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07.12.2004 / ai-Journal 2004,12

Schwerpunkt: Die Türkei und die Menschenrechte: Atatürks Erben

Interview mit Serap Cileli

GEGEN IHREN WILLEN
Zwangsverheiratung wird auch in Deutschland praktiziert

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01.12.2004 / St sp.

„Aus dem Schatten zurück ins Licht“
Lesung: Zwangsheirat und Ehrenmorde

Gladbeck (ann): Als „eine mutige Frau“ wurde sie dem Publikum vorgestellt- die Autorin Serap Cileli.

Selbst in jungen Jahren in eine Ehe gezwungen, prangert die gebürtige Türkin nicht pauschal moslemische Traditionen an, sondern die patriarchalischen Strukturen, die sich dahinter verbergen können und der Frau eine unerträgliche Last aufbürden.
„Die Frau in moslemischen, patriarchalischen Gesellschaften ist die Trägerin der Familienehre und ihr Verhalten ist der Maßstab für das Ansehen des Mannes in der Öffentlichkeit. Verletzt sie diese Werte, kann dies drastische Maßnahmen hin zum Ehrenmord nach sich ziehen“, so Cileli. Konflikte seien daher gerade bei jungen Mosleminnen, die in Deutschland aufgewachsen sind, vorprogrammiert.
„Sie unterliegen einer Doppelorientierung. Sie erleben außerhalb die deutschen Freiheitsideale, die der traditionellen Rollenerwartungen, die ihnen das Elternhaus mitgibt, völlig entgegenstehen“. Manche flüchten vor der gefürchteten Zwangsverheiratung, kehren aber dann doch wieder in den Schoß der Familie zurück. „Sie wurden nach den Motte erzogen, dass brave Mädchen nicht ohne Familie überleben können. Und viele sind zu schwach, um sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien“.


29.11.2004 / WAZ - Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Ehrenkodex zwingt Mädchen in die Rolle der muslimischen Frau

GLADBECK: Autorin Serap Cileli berichtete und las über Zwangsheirat und Ehrenmorde.

"Ich werde oft als Nestbeschmutzerin und Vaterlandsverräterin beschimpft."
Zum Thema Zwangsheirat und Ehrenmorde referierte die Buchautorin Serap Cileli am Freitag
im Lesecafe´ der Stadtbücherei. Mit einem Vorwort zu ihrem eigentlichen Vortrag bereitet Cileli die Zuhörer auf die Lesung vor, "damit will ich Missverständnissen vorbeugen." Laut der Frauenrechtlerin könne man die Erscheinungsform von Gewalt nicht verallgemeinern: "Zwangsehen und Ehrenmorde treten nicht nur in türkisch-muslimischen Haushalten auf, sie herrschen vor in patriarchalisch
geprägten Familien."

In einem Kurzreferat versucht Cileli, die selbst als Mädchen zwangsverheiratet wurde, auf den Konflikt einzugehen, der sich für junge türkische Frauen und Mädchen ergibt. Sie wollen zum einen mit ihren gleichaltrigen deutschen Freundinnen mithalten, modern und frei sein, zum anderen müssen sie sich aber ihrer Tradition und Rolle als muslimische Frau anpassen. "Die Väter sehen die westliche Freizügigkeit als gefährliches Pflaster an, im Hinterkopf ist immer die Angst vor dem Verlust der Jungfräulichkeit, denn verliert eine Tochter vor der Ehe ihre Unschuld, stürzt sie ihre ganze Familie in die Unehrenhaftigkeit, stellt eine Schande dar", so die gebürtige Türkin. Um all diesen Gefahren vorzubeugen, werden Ehen arrangiert. Nicht selten im engen Verwandtenkreis.
Dazu die Autorin: "Ein altes türkisches Sprichwort besagt: Gute Töchter heiraten in der Familie, schlechte gehen an Fremde." Differenzieren will Cileli auch zwischen Zwangsheirat und arrangierter Ehe, "wenn jemand durch Androhung von Gewalt und gegen seinen Willen zur Heirat gezwungen wird, ist es eine Zwangsehe, die illegal ist", verdeutlicht sie.

