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11.05.2009 / news.de

Tochter als Geisel

«Sie wird von der Familie verstoßen»
Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Wegen Geiselnahme muss sich ein 46-jähriger Mann vor dem Landgericht Stuttgart verantworten. Er soll seine Tochter gegen ihren Willen in der Türkei festgehalten haben, weil sie einen Deutschen heiraten wollte.

Der seit 30 Jahren in Deutschland lebende Türke soll seine Tochter im vergangenen Jahr als Geisel genommen haben. Er habe damit die Beziehung der 25-Jährigen zu einem deutschen Mann verhindern wollen, heißt es in der Anklage. Der Verlobte hatte die Polizei informiert, nachdem die Frau nicht aus der Türkei zurückkehrte.

Zum Prozessauftakt beantragte der Verteidiger des 46-Jährigen eine Vertagung. Der Anwalt sagte, er sei zu spät über die Zusammensetzung des Gerichts informiert worden.

Serap Cileli, Autorin und Gründerin des Vereins für Menschenrechte und Integration «Peri», kennt solche Fälle. «Alle Achtung, dass der deutsche Partner Anzeige bei der Polizei erstattet hat. Die Frage ist, wie lange die junge Frau diesen Weg geht. Wenn sie die Anzeige nicht zurückzieht und ihr Vater verurteilt wird, wird sie vom Familienverband verstoßen», sagt Cileli, die seit Mitte der 1990er Jahre nach eigener Aussage über 400 türkischstämmige Mädchen und junge Frauen bei Problemen wie Zwangsverheiratung beraten und betreut hat.

Cileli weiß, wovon sie spricht, denn sie musste mit 15 Jahren in der Türkei selbst eine Ehe eingehen. Sie litt und floh sieben Jahre später nach Deutschland. «Zwangsverheiratung ist Vergewaltigung auf Lebensdauer» steht auf der Internetseite der 43-Jährigen.
Im Stuttgarter Fall schilderte die Staatsanwaltschaft, dass der türkische Vater trotz seiner relativ liberalen Erziehungsprinzipien den deutschen Freund seiner ältesten Tochter nicht akzeptierte, da er kein Moslem ist. «Ob eine türkische Familie liberal ist oder nicht, das sagt gar nichts aus», betont Serap Cileli im Gespräch mit news.de. «Diese Konflikte und Menschenrechtsverletzungen sind in allen Bildungsschichten bittere Realität. Es kommen auch Jura- und Lehramtsstudentinnen oder Erzieherinnen zu mir, deren Eltern angesehene Geschäftsleute sind, perfekt Deutsch sprechen und einen deutschen Freundeskreis haben. Dennoch werden diese Mädchen sehr stark traditionell erzogen. Wenn dann die Tochter einen ‹Andersgläubigen› heiraten will, ist es das größte Unglück.»

Seit der angeklagte Vater von der Beziehung und den Heiratsabsichten seiner Tochter erfuhr, soll er laut Staatsanwaltschaft darauf gedrängt haben, das Verhältnis zu beenden. Bei einem Aufenthalt der 25-Jährigen und ihres Verlobten in der Türkei seien sie vom Vater überrascht worden. Er habe beide bedroht und den ungeliebten Schwiegersohn in spe gezwungen, allein nach Deutschland zurückzufliegen.

«Viele Welten leben» heißt eine Studie von Ursula Boos-Nünning und Yasemin Karakasoglu. Darin fanden die beiden Autorinnen heraus, dass mehr als 70 Prozent der deutschtürkischen Eltern gegen eine Eheschließung ihrer Töchter mit einem deutschen Jungen sind. Diese Einstellung werde über Generationen weitergegeben. «Das Tragische daran ist, dass sich türkische gebildete Frauen selbst erst emanzipieren müssen, damit sie überhaupt emanzipierte Söhne und Töchter erziehen können», erklärt Serap Cileli.


