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Printmedien 2005
 
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30.05.2005 / Bild

Hier spricht ein Arzt über das Tabu-Thema in Deutschland
Ich gebe Mädchen ihre Unschuld zurück
Von KERSTIN HEUSER

Er ist ein Mann, der nicht viele Worte macht. Doch jetzt bricht er das Schweigen über ein Tabu-Thema in Deutschland.

Dr. Michael Krueger (56) ist ärztlicher Leiter an der „Klinik Sanssouci“ in Potsdam. Hauptberuflich plastischer Chirurg. Manchmal sitzen in seiner Sprechstunde jedoch junge Patientinnen, die keinen neuen Busen, eine kleinere Nase oder weniger Hüftspeck haben wollen. Für sie ist Dr. Krueger die letzte Hoffnung – weil er ihnen ihre Unschuld zurückgibt!

„Die jungen muslimischen Frauen sind in einer schlimmen Zwickmühle“, sagt er. „Sie sind hier aufgewachsen, kennen westliches Leben. Irgendwann haben sie einen festen Freund, schlafen mit ihm.“

Doch die muslimische Tradition verlangt, daß eine Frau unschuldig in die Ehe geht. Eine „beschmutzte“ Braut kann die Ehre der Familie kosten – und die zählt manchmal mehr als das Leben ...
Dr. Krueger: „Deshalb sehen sie den letzten Ausweg nur darin, ihr Jungfernhäutchen wieder zusammennähen zu lassen.“ Das geht, wenn der Sex nicht allzu lange zurückliegt und nur wenige Male stattgefunden hat. Bei dem Eingriff werden die Reste des Häutchens, das bei den meisten Frauen wie ein enger Ring am Vagina-Eingang liegt, durch eine Naht miteinander verbunden. Die Operation – Hymenalrekonstruktion (Hymen = Jungfernhäutchen) genannt – wird ambulant gemacht, dauert bis zu 45 Minuten und kostet bei Dr. Krueger rund 1000 Euro.

„Es geht darum, daß die Frau beim ersten Geschlechtsverkehr mit ihrem Ehemann blutet. Wir machen die Nähte so, daß die Haut dabei ein bißchen einreißt. Ein unerfahrener Mann merkt keinen Unterschied.“

Wie viele Mädchen und junge Frauen sich in Deutschland für die Ehre unters Messer legen, kann niemand sagen. Bei Dr. Krueger sind es zwischen drei und fünf pro Jahr. „Aber die Dunkelziffer ist hoch“, sagt die türkische Buchautorin Serap Cileli (39, „Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre“). „Denn es ist eine lange Tradition, daß die Unschuld der Braut bewiesen wird, indem der Bräutigam nach der Hochzeitsnacht das blutige Bettlaken präsentiert ...“

Daß Ärzte an deutschen Kliniken und in Arztpraxen regelmäßig Jungfernhäutchen nähen, bestätigt auch Prof. Heribert Kentenich (56), Präsident der Berliner Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Aber es ist ein Tabu, weil es nicht unseren Moralvorstellungen entspricht, daß eine Frau sich einer solchen OP unterziehen muß.“ Und doch passiert es. Weil die Ehre der Familie häufig mehr zählt als die Rechte einer Frau.

Dr. Michael Krueger (56): Bis zu 45 Minuten dauert der Eingriff, bei dem er mit einer feinen Naht ein Jungfernhäutchen wieder zusammennäht


26. Mai 2005 / NZZ Online

Das Fremde und die falschen Tabus

Immigration als Herausforderung ans Mediensystem
Von Heribert Seifert

Mutige türkischstämmige Publizistinnen

Zurzeit haben vor allem ein paar türkischstämmige Publizistinnen den Mut und die Fähigkeit dazu. Sie haben am Beispiel der Zwangsheiraten und der Ehrenmorde Integration wieder zu einem politischen Thema gemacht und aus der kulturalistischen Sackgasse herausgeführt. Necla Kelek, Seyran Ates und Serap Cileli kämpfen für eine Zukunft des Landes, in dem der Verfassungspatriotismus nicht nur die Mehrheitsgesellschaft verpflichtet, sondern auch Basis der Immigranten ist. Sie tun das mit Härte in der sachlichen Berichterstattung, aber auch mit einem autobiografisch erworbenen Sinn für die Widersprüche, Widerstände und Wunden, die die Migration hinterlässt. Sie lassen aber keinen Zweifel daran, dass sie jetzt hier angekommen sind und sich einmischen wollen. Journalisten, die über «Darstellung und Perspektiven der Einwanderungsgesellschaft in den Medien» nachdenken wollen, können von ihnen lernen.