Vorbereitend auf Auszüge aus ihrem Buch "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre", betont sie den Stellenwert von Ehre und Tradition in patriarchalisch muslimischen Familien: "Es gibt den Ehrenkodex der Frau, sie wahrt die Familienehre durch Keuschheit. Zuwiderhandlungen werden durch Verstoß, Misshandlung oder sogar durch Ermordung bestraft, dadurch die Ehre wieder hergestellt."


26. 11. 2004 / Neue Zürcher Zeitung

Wieder im Alarmzustand

Gewandelter Blick auf die multikulturelle Gesellschaft
Der Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh hat auch in Deutschland eine erregte öffentliche Diskussion ausgelöst. Gestritten wird vor allem über Scheitern und Chancen der multikulturellen Gesellschaft. Plötzlich haben Themen Konjunktur, die lange ignoriert wurden. Zugleich verändern sich die Urteile. Was gestern als Versprechen einer kosmopolitischen Zukunft galt, weckt heute Verdacht und macht Angst.
«Ein heikles Thema» lange tabuisiert
Eine verquere Form der politischen Korrektheit blockierte lange eine angemessene Berichterstattung. Immer wieder hörte zum Beispiel Serap Cileli, selber Opfer einer Zwangsheirat und heute in der Betreuung von Leidensgefährtinnen engagiert, in Zeitungsredaktionen: «Das ist ein heikles Thema. Wenn wir das anpacken, dann schüren wir Ausländerfeindlichkeit.» Auch setzen engagierte Antirassismusaktivisten sehr rasch strafrechtliche Mittel ein, wenn sie nur den leisesten Verdacht haben, die journalistische Kritik am Verhalten ethnisch-religiöser Minderheiten könne zulässige Grenzen überschreiten. In der Schweiz erfuhr dies der Ringier-Publizist Frank A. Meyer. Für Hendrik Zöllner, den Sprecher des Deutschen Journalistenverbands, ist es da nicht überraschend, dass Journalisten sich von solchen Themen fernhalten, zumal nur wenige sich in der Sache hinreichend auskennen: «Auch Journalisten teilen die Tabus ihrer Gesellschaft.» Er beruhigt sich damit, dass «solche Tabus zum Glück nicht ewig dauern». So bescheiden kann man die Anforderungen an die eigene Zunft formulieren.

Link: http://www.nzz.ch


23.11.2004 / Frankfurter Rundschau

Heirat unter Zwang

Reinheim (yas): Die Autorin engagiert sich seit langer Zeit in der Frauenarbeit, ist bei der Frauenorganisation "Terre des Femmes" aktiv und bietet Hilfe für betroffene Frauen und Mädchen an. 90 Frauen beraten

Dabei geht es Serap Cileli, die seit 1994 rund 90 Frauen und Mädchen betreut hat, nicht um die Vorbildfunktion: "Ich bin kein Vorbild, und will auch keines sein", sagt die Autorin, "mein Ziel ist es, die betroffenen Frauen zu erreichen." Serap Cileli möchte aufklären und wachrütteln, und ganz bestimmt auch die politischen Gremien sensibilisieren.

Dass die Diskussionen um Migranten in Deutschland im Augenblick heftig geführt würden, begrüßt Serap Cileli grundsätzlich und warnt gleichzeitig davor, "zu vieles über einen Kamm zu scheren". Mit ihrem Buch und ihrer Arbeit richte sie sich "nur an die patriarchalischen Traditionen in türkischen Familien, nicht an die vielen in Deutschland lebenden demokratisch organisierten Mitbürger" sagt Serap Cileli mit Nachdruck.


