Kulturkreis ihr Gesicht nicht ändern.

Und wenn selbst muslimische Frauen unbeirrt die traditionelle Rollenverteilung von Mann und Frau und das Patriarchat, welche jegliche Entwicklung des Individuums verpönt, verteidigen, sind all unsere Integrationsbemühungen in Deutschland zum Scheitern verurteilt.


Dabei geht es mir gerade um die junge Frauengeneration in der muslimischen Diaspora, die - mit „Türban“ oder ohne- nicht selten westlich gekleidet sind, akzentfrei Deutsch sprechen, dem ungeachtet ihre östliche Lebensart beibehalten und die europäische Kultur nicht übernehmen wollen.

Aber eine äußerlich "westliche" Kleidung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass orientalische Wertevorstellungen wie z.B. Ehre, Scham und Schande oder Familie, Ehe und Hierarchie im Privatleben für diese junge Frauengeneration eine wichtige Rolle spielen.

Höchste Zeit also, das wir nun dahingehend wirken müssen, dass die Gleichberechtigung, Frauenfreiheit und Emanzipation in der muslimischen und türkischen Praxis bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wird.
Und die faktische Geschlechterungleichheit in muslimischen Gesellschaften dürfen wir nicht länger als tolerierbare "kulturelle Eigenart“ schützen und pflegen.

Dass Frauenfeindlichkeit bzw. Antifeminismus in muslimischen und türkischen Kulturkreis jederzeit lebensgefährlich werden kann, zeigen uns die Frauenmorde.

70 „Frauenmorde“ in neun Jahren. Diese brutalen Verbrechen „im Namen der Familienehre“ gehören längst zum Alltag in Deutschland.

Man muss wohl nicht extra darauf hinweisen, dass jeder Frauenmord einer zuviel ist!

„Morde im Namen der Familienehre“ sind nicht nur gezielte Tötungsdelikte an Frauen sondern ein Verbrechen gegen unsere Verfassung und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Es muss endlich Schluss sein mit Verharmlosungen und Relativierungen oder mit strafmildernden Kulturbonus bei Straftaten „im Namen der Ehre“, die die Opfer des Patriarchats demütigen und verhöhnen, die die Opfer wie Hatun, Gönül, Gülsüm oder Büsra zum zweiten Mal morden.

Weil von solchen Gerichtsurteilen eine gefährliche Signalwirkung ausgeht, die nicht zu unterschätzen ist. Es ist nicht nur ein ermutigendes Zeichen für die potenziellen Nachahmer sondern auch unser Kampf um Menschenrechte und Selbstbestimmungsrecht von Musliminnen droht in der Sackgasse zu landen.

An dieser Stelle wäre nachstehendes rot zu unterstreichen: Die Arbeit und das Engagement von Menschenrechtsaktivisten „für die Menschenrechte der Musliminnen“ sind nicht einfach und auch nicht ohne Gefahren. Die Aktivistinnen werden als Nestbeschmutzerin beschimpft, verfolgt und direkt mit Leib und Leben bedroht.

Zurück zum Thema:
Gerade die groteske Täter-Opferverdrehung, sehe ich nicht nur als eine Verspottung der Betroffenen, sondern eine eindeutige Kampfansage gegen die Opfer des islamischen Patriarchats. Diese sind Frauen und Mädchen die den Weg suchten in Freiheit zu leben, nach ihrer Weiblichkeit, Selbstbestimmtheit, nach ihrer Freiheitsliebe.

Als Beispiel sei hier auf eine deutsche Reporterin - in dem Mordprozess- Fall der 16-jährigen Morsal O. die von ihrem Bruder Ahmad mit 23 Messerstichen ermordet wurde - verwiesen.

Verehrte Gäste, natürlich kann auch die Emanzipation von europäischen Frauen noch nicht als geglückt angesehen werden oder die Gleichberechtigung sei längst erreicht und der Feminismus ein alter Hut.

Immerhin sind wir aber bei der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau in Deutschland, durch viel Überzeugungskraft, großen Einsatz und Hartnäckigkeit der Sozialdemokratin Elisabeth Selbert, einen großen Schritt vorangekommen.

Und wir können uns heute freuen an dem Erreichten, sollten aber die Verpflichtung mitnehmen, in unserem Land die Stimme zu erheben, für die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung- in allen Bereichen und in allen Lebensphasen.

Wir müssen alle Frauen- auch Musliminnen- Mut machen die Stimme zu erheben und mitzureden, für ihre Gleichstellung und Emanzipation eine kompromisslose Haltung einzunehmen.

Die Gleichberechtigung darf nicht nur auf dem Papier existieren, sondern muss auch im Alltag gelebt werden.

Wir müssen uns auch konkret fragen, was wir tun können, wie wir der muslimischen Frauen die „weibliche Freiheit lehren".
Wie sie die Initiative selbst in die Hand nehmen, ihren Platz in der Gesellschaft definieren, frei sein oder eigene Ideen entwickeln und für ihre Rechte kämpfen kann.

Darum habe ich die Initiative ergriffen und den Verein „peri“ gegründet- Verein für Menschenrechte und Integration und heute möchte ich Sie herzlich dazu einladen Mitglied zu werden oder unsere Arbeit durch Ihre Spenden zu unterstützen!

Verehrte Gäste, die Liebe zur Freiheit ist wie man weiß ansteckend, die heldenhaften europäischen Frauen in den Generationen vor uns haben mutig und tapfer Schritt für Schritt unsere Wege erstritten.

So wie die Politikerin und Juristin Dr. Elisabeth Selbert, die eine unglaubliche Stärke und großen Optimismus gezeigt hat – von ihr können wir alle in punkto Freiheitsliebe und Gleichberechtigung etwas lernen.

Was wir brauchen ist nur Zivilcourage und Mut im Alltag.

Denn nur mit diesen Eigenschaften können wir unsere Demokratie, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung erhalten.

 

 

 
 

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