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Printmedien 2004
 
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19.02.2004 / Deutsche Welle

"Vergewaltigung auf Lebenszeit"

Zwangsheirat: die Ehe als Gefängnis

Von Anne Herrberg

Jährlich werden Millionen Frauen gegen ihren Willen verheiratet. In allen Gesellschaften, auch in Deutschland.
Deria ist 17 und trägt ihre langen schwarzen Haare offen. Ihre Mutter wollte, dass Deria sie unter einem Kopftuch versteckt und während der Sommerferien in der Türkei den eigenen Cousin heiratet. Deria ist in ein anonymes Mädchenhaus geflohen.
Nur wenige Frauen wagen diesen Schritt. Für sie bedeutet die Zwangsheirat "Vergewaltigung auf Lebenszeit", sagt die Türkin Serap Cileli. Als ehemalig Betroffene weiß Serap, worüber sie spricht: jetzt liegen die "Jahre des Schweigens" hinter ihr. Sie lebt in Deutschland, schreibt Bücher und hilft Mädchen, die von Zwangsheirat bedroht sind. Serap unterscheidet drei verschiedene Arten der Zwangsheirat:

Die Verheiratung der Tochter in die Heimat der Eltern, aus Furcht die Tochter könnte ihnen – durch die "westliche Freizügigkeit" – entgleiten. Gleichzeitig wird das Mädchen ein "Einwanderungsticket" für den zukünftigen Ehemann. Der erhält durch sie eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland.

Die so genannten Importbräute, "unverdorbene, traditionsbewusste Mädchen" aus dem Ursprungsland der Eltern. Laut einer WDR-Reportage werden jährlich rund 70.000 oft minderjährige Frauen nach Deutschland verheiratet.

Heirat als Resozialisierungsmaßnahme. Junge Männer – teils schwererziehbar, teils straffällig – sollen durch die Ehe mit einem Mädchen aus der Heimat therapiert werden.

Nach dem Wohl der Mädchen werde nicht gefragt: "In patriarchalisch organisierten Familien haben Frauen keine Menschenrechte", sagt Serap. Traditionell ist die Frau Trägerin der Familienehre: widersetzt sie sich dem Willen der Eltern, wählt sie einen zu westlichen Lebensstil oder geht sie nicht als Jungfrau in die Ehe, dann bringt sie Schande über die Familie.Moderne versus Tradition
Ein Zwiespalt: auf der einen Seite die modernen Lebensweisen der deutschen Gesellschaft, auf der anderen die traditionellen Familienstrukturen. Der Druck nicht nur der Eltern, sondern auch des gesamten Verwandten- und Freundeskreises ist groß. Viele Mädchen werden nie dazu erzogen, selbstständig zu sein, auf eigenen Beinen zu stehen, sagt Serap.
Zwangsheirat ist meist nur die Spitze des Eisberges: eine sehr strenge Erziehung, harte Strafen, Prügel und verboten seien für viele Mädchen, die sich dem Willen ihres Vaters widersetzten. Alltag, erzählt auch die 17-jährige Deria, die sich aus Scham vor ihren zahlreichen blauen Flecken ein halbes Jahr nicht zur Schule traute.

Link: www.dw-world.de/german


7.2.2004 / Nr. 7278 / taz Köln

Von Angst und Zweifeln zerrissen

In Köln wenden sich jährlich 25 bis 30 junge Frauen an "agisra", weil sie von Zwangsverheiratung bedroht sind. Die Beratungsstelle für Migrantinnen berät und betreut jene, die ihre Familie verlassen
VON Jeanette Seiffert
Als junges Mädchen wurde Serap Cileli gegen ihren Willen verheiratet. "Ich habe viele Jahre Einsamkeit, Schweigen und Selbstverleugnung hinter mir", erzählt die türkischstämmige Frau, die inzwischen nicht mehr in Köln lebt. Irgendwann habe sie es geschafft, aus den Familientraditionen auszubrechen und sich scheiden zu lassen.
Heute kämpft Serap Cileli für andere junge türkische und arabische Frauen gegen den Zwang zur Heirat. Etwa auf Veranstaltungen wie jene am Donnerstagabend in der Kölner "Alten Feuerwache". Zu dem Info-Abend eingeladen hatte "agisra Köln e.V.", eine Beratungsstelle für Migrantinnen. Zur Sprache kamen Fälle aus der Praxis.

Mehr dazu unter www.taz.de/pt/2004/02/07.nf/ressort.q,TAZK.re,kr


31.01.2004 / Westdeutsche Zeitung

Verkauft wie ein Stück Vieh

Aus dem Leben einer Türkin in Deutschland

Von Anja Clemens

„Die Ehe darf nur aufgrund der freien und vollen Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden.“ (Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, 1948)

Zwangsverheiratungen kommen in unterschiedlichen religiösen und ethischen Gruppen vor. Millionen sind es nach einer Unicef- Studie weltweit von Zwangsverheiratungen betroffen. Doch nur ein Bruchteil kommt ans Licht der Öffentlichkeit, die meisten Mädchen leiden still. Serap Cileli möchte stellvertretend für alle ihre Stimme erheben. „Es gibt keine religiöse sowie kulturelle Rechtfertigung von Gewalt gegenüber Frauen“. Es liegt ihr fern, Klischees zu bedienen. Stets betont sie, dass die Zwangsheirat „kein rein islamisches Phänomen“ sei. Aber gerade in der türkischen Gesellschaft nimmt Serap Tendenzen wahr, die ihr Angst machen. „Die erste Generation der Türken in Deutschland wollte sich noch integrieren. Doch mit jeder neuen Generation, die hier aufwächst, nimmt die Abkapselung zu. Und das hat nichts mit der Bildung zu tun“, spricht Cileli aus, was viele türkische Gruppen und Verbände indes vehement bestreiten. 80 Prozent ihrer Landsleute lebten traditionell, schätzt die 37-Jährige. „Da entwickelt sich im Stillen ein Sprengstoff in der Gesellschaft, der nicht wahrgenommen wird“. Seit 1999 hält die engagierte Türkin Lesungen ab, versucht die Menschen zu sensibilisieren. Dabei sind ihr Anfeindungen und Drohungen nicht fremd. Selbst türkische Frauen kritisieren ihren Schritt, Zwangsverheiratung und Gewalt öffentlich zu thematisieren. Dass die Mehrheit der Deutschen vor diesen Menschenrechtsverletzungen die Augen verschließt, empfindet die junge Frau als falsch verstandene Toleranz. „Selbst wenn eine Türkin von einem Familienmitglied getötet wird, ist das höchstens eine Fußnote wert“, weiß die Kämpferin für Frauenrechte.
Niemand könne aber die Dimensionen von Misshandlungen oder „Ehrenmorden“ auch nur erahnen. Häufig geht Serap in die Schulen. Dort trifft sie auf Mädchen ohne Zukunft. „Nur wer es selbst erlebt hat, kann das Ausmaß ihrer Erniedrigungen ermessen. Da wird begutachtet, ob man als Hausfrau, Gebärmaschine und Sexualobjekt etwas taugt“. Die Mädchen umgebe Hoffnungslosigkeit und Scham, eine Mischung, die Serap aus eigener Erfahrung kennt.


 
 
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