03.04.2009 / Terre des Femmes

Gefangen in der Gewaltspirale - Ein weiterer Mord im Namen der Ehre

In der Nähe von Krefeld wurde Anfang März die 20jährige Türkin Gülsüm S. erschlagen aufgefunden. Jetzt steht fest: Sie wurde im Namen der Ehre von ihrem Bruder ermordet.

Ihr Leben war bestimmt von Kontrolle und Gewalt durch ihren Vater. Nach Einbruch der Dunkelheit durfte sie die Wohnung nicht mehr verlassen. Rebellierte sie gegen die Vorschriften, wurde sie geschlagen. Ihre Familie versuchte sie gegen ihren Willen erst in der Türkei, dann in Deutschland zu verheiraten.

Doch Gülsüm widersetzte sich, floh von ihrer Familie, hatte einen Freund und wurde schwanger. Kurz vor ihrer Ermordung ließ sie das Kind in Amsterdam abtreiben. Nicht freiwillig, wie Serap Cileli, die Autorin des Buches “Eure Ehre - unser Leid", vermutet. "Scheinbar scheiterte die Beziehung zu ihrem albanischen Freund und sie bat ihre Schwester um Hilfe. Keiner durfte von der Schwangerschaft erfahren, denn durch den Verlust ihrer Jungfräulichkeit zerstörte sie in den Augen ihrer streng patriarchalischen Eltern die Ehre der gesamten Familie." Schon vor der Tat beriet Cileli eine Vertrauensperson Gülsüms. Gemeinsam versuchten sie Gülsüm zu unterstützen.

Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES, weiß von vielen Mädchen und jungen Frauen, die sich in einer ähnlichen Lage wie Gülsüm befinden. “Manchmal schweben sie in akuter Lebensgefahr, sollte auch nur das Gerücht aufkommen, sie seien keine Jungfrau mehr", berichtet Stolle. “Wir erhalten immer mehr verzweifelte Anrufe von Mädchen, die nach Möglichkeiten suchen, ihr Jungfernhäutchen wiederherstellen zulassen." Stolle weiter: “Wir leben im 21. Jahrhundert, in einem demokratischen Rechtsstaat. Und junge Frauen müssen um ihr Leben fürchten, weil sie ihre Sexualität selbstbestimmt leben wollen? Ein Zustand, den wir nicht akzeptieren dürfen!"

Für Nachfragen und Interviewwünsche stehen wir gerne zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich an TERRE DES FEMMES, Jasmine Olbort, Tel. 07071/7973-14 oder per Mail an eilaktion@frauenrechte.de


10.02.2009 / Bayerisches Fernsehen - Südwild

Zwangsheirat "Die Familie sucht nach ihm."

Das Leiden junger zwangsverheirateter Türkinnen ist bekannt. Doch kaum einer spricht über die jungen Männer, die von ihren Familien zur Ehe gezwungen werden.

Es war Mitte 2007, als die Schriftstellerin Serap Çileli ("Eure Ehre, unser Leid") eine aufrüttelnde Mail bekam. Ein junger Türke hatte ihr geschrieben: Er sei vor zwei Jahren mit seiner Cousine verheiratet worden und halte es einfach nicht mehr aus, Nacht um Nacht liege er mit seiner Verwandten im Bett, der Sex – für den jungen Mann nicht mehr als eine "Vergewaltigung". "Entweder Sie helfen mir, oder ich reiße aus", schrieb er Çileli. Und sie half.


Bildunterschrift: Serap Cileli

Vor rund einem Jahr gründete die Schriftstellerin den "Peri e.V.". Einen Verein, der Opfern der Zwangsverheiratung helfen soll. Çileli wurde in jungen Jahren selbst zwangsverheiratet: Doch Çileli gelang die Flucht aus dem Elternhaus. Heute schreibt die 43-Jährige, die für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, Bücher über das Leiden junger Türkinnen.

