runter
 
Ludwig-Beck-Preis 2006
 
 
* ~ Presseartikel zur Verleihung ~ *
 
* ~ Laudatio von Karl Kardinal Lehmann~ *
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage 2006

Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ludwig-Beck-Preises für Zivilcourage der Landeshauptstadt Wiesbaden am 12. Juli 2006

von Serap Cileli

„Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben." (1)

(1) (Henning von Tresckow am 21. Juli 1944 zu Schlabrendorff)
Henning von Tresckow war Generalmajor der Deutschen Wehrmacht sowie tätig im militärischen Widerstand gegen Hitler.
Der promovierte Jurist von Schlabrendorff gehörte schon früh zu den konservativen Gegnern des Nationalsozialismus und war ein deutscher Offizier und Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944.

 

Eure Eminenz, sehr verehrter Kardinal Karl Lehmann,
sehr geehrte Frau Stadtverordnetenvorsteherin Angelika Thiels,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Hildebrand Diehl,
liebe Mitglieder des Auswahlgremiums,
liebe Schülerinnen, lieber Schüler,
meine Damen und Herren, ich Grüße sie alle recht herzlich!


Meine Damen und Herren, liebe Gäste, am Anfang steht vielfacher Dank.

Mein besonderer Dank geht an die Vertreter des Polizeipräsidiums Westhessen und die FDP-Stadtverordnetenfraktion die mich, mit dem „Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage“ so großzügig gewürdigt haben. Der Preis – die den Namen des Generaloberst Ludwig Beck trägt- ist für mich eine große Ehre.

Ich danke Ihnen und der gesamten Jury sehr herzlich.

An der Stelle gedenke ich mit Ehrfurcht und tiefem Respekt dem Wiesbadener, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Generaloberst Ludwig August Theodor Beck. Generaloberst Beck musste für seine Zivilcourage, sein unerschrockenes Eintreten für Freiheit und Menschenrechte- im nationalsozialistischen Deutschland, am 20. Juli 1944 in Berlin - mit dem Leben bezahlen.

Danken möchte ich auf diesem Wege, den Aktionsbündnis Wiesbadener Mädchen- und Fraueneinrichtungen und an allen anderen Mitwirkenden, Organisatoren und Helfern. Ihnen ist diese "Anti-Ehrenmord" Demonstration und Kundgebung- am 30. Juni 2005 in Wiesbaden - zu verdanken.

Anlässlich eines so genannten Ehrenmordes an der jungen Türkin Gönül Karabey, die am 13. Juni 2005 in Wiesbaden vom eigenen Bruder hingerichtet worden war, sind mehr als 200 Menschen, darunter Mitschülerinnen und Mitschüler der ermordeten Gönül Karabey dem Aufruf zur Demonstration gefolgt.

Hiermit möchte ich mein Respekt, auch an die mutigen Demonstranten in Wiesbaden- für Ihre Mitmenschlichkeit, Solidarität, Bürgersinn und Zivilcourage- aussprechen.

Ebenfalls zum Ausdruck bringen möchte ich, dass nur eine Handvoll Frauen und Männer mit türkischem Migrationshintergrund sich an der Demonstration beteiligt haben. Ich empfand es wie einen Schlag ins Gesicht, ein Schlag ins Gesicht eine jeden Menschen mit Zivilcourage.

An dieser Stelle sei angemerkt;
zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde ist nicht nur der Staat sonder auch die Gesellschaft zur Hilfe und Achtung verpflichtet. Unabhängig von Alter, Rasse, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Geschlecht und Herkunft.

Ich danke an alle Schülerinnen und Schüler der Wilhelm- Heinrich- von- Riehl und Diltheyschule für den tollen Filmbeitrag und Ausstellung.

Ich möchte mich aber auch bei all jenen heute hier Anwesenden bedanken. Ihre persönliche Anwesenheit hat für mich dieses Fest zu einem besonderen Erlebnis gemacht und bedeutet für mich und meiner Familie eine große Freude. Danke, dass sie gekommen sind.

Sehr verehrte Damen und Herren,

im Januar 2007 wird Deutschland für sechs Monate die EU-Präsidentschaft übernehmen. Hier wird Deutschland- anlässlich des laufenden
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zur Europäischen Union - eine zentrale Rolle zukommen.

Vor dem 03. Oktober 2005 stand ganz im Zeichen der Frage, ob die Europäische Union Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufnehmen wird oder nicht. Obwohl die Verhandlungen über den EU-Beitritt der Türkei mit Zustimmung der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union begannen haben, ist ein Beitritt der Türkei bis heute umstritten.

