Olympe de Gouges Preis 2008
Die Dankesrede anlässlich
der Verleihung des Olympe de Gouges Preis in Frankfurt.
ASF Frankfurt und Südhessen, Frankfurter Presse Club, Saalgasse
3,
09. März 2008, 11 Uhr
von Serap Cileli
Sehr geehrte Frau Ministerin, Wieczorek-Zeul
Sehr geehrte Frau Nissen,
meine Damen und Herren,
ich möchte der Arbeitsgemeinschaft
Sozialdemokratischer Frauen (AsF) für die Verleihung der „Olympe
de Gouges“ - Preis, meinen tief empfundenen Dank aussprechen.
Diese Auszeichnung steht für
Solidarität mit Opfern patriarchalischer Gewalt. Ich danke Ihnen,
dass Sie meine Arbeit so freundlich gewürdigt haben.
Ihnen, sehr verehrte Frau Ministerin,
gilt mein besonderer Dank. Es ist mir eine große Ehre und Freude,
diesen Preis von Ihnen persönlich entgegen zu nehmen.
Ich möchte auch einen Dank
für ihre freundliche Laudatio aussprechen.
Ich nehme diesen Preis in großer
Dankbarkeit im Namen der unzähligen muslimischen Mädchen und
Frauen entgegen, die Opfer veralteter Traditionen und menschenverachtender,
altväterlicher Strukturen werden.
Erlauben Sie mir daher heute die
Stimme der Stimmlosen Musliminnen sein zu dürfen.
Meine Damen und Herren,
Olympe de Gouges, die geistige
Mutter der Menschenrechte für weibliche Menschen, kritisierte die
„Männerrechte“ und stellte ihnen 1791 die Deklaration
der Rechte der Frau und Bürgerin entgegen. Am Anfang ihrer Präambel
heißt es: „Die Frau ist frei geboren
und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten“ (Artikel I.).
Heute, nach 217 Jahren, nach der
Ersten universalen Erklärung der Menschenrechte von Olympe de Gouges,
werden unzählige Musliminnen in Deutschland wie auch in Europa
immer noch Opfer des Terrors des Patriarchats. In diesen patriarchalischen
Familien, in denen der Herr wohnt, wo ER geehrt und Ihm gedient wird,
geht Macht vor Recht. Die Herrschaftsansprüche ihrer Väter,
Brüder, Ehemänner oder anderen männlichen Familienmitgliedern
gegenüber Frauen, verweigern den Musliminnen die Elemente der Selbstentfaltung,
der Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung, der autonomen Lebensführung.
„Im Namen der Familienehre“
wird ihre Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung, freie Partnerwahl
und freie Liebe beeinträchtigt. Nicht selten wird ihnen auch das
Recht auf Leben „im Namen der Männerehre“ genommen.
Ihr Todesurteil wird gefällt
und vollstreckt durch eigene männliche Familienangehörige,
wenn sie gegen den muslimischen Patriarchat aufbegehrt.
Die kritischen Stimmen aus der
weiblichen Bevölkerung bringen sie mit Einschüchterung zum
Schweigen. Kritische Stimmen die sich gegen Unterdrückung, Diskriminierung
und Ausbeutung von muslimischen Frauen auflehnen und Widerstand leisten,
wie einst Olympe de Gouges im 18. Jahrhundert.
Wir leben zwar nicht mehr im 18.
Jahrhundert, doch immer noch ergeht es den weltlichen und muslimischen
Feministinnen, wie der Namensgeberin des Preises, die den Mut aufbringen
die Stellung der Frauen im Islam zu hinterfragen, darüber kritisch
zu diskutieren oder gar die unterprivilegierte Stellung der Frau im
Koran ablehnen.
Ihnen droht die Todesstrafe durch
die islamisch-fundamentalistischen Flügel- selbst im 21. Jahrhundert.
Musliminnen fordern von deutschen
und europäischen Politikern sowie Kirchenvertretern demokratische
Geschlechterverhältnisse und keine Toleranz gegenüber ihren
autoritären, intoleranten Vätern und deren männlichen
Blutsverwandten.
Musliminnen fordern für sich
dieselben Grundrechte ein,
die für die Frauen in Europa gilt.
Ein Recht darauf das Kopftuch
abzulehnen oder abzulegen.
Das Recht auf Bildung- Teilnahme
am Schwimm-, Sport-, Biologie- und Sexualkundeunterricht.
Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.
Die Freiheit, selbst zu entscheiden,
ob sie nun jungfräulich heiraten wollen oder nicht.
Das Recht, sich seinen eigenen
Partner selbst auszuwählen.
Die Freiheit, sich auch in
einen Andersgläubigen wie Christen oder Juden zu verlieben.
Das Recht eine gewalttätige
oder unglückliche Ehe zu beenden.
Das Recht sich von den traditionellen
und religiösen Zwängen ihrer Familien loszulösen.
Das Recht auf ein „NEIN“
- ohne dabei Schuldgefühle haben zu müssen.
Das Recht auf Leben und körperliche
Unversehrtheit.
Musliminnen die sich aus der patriarchalischen
Unterordnung erheben, wiederholen lautstark den rebellischen Aufschrei
nach Existenzberechtigung gegen- die männliche Urgewalt, wie einst
Olympe de Gouges:
“Mann, bist Du fähig
gerecht zu sein? Eine Frau stellt Dir diese Frage. Sage mir, wer hat
Dir die selbstherrliche Macht verliehen, mein Geschlecht zu unterdrücken?”
Aus diesem Grunde mein Appell
an alle Verantwortlichen:
Um die Stille familiärer
Gewalt an Musliminnen, deren Leiden oft unerkannt bleibt, wirksam zu
bekämpfen, ist dringend - mehr Aufklärung, Prävention,
Opferhilfe und Verschärfung der Gesetze zum Opferschutz sind von
Nöten.
Setzen sie durch ihr völlig
fehlgeleitetes Toleranzverständnis gegenüber den autoritären
und patriarchalischen Vätern, nicht die Freiheit der Musliminnen
aufs Spiel.
Schon seit Jahren hat mich die Toleranz der Mehrheitsgesellschaft- gegenüber
streng religiös ausgerichteten Leben von Muslimen- gestört.
Aus meiner Sicht ist das keine Toleranz, sondern eine an der objektiven
Wahrheit uninteressierte "Gleichgültigkeit" der Mehrheitsgesellschaft.
Diese religiösen und traditionellen
Zwänge und Verpflichtungen, Mauern und Grenzen, die uns hindern,
wirklich frei zu sein um unsere Entscheidungen "autonom" zu
treffen - engen uns ein.
Demgemäß fordere ich
sie alle auf, die alten Mauern und Einschränkungen zu sprengen,
statt neues zuzulassen.
Ihnen allen herzlichen Dank für
Ihr aufmerksames Zuhören
Serap Cileli
09. März 2008 um 11:00 Uhr