"Das Problem der Zwangsheirat wird vor allem mit jungen Migrantinnen in Verbindung gebracht", sagt Çileli, "dabei sind Männer genauso betroffen." Nicht jeder Mann, der von seiner Familie einer Frau versprochen wurde, sei mit der Eheschließung einverstanden.

Warum werden Männer überhaupt zur Heirat gezwungen? Im Auftrag des Bundesfamilienministeriums hat der Dortmunder Sozialwissenschaftler Ahmet Toprak 2007 einen Aufsatz zur "Geschlechterrollen und Geschlechtererziehung in türkischen Familien" geschrieben. Seine Antwort: Oftmals missbrauchen türkische Familien die Heirat als Disziplinarmaßnahme für ihre Söhne. Vor allem in "bildungsfernen" Familien, die aus den "ländlichen Teilen der Türkei" nach Deutschland eingewandert seien, gelte die Heirat als Mittel, um dem männlichen Nachwuchs "Verantwortungsbewusstsein" anzutrainieren, ihn zu einem "Versorger, Ernährer und Oberhaupt einer Familie" zu machen.

"Viele Männer melden sich anonym bei unserem Verein und wollen einfach nur reden", sagt Serap Çileli. Seit das Thema der Zwangsheirat von Männern eine größere Aufmerksamkeit genießt, habe sie das Gefühl, dass sich mehr Männer mit ihrem Leiden an die Öffentlichkeit wenden. Dass viele sich schämten, hänge vor allem mit der Familienstruktur in arabischen Kulturen zusammen. "Das Patriarchat, in dem sie aufwachsen, sieht keine Männer vor, denen ein fremder Wille aufgezwungen werden kann". Die Betroffenen fühlten sich unmännlich, sagt Çileli. "sie wollen sich ihr Leid nicht eingestehen."

Eine Heirat verspricht in der türkischen Tradition "gesellschaftliche Anerkennung". So werden Männer, die mit "spätestens Mitte Zwanzig" nicht geheiratet haben, unter Druck gesetzt, so Ahmet Toprak. Das Heiraten dokumentiere den Schritt in das Erwachsenenleben – alle unverheirateten Männer bleiben "Kinder", unabhängig vom Alter. So wird eine Heirat denn auch nicht vordergründig mit Liebe begründet, vielmehr ist sie eine "kollektivistische Bestimmung", so der Sozialwissenschaftler. Eine Pflichterfüllung, eingefordert von der Gesellschaft.

Vielen Betroffenen kann Serap Çileli helfen zu fliehen. Gemeinsam mit den anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern des "Peri e.V." organisiert sie Umzüge innerhalb Deutschlands. Viele der Hilfesuchenden fliehen von Bundesland zu Bundesland, immer im Wettlauf mit der eigenen Familie, die selten die Suche aufgibt. "In den schwerwiegendsten Fällen müssen wir für die Bedrohten eine Identitätsänderung beantragen", sagt Çileli. Doch oftmals würden Polizei oder Jugendamt die Gefahr gar nicht erkennen: "Besonders bei jungen Männern haben die das Klischee des Macho-Türken im Kopf." Die wenigsten könnten sich vorstellen, dass auch junge Türken von ihren Familien bedroht werden.

Dem 18-Jährigen, der ihr 2007 die alarmierende Mail geschrieben hatte, konnte Serap Çileli helfen. Die Schriftstellerin organisierte eine Flucht für den jungen Mann, brachte ihn vorübergehend in eine Obdachlosenunterkunft. Mittlerweile lebt der heute 20-Jährige mit seiner deutschen Freundin irgendwo in Deutschland. Die Nennung seines Namens und seine Aufenthaltsorts in der Presse könnte sein Todesurteil sein – Serap Çileli weiß: "Seine Familie sucht nach ihm."