Für mich sind in diesem Zusammenhang
Frauen- und Kinderrechte,
Religionsfreiheit nicht-muslimischer Minderheiten,
Menschen- und Minderheitenrechte,
wie auch andere Freiheitsrechte vor einem EU Beitritt der Türkei durchzusetzen.
Deshalb will ich den heutigen Anlass dazu nutzen mit Ihnen über
die « unsichtbaren » Frauen und Töchter Anatoliens“ zu sprechen.
Als gebürtige Türkin möchte ich heute die Stimme der stimmlosen Frauen Anatoliens sein um Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass „Frauen in der Türkei“ noch immer um ihre Rechte kämpfen. Seit mehr als 80 Jahren führen zahlreiche Feministinnen aus unterschiedlichen Ethnien, Nationen und Religionen in der Türkei gemeinsam den andauernden Kampf um Frauenrechte.
Sie Kämpfen für Schul- und Berufsbildung von Frauen,
gegen die Gewalt des Staates wie gegen familiäre Gewalt,
recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit.
Sie kämpfen für ein Leben in Würde und für viele grundlegende Rechte von Frauen als gleichwertige Menschen. Unter dem Scheingrund, die Familienehre zu hüten, werden Frauen eingesperrt, bedroht, geschlagen, gegen ihren Willen verheiratet oder zum Selbstmord gedrängt.
Allein in Batman (Südosten der Türkei) brachten sich in diesem Jahr (2006) 36 junge Frauen um. In den meisten Fällen handelt es sich eher um verdeckte Morde „im Namen der „Ehre“, die als Selbstmord getarnt werden um gar nicht erst das Risiko juristischer Ermittlungen einzugehen. Nach Angaben von VAKAD- dem Frauenverein in Van (Südosten)- haben im vergangenen Jahr (2005) 45 Frauen und Mädchen Selbstmord begangen. In den ersten fünf Monaten diesen Jahres (2006) waren es 22.
Die Vereinsvorsitzende Frau Özgökce verwies darauf, dass unter den Opfern sehr junge Mädchen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren seien.
Dass die Mädchen Inzest erleben und die Frauen dabei hilflos bleiben.
An dieser Stelle möchte ich „Inzest- in türkischen Familien“ in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Es ist das größte Tabu- Thema dieser Gesellschaft.
Wenn die Braut nicht blutet wird sie noch in der Hochzeitsnacht wieder ins Vaterhaus zurückgeschickt. Einige von ihnen werden sofort ermordet, anderen werden in extremen Fällen ihre Nase oder Ohren abgeschnitten und anderen wiederum das weibliche Geschlechtsorgan verstümmelt.

Oder um die nicht jungfräuliche Braut zu demütigen, scheren sie ihr den Kopf kahl und führen sie durch das gesamte Dorf bis zum Vaterhaus vor.

Diese mörderische Praxis und menschenverachtenden Foltermethoden erinnern mich an die Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus.
Und frage mich gleichzeitig; wie können wir derartige Ungerechtigkeiten und Brutalitäten zulassen? Wird die Welt wieder zuschauen während die Frauen und Töchter Anatoliens massakriert werden?
Wieso fragt hier niemand nach den Tätern, nach denjenigen die achselzuckend diese Verbrechen und die Schandtaten ignorieren oder ihr Mitwissen verdrängen sogar verharmlosen?
Nach Ermittlungen der Parlamentskommission wurden innerhalb der letzten fünf Jahre 1190 Fälle versuchter oder vollendeter Ehrenmorde in der Türkei registriert.

 


11.06. 2006- ANKARA/Mamak: 18-jährige Yasemin Çetin

Eine der Opfer ist die 18-jährige Yasemin Çetin, aus dem Vorort Mamak der Hauptstadt Ankara. Ihre Hinrichtung - am 11. Juni 2006- reiht sich ein in eine lange Kette von so genannten Ehrenmorden.

Zuerst wird Yasemin bei einem Besuch ihrer Schwester von ihrem Schwager vergewaltigt.
Danach wird ihr Kind abgetrieben und anschließend ihre Jungfräulichkeit wiederhergestellt.Nach den Regeln des islamischen Rechts, der so genannten "Imamehe", wird sie verheiratet. Dann kommt die Hochzeitsnacht und das Laken ist nicht rötlich. Der Bräutigam gibt die junge Braut den Schwiegereltern zurück, weil Yasemin angeblich keine Jungfrau mehr war. Zwei Tage nach ihrer Hochzeit wird Yasemin vom eigenen Bruder durch einen Kopfschuss hingerichtet.
Doch der gerichtsmedizinische Bericht bestätigt die „Jungfräulichkeit“ des jungen Mädchens.