6 / 2004 EMMA

Kampf der tödlichen Ehre

Ehrenmorde passieren nicht nur in der türkischen Provinz oder in Saudi-Arabien oder im Iran. Sie passieren auch mitten in Deutschland. So wie in dem Fall der 16-jährigen Ulerika, die von ihrem Vater erwürgt wurde, weil sie einen Freund hatte. Die Mutter von Ulerika, Hanife Gashi, kann ihre Tochter nicht mehr lebendig machen – aber sie will dazu beitragen, dass es nicht noch mehr Tote gibt. Darum schloss die Albanerin sich den Frauen von Terre des Femmes an. Auch am 25. November wird sie wieder mit die Straße gehen. Denn am diesjährigen „Tag gegen Gewalt gegen Frauen“ startet die Frauenrechtsorganisation eine Kampagne gegen die „Ehrenmorde

Link: http://www.emma.de/04_6_ehrenmorde.html


Serap Cileli (re.) auf einer Tagung in Stuttgart im Mai 2004

Der Mut einer Frau gegen das Ehrverständnis
Von Ali Sirin

Ihr Schicksal ist eigentlich Tabu. Türkische Medien ignorierten Serap Cileli einfach, denn sie erhob als eine Frau ihre Stimme gegen die Zwangsverheiratung, gegen die Ungerechtigkeit im Namen der Ehre. Dagegen zeigten bisher die deutschen Medien viel mehr Interesse an ihrem Leben, an ihrem Bruch mit der Familie und ihrem Kampf gegen den türkischen Patriarchalismus. Auch ihre Vorlesungen wurden hauptsächlich von Deutschen besucht. Wenn unter den Zuhörern Türken anwesend waren, protestierten einige gegen die angeblich "zersetzenden Behauptungen gegen die Tradition". Andere wiederum bedrohten sie sogar. Für sie gibt es keine Zwangsverheiratung unter den Türken oder die Problematik, dass Frauen im Namen der Familienehre zur Personen zweiter Klasse degradiert werden. Selbst türkische Frauen kritisierten Cilelis mutigen Schritt, die Problematik der Zwangsverheiratung öffentlich zur thematisieren.

Aber Serap Cileli möchte auch keine Klischees bedienen. Sie macht immer wieder darauf aufmerksam, dass die Zwangsverheiratung kein islamisches oder türkisches Phänomen ist und Frauen oftmals selbst Schuld an der Misere sind. Ihnen empfiehlt sie, gegen die patriarchalische Familienordnung zu rebellieren. Viele schrecken aber aus Angst zurück, wollen den Zorn der Familie nicht auf sich ziehen und nehmen so ihr Schicksal hin. Für Serap Cileli gibt es trotzdem keine religiöse sowie kulturelle Rechtfertigung von Gewalt gegenüber Frauen. Zudem engagiert sich Cileli zurzeit sehr für die Integration der türkischen Frauen in die deutsche Gesellschaft, um ihnen einen Ausweg aus der Isolation im eigenen Haus zu bieten. Deshalb wurde im September 2001 in einer Erbacher Volkshochschule der erste "Deutschkurs für Frauen aus der Türkei" gestartet. 21 türkische Mütter und junge Frauen zwischen 18 und 40 Jahren nahmen daran teil. Dieser Unterricht soll den Frauen mehr Mut und Selbstständigkeit vermitteln. Für die türkischen Frauen sind die Deutschkurse häufig die erste Öffnung hin zur deutschen Umgebung und ein erster Schritt zu mehr Selbstachtung.

Ihre Erfahrungen im Kampf gegen das Ehrverständnis hatte Serap Cileli in dem Buch "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre" niedergeschrieben. Es ist ein sehr emotional verfasstes Buch. Nach ihren eigenen Worten war das Verfassen des Buches wie eine Therapie für ihr Seelenleben. Dass sie sich dafür entschied, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, die auf Zwang beruhende Heirat aufzulösen und sich für die Liebe zu entscheiden, wurde ihr von der Familie bisher nicht verziehen. Rückhalt findet sie jedoch durch ihren Mann und ihre drei Kinder.

vgl.: "Zwangsverheiratungen nicht tatenlos hinnehmen" in AiD 4/02

Link: http://www.isoplan.de/aid/2004-3/schwerpunkt.htm


01.04.2004 / Aus: „RAN“ 03/04
Pressespiegel aus der europäischen Gewerkschaftspresse

„Zwangsheirat - Erzwungene Eh(r)e“

Text: Ulrike Büttner

Die Frauenrechtlerin und Buchautorin Serap Cileli aus dem Odenwald hat es gewagt, sich aufzulehnen.