26.01.2009 / Spiegel Online

EINWANDERUNG

Für immer fremd

Von Katrin Elger, Ansbert Kneip und Merlind Theile

Ein Drittel der in Deutschland geborenen Kinder wächst in Migrantenfamilien auf - sie werden mitbestimmen über die Zukunft des Landes. Doch viele Zuwanderer sind schlecht integriert. Eine neue Studie zeigt: Vor allem Türken zählen zu den Verlierern.

(…..) Nach einer Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT) aus dem Jahr 2006 bezeichnen sich 83 Prozent der türkischstämmigen Muslime als religiös oder streng religiös, mehr als noch fünf Jahre zuvor. "Die Religiosität hat zugenommen", schreiben die Autoren.

Aber was bedeutet das für die Integration? Verhindert der Islam, dem die meisten der hier lebenden Türken anhängen, dass Migranten ihren Weg in die deutsche Gesellschaft finden?

Für die Autorin Serap Çileli ist die Antwort eindeutig. "Die Religionszugehörigkeit spielt bei der misslungen Integration der Türken eine maßgebliche Rolle", sagt Çileli, selbst Opfer einer Zwangsehe. Seit mehr als zehn Jahren betreut sie Gewaltopfer, Peri e. V. heißt ihr Verein. "Ich sehe Tag für Tag das Leid muslimischer Mädchen und Frauen, die in ihrer engen islamisch-konservativen Welt überhaupt keine Chance bekommen, jemals am deutschen Leben teilzunehmen."

Eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergab im Jahr 2004, dass türkische Frauen in Deutschland überdurchschnittlich oft häusliche Gewalt erleben. Dazu kommen arrangierte Ehen: Ein Viertel der befragten türkischen Frauen lernte den eigenen Ehemann erst bei der Hochzeit kennen; neun Prozent gaben an, zur Heirat gezwungen worden zu sein.

Islamkritiker sehen die Wurzel des Übels in der Religion, die patriarchalische Strukturen untermauere: Männer könnten vom Koran das Recht ableiten, ihre Frauen zu unterdrücken. Die wiederum sehen sich durch den Koran verpflichtet, das Leid zu erdulden.

Bassam Tibi, Mitbegründer der "Arabischen Organisation für Menschenrechte", hält die Integration muslimischer Zuwanderer unter diesen Bedingungen für unmöglich: "Keine Demokratie kann eine Inferiorisierung der Frau zulassen."


08.01.2009 / Polizei Rheinland-Pfalz

Autor: Edgar Breit
Herausgeber: Landespolizeischule / FHöV - Fachbereich Polizei

Demokratie und Menschenrechte erleben

Fachmesse zum Thema Demokratie und Menschenrechte am Fachbereich Polizei der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung

Anlässlich des 60. Jahrestages der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" veranstaltete der Fachbereich Polizei der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung eine Fachmesse für Demokratie und Menschenrechte.

Die Veranstaltung sollte insbesondere den angehenden Polizeikommissarinnen und Polizeikommissaren vor Augen führen, welche Bedeutung ihrer täglichen Arbeit hinsichtlich der Gewährleistung von Demokratie und Menschenrechten zukommen wird. Es reicht nicht aus, dass die Menschenrechte in den Verfassungen verankert sind, führte der stellvertretende Schulleiter Ernfried Groh im Rahmen seiner Begrüßungsansprache den Studierenden und zahlreichen Gästen anhand ausgewählter Zitate vor Augen. "Sie müssen gelebt und sie müssen garantiert werden! Mit ihrem Eintritt in den Polizeidienst haben sie sich für einen Beruf entschieden, der sie täglich fordern wird und von ihnen verlangt, die Menschenrechte und die Würde zu achten und zu schützen. Ich wünsche mir, dass das Thema Menschenrechte für sie heute zu einem besonderen Erlebnis wird", sagt Groh mit Blick auf das vielfältige Informationsangebot im Rahmen der vom Studienfach Staats- und Verfassungsrecht organisierten Fachmesse.

