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Printmedien 2005
 
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17. 09. 2005 / TAXI- Magazin

Vor aller Augen
Was der Mord an Hatun und der Kampf von Serap miteinander zu tun haben
Von Claus Stille

Es geschieht auch bei uns. Hier in Europa. Tagtäglich. Womöglich sogar nebenan. Direkt in der Nachbarschaft. Die Familie des Lebensmittelhändlers kann es treffen, in dessen Laden es immer so herrlich orientalisch riecht. Dort, wo wir den leckeren Schafskäse und das frische Obst einkaufen. Oder auch die familiäre Gemeinschaft des Wirts des türkischen Spezialitätenrestaurants an der Ecke, der uns immer zum Abschluss des köstlichen Abendessens freundlich lächelnd einen Raki gratis serviert.
Lange schon, bevor Demo-Züge und Lichterketten an Opfer von so genannten Ehrenmorden gemahnten, tat die mutige türkischstämmige Serap Cileli etwas.
Wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen war auch sie einst zwangsverheiratet worden. Das übliche Martyrium, von psychischen Druck, Schlägen, jahrelanger Vergewaltigung in der Ehe bis hin zum Suizidversuch brachte sie dahin, wo sie heute steht. Sie, wie einige andere mutige Rechtsanwältinnen, Abgeordnete oder Schriftstellerinnen türkischer Abstammung, prangern schon lange das zu lange Zusehen der Öffentlichkeit an. Sie gehen in Talkshows, schreiben Bücher, Zeitungsartikel oder produzieren Reportagen. Oder aber sie suchen Schulen auf, um durch das Erzählen ihrer ganz persönlichen Leidensgeschichte jugendlichen Betroffenen eine solche zu ersparen. Wie wichtig das ist, zeigte uns ein TV-Beitrag, wo türkische Jungen - viele von ihnen kaum älter wie zehn Jahre - anlässlich des Mordes an Hatun Sürücü auf der Strasse zu ihrer Meinung befragt wurden. Die Antworten ließen mich erbleichen: nicht einer von ihnen fand etwas Schlimmes an der schrecklichen Tat. Am „harmlosesten“ war da noch von einer „Schlampe“ die Rede, die „die gerechte Strafe“ erhalten habe.
Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt: von Zwangsheirat sind nicht nur Mädchen betroffen. Wenngleich sie freilich auch die Masse der Betroffenen stellen, es gibt durchaus auch Jungen denen derlei widerfährt. In Zeiten wo allüberall finanzielle Mittel für Hilfsangebote zusammengestrichen werden, ist mehr als anzuerkennen, dass u.a. Serap Cileli quasi Tag und Nacht bereit ist, Hilfe zu vermitteln. Auf ihre Homepage hat sie alle Hilfsanbote zusammengestellt.
Trotz Drohungen, angefangen von körperlicher Gewalt bis hin zum Mord, geht Serap Cileli ihren Weg unbeirrt weiter. Sie informiert und kämpft unermüdlich weiter gegen Unrecht. Jeder und jede kann sich per E-Mail an sie wenden. Und ich kann bestätigen: sie beantwortet jede davon. So schnell sie kann.
Übrigens ist sie längst wieder verheiratet. Wieder mit einem Türken. Diesmal aber mit einem, der einen modernen Kopf trägt. Die gibt es nämlich auch. In der Türkei selbst vielleicht sogar mehr wie hier in Westeuropa. Mit ihm und ihren Kindern ist sie nun doch noch glücklich geworden. Aber sie möchte, dass dieses Glück auch für andere möglich wird.

http://www.beepworld.de/members22/magazin-taxi/sozial.htm


17.09.2005 / Bayerwaldbote Regen

Wenn Ehre zu Brutalität führt
Die Deutsch- Türkin Serap Cileli liest und diskutiert im Fressenden Haus
Von Michael Lukaschik
Weißenstein: Ganz still wird es im Fressenden Haus in Weißenstein, als Serap Cileli aus ihrer Autobiographie liest. Ruhig und beherrscht spricht die junge dunkelhaarige Frau.
Den Zuhörern im Fressenden Haus stockt oft der Atem, als sie erzählt, welche Gewaltausbrüche sie miterlebt hat, wie hoch die „Ehre“ in vielen türkischen Familien gehalten wird, und was diese Ehre an Unterdrückung und Erniedrigung für die Frauen bedeutet.


16.09.2005 / Nr. 214 / Süddeutsche Zeitung
Gewalt verdient keine Toleranz
Der Berliner „Ehrenmord“ zeigt erneut, dass islamische Nebenwelten zu lange ignoriert wurden
Von Cathrin Kahlweit
Vor wenigen Tagen hat Serap Cileli das Bundesverdienstkreuz bekommen. Die kämpferische Hessin ist eine ungewöhnliche Preisträgerin, denn sie ist gebürtige Türkin und eingebürgerte Deutsche- und sie wurde für den Kampf gegen Zwangsverheiratung und Zwangsverschleierung geehrt, für den sich die deutsche Gesellschaft lange nicht sonderlich interessiert hat. Mittlerweile hat Serap Cileli eine Art Prominentenstatus, ebenso wie das in Österreich lebende Ex Modell Waris Dirie oder die niederländische Politikerin Ayan Ali Hirsi, die sich gegen Beschneidungen und Gewalt gegen Frauen einsetzen- sie stehen für eine zweite, von Musliminnen geprägte Emanzipationswelle in Deutschland, wie Alice Schwarzer einst Wortführerin der ersten feministischen Bewegung war. Es bedurfte der Revolte dieser aufgebrachten Migrantinnen aus der zweiten und dritten Einwanderergeneration, die anprangerten, was lange achselzuckend als traurige, aber fremden Kulturen leider inhärente Besonderheit abgetan worden war.