Normaler Wahnsinn

Die mutige 38-Jährige kämpft zusammen mit der Frauenrechtsorganisation >Terre des Femmes( (tdf) dafür, dass die frauenfeindliche Tradition endlich ausstirbt. In bundesweiten Lesungen und Vorträgen klärt sie auf und hilft Mädchen, die als »Importbräute und Einwanderungsticket« missbraucht werden - oft wie Vieh mit Kaufprämien bis zu 25.000 Euro gehandelt. Serap Cileli geht davon aus, dass allein in Deutschland etwa 30.000 Mädchen zwangsverheiratet werden. »Die Frau wird niemals als ein Individuum betrachtet, sondern zählt nur als Trägerin der Männerehre und muss auf jeden Fall als Jungfrau in die Ehe gehen, notfalls mit Gewalt.« Auch in Deutschland, wo ein Vater vor zwei Jahren seine Tochter mit Benzin übergoss, weil sie sich weigerte zu heiraten und ein weiterer sein Kind in der Weser ertränkte, weil sie den falschen Mann liebte. Die Mädchen haben es nicht einfach, Hilfe zu finden. »Es gibt nicht viele Kriseneinrichtungen für muslimische Mädchen in Deutschland. Und die türkische Erziehung redet ihnen ein, dass sie als Huren auf der schiefen Bahn landen, wenn sie dort hingehen. « Die, die sich für ein selbstbestimmtes Leben entscheiden, müssen damit leben, dass sie sich oft für immer vor ihrer Familie und der türkischen Gemeinschaft verstecken müssen. »Nur wenige wagen die Flucht, und die Hälfte der Mädchen, die sich Hilfe suchend an mich wenden, kehrt aus Sehnsucht zu den Familien zurück.

Religion und Integration

Viele, auch wohlmeinende Deutsche, halten Serap und dem Verein)Terre des Femmes< vor, durch ihre Aufklärungsarbeit die Integration muslimischer Bürger zu gefährden. »Es ist kein Zeichen von Ausländerfeindlichkeit, wenn wir die Probleme öffentlich beim Namen nennen. Um Veränderungen zu bewirken, müssen wir die Gesellschaft und die Politik für die Probleme der moslemisch-türkischen Frauen und Mädchen sensibilisieren. « Für Serap ist eine fundamentalistisch ausgelegte Religion, die Frauen zum Besitz ihres Mannes erklärt, die er schlagen und töten darf, wenn sie nicht unterwürfig und gehorsam ist, ein Integrationshindernis: »Jeder dritte Türke in Deutschland ist praktizierender Muslim. Durch die MultikultiBrille betrachtet wird eine Menschenrechtsverletzung folkloristisch als muslimische Kulturerscheinung verharmlost. Diese naive Toleranz muss aufhören. Vielmehr halte ich es für notwendig, Zwangsheirat ausdrücklich unter Strafe zu stellen.

Zwangsheirat ist kein Asylgrund

Das Völkerrecht (Artikel 23, Absatz 2) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Artikel 16, Absatz 2) verbieten Zwangsheirat: »Eine Ehe darf nur im freien und vollen Einverständnis der künftigen Ehegatten geschlossen werden.« Deutschland und die Türkei haben diese Vereinbarungen unterzeichnet. Allerdings gilt eine drohende Zwangsverheiratung in Deutschland nicht als Asylgrund. Wegen Mordes angeklagte Männer können mildernde Umstände geltend machen, wenn sie die Familienehre als Grund anführen.

Link: http://www.deg.uni-bremen.de/presse/671.html

Info: „RAN“: Illustrierte Zeitung d. DGB für junge Menschen.
Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)

Kaufzeitschriften; monatlich; laufende Zeitschrift

 
 
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