13. Mai 2005 / NDR Online

Gefährliche Kampagne

Hürriyet diffamiert kritische Autorinnen

Die Berliner Autorin Seyran Ates: Bei der Lektüre der türkischen Zeitung Hürriyet stößt sie in letzter Zeit häufiger auf ihren Namen. Der Grund: Ihr Kampf für die Rechte türkischer Frauen - in Interviews, in ihrem Hauptberuf als Anwältin und mit ihrem Buch "Große Reise ins Feuer", in dem sie Zwangsheiraten verurteilt. Seit zwei Monaten führt "Hürriyet" deshalb eine Kampagne gegen sie - mit Schlagzeilen wie "Diese Anwältin ist verwirrt" oder "Sie beleidigt die türkische Frau". An anderer Stelle heißt es unter anderem, sie habe "... die Türken heruntergemacht."
Vorwürfe mit Folgen: Seyran Ates, Autorin und Anwältin: "Ich habe von anderen Leute gehört, vom Hörensagen, dass es bestimmte Männer gibt, die sagen, man müsste mir mal eins aufs Maul hauen und man müsste mich langsam bremsen, und seien ein bisschen verzweifelt darüber, wie man mich eigentlich aufhalten könnte."
Ebenfalls in der Schusslinie der Hürriyet: die deutsch-türkische Autorin Serap Cileli. Als 15-Jährige wurde sie in der Türkei zwangsverheiratet. Ihre Erlebnisse von damals beschreibt sie in ihrem Buch, "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre!" Hürriyet erklärt ihre Lebensgeschichte kurzerhand zur Lüge: In Wirklichkeit, so die Zeitung, habe Cileli freiwillig geheiratet. Als Beweis wertet sie ein Verlobungs- und ein Hochzeitsfoto, auf denen sie lächelt. Serap Cileli, Autorin:
"Beide Fotos wurden von einem Fotografen gemacht, der einen ja ständig aufgefordert hat, zu lachen, zu lächeln und auch freundlich zu wirken. Wie es innerlich in mir ging, dass ich innerlich geweint hatte, dass ich innerlich gelitten habe, hat niemanden interessiert."

Kampagnen gegen Andersdenkende

Mörfelden-Walldorf in Hessen - hier bei der türkischen "Dogan- Mediengruppe" ist die Europa-Zentrale der Hürriyet. Die mit über 50.000 verkauften Exemplaren größte türkische Zeitung in Deutschland ist bekannt für Kampagnen gegen Andersdenkende - und ihre nationalistische Tendenz wird seit der Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei wieder deutlicher. Prof. Udo Steinbach, Leiter Deutsches Orient Institut: "Diejenigen, die sich der Hürriyet in den Weg stellen, ihr kritisch begegnen, müssen mit einer geballten Ladung an Argumenten rechnen, an Beschimpfung rechnen, es werden Emotionen losgetreten, die sich am Ende gegen die kritischen Gesprächspartner richten, die türkische Öffentlichkeit wird quasi über die Zeitung mobilisiert."
Prominentes Kampagnen-Opfer der Hürriyet in den vergangenen Jahren: der Grünen-Politiker Cem Özdemir. 1999 kritisiert er die Entführung des PKK-Führers Öcalan durch eine Türkische Spezialeinheit. Hürriyet attackiert ihn dafür heftig: "Deine falsche Einstellung, die der türkischen Gemeinschaft zuwiderläuft, gefährdet die Integration. Hast du verstanden, du Lügner?" Prof. Udo Steinbach, Leiter Deutsches Orient Institut: "Cem Özdemir ist jahrelang mit Bodyguard durch die Gegend gelaufen, weil die Türkei... weil Hürriyet Emotionen entfacht hat, Aggressionen entfacht hat, bei denen man befürchten musste, dass radikale Elemente im türkischen politischen und weltanschaulichen Spektrum tatsächlich zu Gewalt übergehen würden."
Mit Interviews zu solchen Kampagnen ist Hürriyet zurückhaltend. Zum Fall der beiden Schriftstellerinnen ließ die Chefredaktion gegenüber ZAPP mitteilen: "... alle Antworten auf die Fragen, die Sie uns stellen wollen, können Sie aus den Berichten in der Hürriyet, die Ihnen angeblich bekannt sind, entnehmen." So stellen sich Serap Cileli und Seyran Ates darauf ein, dass die Zeitung sie weiter unter Beschuss nimmt - wider besseren Wissens, wie sie meinen: Serap Cileli, Autorin: "Die Wahrheit wissen sie, doch sie möchten die Wahrheit nicht. Dass wir das hier in Deutschland gegenüber den Deutschen erzählen. Das ist der eigentliche Grund, weshalb Hürriyet diese Kampagne gestartet hat." Seyran Ates, Autorin und Anwältin: "So ein Journalismus ärgert mich. Ein Journalismus, der nicht dazu dient, tatsächlich aufzuklären, sondern nur zu diffamieren."