15. 09. 2005 / Sächsische Zeitung

Blutige Rache

Von Michael Kraske

Gesellschaft: Auch in Deutschland sterben junge Frauen durch „Ehrenmorde“. Täter sind ihre Brüder oder Väter. Noch bekämpfen wenige die brutalen Traditionen.
Jedes Jahr werden nach Uno-Schätzungen weltweit etwa 5 000 Frauen ermordet, weil sie angeblich die Ehre der Männer verletzt haben. Ehre ist eine Tradition, die im arabischen Raum ebenso überlebt hat wie in Teilen Afrikas. Die Frau ist die Trägerin der Ehre. Und Besitz. Ist sie keusch und folgsam, bringt sie den Männern Ehre. Hat sie Sex oder wird das auch nur vermutet, bringt sie Schande. Seine Ehre kann der Mann nur retten, wenn er die Frau tötet.

Ein häufiges Missverständnis ist, „Ehrenmorde“ wurzelten im Islam. Es ist komplizierter. Der Koran kennt nur 100 Peitschenhiebe für Unzucht. An keiner Stelle wird „Ehrenmord“ legitimiert; die strenge religiöse Moral bei Ehebruch ist aber oft der geistige Begleiter dieser Stammes-Tradition. Ehre ist ein furchtbares Erbe. Ehrverletzung verjährt nicht. Ehre lebt und tötet auch in Deutschland.

Zehn Tage lang war Gönül Karabey auf der Flucht. Vor der eigenen Familie. Mit ihrem deutschen Freund versteckte sich die 20-Jährige in einer Gartenlaube in Wiesbaden. Es hatte Ärger gegeben bei den Karabeys, weil Gönül einen deutschen Freund hatte. Weil sie davon träumte, ihn zu heiraten. Es ist davon die Rede, dass Gönül Angst vor einer Zwangsheirat hatte.

Die Kugel im Unterleib

Laut Staatsanwaltschaft Wiesbaden ließ Gönül am 13. Juni gegen 12.45 Uhr ihren Bruder in die Gartenlaube. Ali wollte mit ihr reden. Gegen 13 Uhr zog er eine Pistole und feuerte mehrfach auf seine Schwester. Die Geschosse schlugen in ihren beiden Händen ein, eine Kugel traf sie rechts hinter der Schläfe, eine durchschlug den Unterleib. Gönül Karabey starb, weil sie glücklich werden wollte.

Corinna T., 43, sitzt in einem Café in Berlin. Nur hier will sie sprechen. Ihren Nachnamen hält die Psychologin geheim. Auch die Adresse ihres Arbeitsplatzes bei der Hilfsorganisation Papatya. Sie betreut Mädchen, die vor allem aus türkischen Familien fliehen. Vor Zwangsheirat oder angedrohtem „Ehrenmord“.„Die Ehre ist in den Köpfen der Mädchen sehr präsent“, sagt sie, „Jeden Ehrenmord kriegen die Mädchen mit. Der hat die Botschaft: Wer sich nicht an die Regeln hält, dem kann das passieren.“

Serap Cileli führt die Demonstration durch Wiesbaden an. Sie reckt das Kinn, so wie die Frauen neben ihr die Schilder, auf denen steht: „Mord ist keine Ehrensache“ oder „Wir trauern um Gönül Karabey“. Am Anfang sind es nur so viele Demonstranten wie Polizisten. Später marschieren in dem Zug stumm Frauen mit frauenbewegten Ansteckern und einige deutsche Männer, die aussehen wie Sozialarbeiter. Serap Cileli schrieb vor Jahren das Buch „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“. Sie ist die Ikone des Kampfes türkischer Frauen für ihr Recht auf ein freies Leben. Sie führt den Zug in die Wellritzstraße, wo der Juwelier Akbulut heißt und vor den Cafés türkische Männer sitzen und diskutieren.

Die Demo hält an. Zwei junge Türkinnen beginnen zu lesen. Freundinnen von Gönül. „Du warst so jung und lebensfroh“, liest Sibel. Weiter kommt sie nicht. Tränen fluten die Worte. „Von deinem eigenen Bruder wurde dir wegen deiner Liebe und Aufrichtigkeit das Leben genommen.“ Aus den Geschäften treten Männer vor die Türen und gucken. Als Sibel, Serap Cileli und die guten Deutschen weitergehen, schließt sich keiner an. Die türkischen Männer drehen sich um und gehen stumm zurück in ihre Läden.

Für Islamisten und türkische Nationalisten ist Serap Cileli eine Zielscheibe. Sie sagt, dass sie auf Lesungen bedroht wird. Dass sie ab und an auf der Straße angerempelt wird oder Autos auf sie zu rasen. Sie sieht sich um, ob der Polizeischutz noch in der Nähe ist. Viele sind nicht so stark wie Serap. Die Hälfte der Frauen, die vor Zwangsheirat und „Ehrenmord“ flüchten, kehren zu ihren Familien zurück.

 
 
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