 

05. Juli 2006 GAZIANTEP - 16-jährige Meryem Sezgen

Ein anderes Opfer ist die 16-jährige Meryem.
Meryem war ein unverheiratetes Mädchen und erwartete ein Kind. Sie wusste, dass sie nach dem archaischen Moralkodex Anatoliens die Ehre ihrer Familie beschmutzt, deshalb log sie ihren 22-jährigen Bruder Selahattin an und sagte, sie habe in letzter Zeit zugenommen.
Doch Selahattin glaubte seiner Schwester nicht und weckte am frühen Morgen das im siebten Monat schwangere Mädchen auf und richtete sie mit zwei Schüssen aus einem Jagdgewehr hin.
Mit Meryem starb ihr ungeborenes Kind, am 05. Juli 2006 in Gaziantep.
Doch dieses besonders unbarmherzige Verbrechen ließ Familie Sezgen “äußerst kaltblütig“. Für Familie Sezgen zählt nur, dass ihre „Ehre“ durch den Tod des jungen Mädchens wiederhergestellt wurde.

 

April 2003- IZMIR: 16-jährige Çigdem Ince

Ebenfalls die im siebten Monat schwangere, 16-jährige Çigdem Ince wurde im April 2003 von ihrem 24- jährigen Bruder Cahit mit sieben Schüssen getötet. Çigdems Todesurteil wurde von ihrer in Izmir wohnhaften Familie gefällt.

Meine Damen und Herren, ich protestiere gegen diese so genannten Ehrenmorde auf das Entschiedenste und fordere Sie freundlichst auf, Mitverantwortung und Zivilcourage zu zeigen und alles in Ihrer Macht stehende zu unternehmen um diesen Wahnsinn Einhalt zu gebieten.

Der Boden von Anatolien ist mit dem Blut dieser Frauen und Mädchen getränkt.
Mit unzähligen Mädchen und Frauen die aus Gründen der „Ehre“ von ihren Ehemännern, Vätern oder Brüdern umgebracht wurden.

Ich bitte die deutsche Regierung vor diesen Menschenrechtsverletzungen die Augen zu öffnen und den Schutz der Frauen- und Menschenrechte in der Türkei sicherzustellen.

Meine Damen und Herren, bevor ich jetzt meine Rede abschließe, möchte ich das aktuelle Ehrenmord- Urteil in Dänemark nicht unerwähnt lassen.

 


23. September 2005- DÄNEMARK: 18-jährige Ghazala Khan

Am 23. September 2005 wurde die 18-jährige Pakistanerin Ghazala Khan in der dänischen Provinzstadt Slagelse von ihrem Bruder auf offener Straße erschossen. Ghazala hatte sich gewagt den Mann ihrer Wahl zu lieben und ihn ohne Einverständnis ihrer Eltern zu heiraten, so wie die 20-jährige junge Türkin Gönül Karabey.
Während Gönül Karabeys Mörder sich vor Gericht für seine Verbrechen noch verantworten muss, fällte das Kopenhagener Oberlandesgericht am 28. Juni 2006 - das erste Mal in Westeuropa- einen historischen Schuldspruch.
Während in vergleichbaren Fall beim Hatun Sürücü- Mord - das Berliner Landgericht am 13. April 2006 nur ihren jüngsten Bruder zu einer hohen Jugendstrafe verurteilte und ihre zwei weiteren Brüder aber frei gesprochen hatte, verurteilte das dänische Gericht neun Familienmitglieder wegen des Mordes an der jungen Pakistanerin.
Mit diesem Schuldspruch gegen alle neun Angeklagten hat das dänische Gericht ein klares Signal gegen die so genannten "Ehrenmotive" und „Zwangsehe“ gesetzt.
Und ein Appell an die Zivilcourage jedes einzelnen, nicht wegzuschauen. Engagiert und mutig Zivilcourage gegen jede Art von Gewalt, besonders gegen Gewalt an Frauen zu zeigen.

Liebe Gäste, das höchste Gut der Menschheit ist die uneigennützige und freiwillige Solidarität und Zivilcourage.
Lassen Sie uns gemeinsam, die soziale Verantwortung und Engagement für die Demokratie den jungen Generationen vorleben.

Serap Cileli
12. Juli 2006 um 19:00 Uhr

 

 
 

< zurück

 
hoch
Hauptseite