06. Mai 2005 / Deutsche Welle

Tabuthema Zwangsehe

Von Vedat Acikgöz

Ehrenmorde und Zwangsehen in türkischen Familien: Themen, mit denen drei deutsch-türkische Autorinnen zurzeit erfolgreich sind. Die türkische Zeitung Hürriyet gibt sich empört: Die drei Frauen schürten nur Vorurteile.

Hürriyet - "Freiheit" - ist die auflagenstärkste türkische Tageszeitung in Deutschland. Nach eigenen Angaben werden 71.000 Exemplare in ganz Europa verkauft, 52.000 allein in Deutschland. Jeden Tag greift Hürriyet auf fünf Extra-Seiten, die in der Türkei selbst nicht erscheinen, Themen aus Deutschland und Europa auf. In letzter Zeit wirft Hürriyet an dieser Stelle den Autorinnen Seyran Ates, Necla Kelek und Serap Cileli in harschem Tonfall vor, Vorurteile über die türkisch-muslimische Community in Deutschland zu schüren, um ihre Bücher besser verkaufen zu können.

Stillhalte-Politik
Die drei Autorinnen sorgten in letzter Zeit für viel Furore, weil sie über Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen in türkischen Familien in Deutschland schrieben. Die Autorinnen sagen, Hürriyet greife sie wegen ihres Engagements persönlich an, und fühlen sich einer Kampagne ausgesetzt. "Insgesamt kann ich mir das so erklären, dass die Hürriyet zu einer politischen Ausrichtung gehört, die gerne eine Stillhalte-Politik betreibt und nicht das Unschöne zeigen will - damit aus ihrer Sicht kein 'falsches Bild' von der türkischen Community entsteht", sagt Rechtsanwältin Seyran Ates, die häufig zwangsverheiratete türkische Mandantinnen vertritt. Dabei gehe es Hürriyet aber offensichtlich auch nicht darum, ein wirklich authentisches Bild dieser Community wiederzugeben, sagt die Rechtsanwältin.

"Wir Türken können so was nicht sagen!"
Ali Gülen, Leiter der Europa-Ausgabe von Hürriyet, wehrt sich gegen diese Vorwürfe. Hürriyet schreibe objektiv und für die Bedrohungen trage seine Zeitung keine Verantwortung: "Ein Journalist macht nur seine Nachrichten, und keiner wird nur deshalb bedroht, weil eine Zeitung über etwas berichtet. Wenn sie von anderen bedroht wird, hat das wahrscheinlich etwas mit den Lesern der taz zu tun", verteidigt sich Gülen.
Der taz habe die Autorin gesagt, dass alle türkischen Mädchen vor der Heirat absurde sexuelle Beziehungen eingingen. "Wir Türken können so etwas nicht sagen! Aber sie erzählt solche Sachen ohne Hemmungen! Wir haben gesagt: Sie solle dies nicht verallgemeinern. Die Berichte, die wir geschrieben haben, sind Eins- zu- Eins-Übersetzungen von den Berichten in deutschen Zeitungen." An Drohungen glaubt Gülen nicht. "Wenn es so etwas gibt, übertreibt sie, um Eigenwerbung zu machen und die Verkaufszahlen für ihre Bücher zu steigern", sagt er.

Kritik an der deutschen Wahrnehmung
Hürriyet- Vertreter Gülen kritisiert, dies seien unzulässige Verallgemeinerungen. Deshalb sei es Aufgabe seiner Zeitung, dagegen zu kämpfen. Vor allem intellektuelle türkische Frauen regten sich über Ates' Verallgemeinerungen auf, behauptet Gülen. Die Verallgemeinerungen führten dazu, dass deutsche Medien einseitige Berichte über Türken produzierten. Dies sei eine Form von "kulturellem Rassismus".

 
 
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