Hochkarätige Referenten vermittelten in unterschiedlichen Hörsälen am Campus ihr Wissen aus Theorie und Praxis, die bei allen Anwesenden auf großes Interesse stießen. Vertreten waren Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin, des Bundesverfassungsgerichtes in Karlsruhe sowie der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Die Buchautorin und Menschenrechtlerin Serap Cileli schilderte die Situation muslimischer Frauen in Deutschland und forderte ein engagiertes Eintreten für Menschen- und Grundrechte.

Georg Lütter, Referent des Bundestagsabgeordneten Fritz-Rudolf Körper, referierte zum Thema "Das Menschenrecht auf Sicherheit und Freiheit".

"Die Referenten haben uns für unser späteres Handeln und Wirken innerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sensibilisiert und haben somit unseren Sinn für die objektive Werteordnung "Verfassung" weiter geschärft. Der Satz, dass wir die wichtigsten Menschenrechtsschützer in der Gesellschaft seien, wird mir und meinen Kolleginnen und Kollegen künftig wohl immer in Erinnerung bleiben", sagt eine Studentin nach der Veranstaltung und hebt auch den Mehrwert einer solchen konzentrierten Themenvermittlung im Rahmen einer Fachmesse besonders hervor.

Ebenfalls vor Ort waren zahlreiche Verbände und Organisationen aus den Bereichen Demokratie und Menschenrechte: Amnesty International, der Weiße Ring, die Humanistische Union sowie der Kinderschutzbund stellten gemeinsam mit den Vertreter der Polizeigewerkschaften ihre Arbeit in der täglichen Praxis vor. Der überwiegend "messeartige" Charakter des Nachmittags ermöglichte eine gelungene Kombination aus Vorträgen, Informationen und Diskussionsrunden.


04.12.2008 / Podiumsdiskussion

"EURE EHRE - UNSER LEID: Die Integrationsfalle" in Berlin am 04.12.2008

Podiumsdiskussion zum Thema Integration türkisch/muslimischer MigrantInnen in Deutschland

Die Veranstaltung des Blanvalet Verlags und von TERRE DES FEMMES fand am Donnerstag, den 04. Dezember 2008, 19:30 Uhr in der Bertelsmann AG, Unter den Linden 1, 10117 Berlin statt

In ihrem neuen Buch Eure Ehre - Unser Leid (Bestellung im TDF-Online-Shop) fordert die deutsch-türkische Frauenrechtlerin Serap Çileli deutlich verbesserte Hilfs- und Eingliederungsmaßnahmen für türkisch/muslimische MigrantInnen, denn diese leben - so Çileli - nach wie vor in Parallelgesellschaften. Eine Aufforderung an die deutsche Politik, auch bislang eher vernachlässigte Themen wie die Rolle deutscher KonvertitInnen, die Rolle von Männern als Opfer von Zwangsehen, die schleichende Islamisierung Deutschlands, besseren Schutz vor Gewalt im Namen der Ehre - und mehr - in der aktuellen Integrationsdebatte intensiver zu berücksichtigen. Eine dringende Notwendigkeit, die Çileli in ihrem Buch thematisiert.


Die Autorin und Frauenrechtlerin Serap Çileli (Mitte) mit der Moderatorin Ulrike Plewnia (links) und der CDU-Politikerin Kristina Köhler (rechts)

Auf dem Podium diskutierten Serap Çileli, Kristina Köhler (MdB CDU), Anne Duncker (Politikwissenschaftlerin) und Collin Schubert (TERRE DES FEMMES). Moderiert wurde die Diskussion von Ulrike Plewnia von der FOCUS-Redaktion.

Serap Çileli untermalte ihre Forderungen und Kritik mit vielen Fallbeispielen von betroffenen Frauen und Mädchen. Sie forderte nicht nur die deutsche Politik auf, konsequenter die Rechte von Frauen und Mädchen zu schützen, sondern ihr Appell richtete sich auch an die deutsche Öffentlichkeit, Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Mädchen nicht mit religiösen und kulturellen Argumenten zu rechtfertigen, sondern die Errungenschaften von Demokratie und Frauenbewegung zu verteidigen. Auch rief sie säkularisierte MuslimInnen dazu auf, sich stärker für eine Differenzierung von Islam und Islamismus einzusetzen und ihre reformorientierten Positionen klarer in öffentlichen Diskussionen zu vertreten.

Kristina Köhler betonte, dass von politischer Seite her, noch viele Maßnahmen nötig seien, um die Integration von türkisch/muslimischen MigrantInnen zu gewährleisten, dass jedoch in den letzten Jahren auch schon viel getan worden sei. Sie erwähnte zum Beispiel die Bedingung für türkische MigrantInnen, schon im Herkunftsland einen Deutschtest absolvieren zu müssen, und den obligatorischen Integrationskurs nach der Ankunft in Deutschland. Sie erklärte sich dazu bereit, sich für eine humanere Rückkehrregelung einzusetzen. In Deutschland aufgewachsene Betroffene, die in die Türkei zwangsverheiratet wurden, verlieren aktuell nach sechs Monaten ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland. Der Forderung, dass die Aufenthaltsregelung dahingehend geändert werden soll, dass Frauen, die durch eine Zwangsheirat nach Deutschland gekommen sind, nicht mehr durch die Trennung von ihrem Mann das Aufenthaltsrecht verlieren, steht sie jedoch kritisch gegenüber.

Anne Duncker ergänzte die Diskussion mit Vergleichen zur Situation in der Türkei, wo in den letzten Jahren gesetzliche Bestimmungen zum Schutz der Frauen und Mädchen verbessert wurden. Jedoch wies sie darauf hin, dass die Umsetzung der Bestimmungen oft nicht garantiert werde.
Collin Schubert lenkte den Fokus auf den politischen Islam und die Tatsache, dass konservative islamische Vereine und Imame den Koran rigide auslegen und von ihren Anhängern und Anhängerinnen eine Lebensweise fordern, die sich am Islam zu Prophetenzeiten orientiert. Sie erzählte von ihren zahlreichen Seminaren, auf denen LehrerInnen über die zunehmende Islamisierung unter den SchülerInnen berichteten. So tragen schon 10- bis 12-jährige Schülerinnen ein Kopftuch und wer nicht mitmacht, wird gemobbt. Im Internet kursieren Formulare, mit denen Schülerinnen leicht vom Sport- und Biologieunterricht abgemeldet werden können.


Die Podiumsdiskussionsteilnehmerinnen Collin Schubert, TERRE DES FEMMES und Anne Duncker, Politikwissenschaftlerin

Rund 70 Besucher und Besucherinnen verfolgten die Diskussion interessiert und nutzten die Möglichkeit, ihre Überlegungen und Fragen einzubringen. Der anschließende Umtrunk bot die Gelegenheit, sich mit anderen Gästen auszutauschen, sich persönlich an die eine oder andere Podiumsteilnehmerin zu wenden oder sich am Büchertisch über Publikationen zum Thema und die Arbeit von TERRE DES FEMMES zu informieren.


26.09.2008 / FR- Online

Mehr Chancen
Kreis Offenbach Probleme bei der Integration
VON BORIS HALVA

Kreis Offenbach: Die Autorin Serap Cileli, die junge Muslima und Türkinnen betreut, die etwa von Zwangsheirat betroffen sind. Sie sehe das Potenzial, das in diesen Frauen stecke, "ich sehe aber auch die Realität". Viele türkische und muslimische Frauen würden daran gehindert, Deutschkurse zu besuchen, "nicht nur von ihren Ehemännern". Die "Re-Islamisierung unter hier lebenden Türken" bereite ihr Sorge: "Ich war eine Stunde in Dietzenbach unterwegs und habe nur Frauen mit Kopftüchern gesehen." Die Politisierung religiöser Symbole sei "beängstigend".

 

 
 
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