07.03.2005
/ Odenwälder Echo – Odenwaldkreis
Wenn die eigene Familie zur Bedrohung
wird Gesellschaft: Serap Cileli spricht in der Bad Königer Carl-
Weyprecht- Schule über Zwangsheirat und Ehrenmorde
BAD KÖNIG. Schockiert und
zuerst ungläubig lauschten dieser Tage Jugendliche aus dem Bad
Königer Jugendtreff und der Carl- Weyprecht- Schule dem Vortrag
von Serap Cileli, der über Zwangsheirat und Ehrenmorde handelte.
Erst dann kam langsam eine offene Diskussion auf.
Wie Serap Cileli, die ihre eigenen einschlägigen Erfahrungen in
einem Buch verarbeitet hat, ausführte, handelt es sich bei den
Opfern von Ehrenmorden nicht selten um Mädchen, die nur so sein
wollen, wie hunderttausende andere auch: moderner, offener, lebenslustiger,
in „Freiheit lebend". Sie wollten frei entscheiden, wen sie
lieben und heiraten möchten und wen nicht. Die Referentin erklärte,
dass Zwangsehen überwiegend unter Anwendung körperlicher oder
psychischer Gewalt eingegangen werden. Vornehmlich sind Frauen und Mädchen
davon betroffen, die meisten zwischen 14 und 19 Jahren alt, aber auch
junge Männer. Allein in Deutschland sind es wohl 30 000, schätzt
die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, der auch Serap Cileli
angehört, in der Mehrheit Frauen und Mädchen aus dem islamischen
Kulturkreis. Aufklärung an Schulen und in der Jugendarbeit sind
laut Serap Cileli deshalb so wichtig, weil viele Mädchen nach zum
Teil jahrelangem Martyrium oft keinen anderen Ausweg mehr wissen, als
den Suizid. Nicht wenige werden in ihre Heimat verschleppt und eingesperrt,
bis sie zur „Besinnung“ kommen – oder von ihrer Familie
verstoßen. Im Extremfall, und das ist nicht selten, werden sie
sogar ermordet – die letzte Chance, die „Ehre der Familie"
zu erhalten. Viele Frauen und Mädchen entziehen sich einer Zwangsehe
erst nach Jahren, aus Furcht vor Racheakten und psychischer Gewalt der
eigenen Familien. Andere halten durch bis zum bitteren Ende.
Artikel erschien auch in dem:
Bad König aktuell –
Ausgabe – Nr. 9/ 04.03.2005
Bad Königer Stadtnachrichten - Nr. 9 / 04.03.2005
Odenwälder Journal- 24.03.2005
„Bekannte Buchautorin Serap
Cileli und ZDF im Bad Königer Jugend Treff“
Das ZDF dokumentierte die Veranstaltung und sendet sie Ende März
aus.
28. 02.
2005 / Focus - Nr. 9
Eine Frage der Ehre
Von F. Hauke/U. Plewnia/B. Weddeling
Eine Mordserie verdeutlicht: Auch
in Deutschland fallen muslimische Frauen einer pervertierten Moral zum
Opfer
Die Verbrechen erschüttern nicht nur die Berliner Öffentlichkeit.
Mit einem Mal erscheinen türkische Familien sogar linksliberalen
Blättern wie der „Zeit“ als rechtsfreier Raum für
tausende junger Mädchen und Frauen“, und die „Süddeutsche
Zeitung“ registriert bestürzt „muslimische Dorfmoral
in der Berliner Moderne“. Nicht neu, sondern nur viel zu lange
tabuisiert sei dieses Phänomen, hält die Autorin Serap Cileli,
39, dagegen. Seit elf Jahren recherchiert sie die Hintergründe
von Ehrenmorden. Cileli erklärt die Gewalttaten gegen Frauen mit
den tief verwurzelten Traditionen in rückständigen Gegenden
der Türkei. Die Ehre in einem Haushalt zu verteidigen sei dort
jeher die Aufgabe der Männer. „Der Vater und die Brüder
wachen über die Sittlichkeit. Kleidung und Verhalten der Frauen
sind dabei sehr wichtig“, sagt Cileli. Der Mann sei verpflichtet,
die Frau zu beschützen und Geld zu verdienen. „Als Gegenleistung
darf die Frau die Familienehre nicht beschmutzen“, erläutert
dies aus der Türkei stammende Frauenrechtlerin.
27. 02.2005
/ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - Nr.
8
Import blutiger Traditionen
Von Cornelia von Wrangel
Es geht um die Sexualität
der Frau. Die Ehre- das sind für konservative muslimisch- türkische
Familien die Frauen. Die Männer müssen diese Ehre beschützen.
Wenn sich die Frau nicht unterwirft, verliert sie ihre Ehre und verletzt
die Ehre der männlichen Familienmitglieder. Eine Frau kann ihre
verlorene Ehre nicht wiederherstellen. Der Mann seine verletze schon:“
mit dem Blut der Frau“. So schildert Serap Cileli, die Autorin,
den Wertekodex der patriarchalischen Familien. In Deutschland sind nach
ihrem Wissen allein seit vergangenem Oktober sechs Frauen getötet
worden, deren Mörder „Ehrentäter“ waren. Sechs
Morde inmitten einer westlichen Gesellschaft, sechs Morde nach archaischer
Tradition. Ehrenmorde und Zwangsheirat habe es jedoch schon immer gegeben,
sagt Cileli. Man habe es nur nicht gesehen, weil die beiden Begriffe
„nicht im deutschen Wortschatz existierten“. Nach Cilelis
Meinung muss Zwangsheirat ein eigener Straftatbestand werden. Aber Gesetze
reichten nicht, fügt sie hinzu. Sie hält vor allem Aufklärung
für nötig. Mit einem türkischen Sozialarbeiter in die
Familien gehen, ihnen klarmachen, dass in Deutschland die Gleichberechtigung
von Mann und Frau herrscht, dass manche ihrer mitgebrachten Werte hier
als Menschenrechtsverletzungen gelten. In die Kindergärten gehen,
in die Schulen, zu den Richtern, die „Ehrentätern“
wegen ihres kulturellen Hintergrundes zuweilen strafmildernde Umstände
bescheinigen.
24.02.2005
/ Abendzeitung
Frauenmorde für Familienehre
Von John Schneider
Sieben Opfer seit Oktober: Türkin
kämpft gegen blutige Tradition
An dem Ort, wo Hatun Sürücü (23) erschossen wurde, kamen
Serap Cileli die Tränen der Trauer, aber auch“ der Wut über
die eigene Hilflosigkeit“. Hatun ist seit Oktober bereits die
siebte Frau, die einem Ehrenmord in der Familie zum Opfer gefallen ist“,
erklärt Serap im AZ- Gespräch ihren großen Zorn.
Serap Cileli war bei der Mahnwache nicht dabei. Am Dienstag saß
sie stattdessen im Fernsehstudio und forderte vor einem Millionenpublikum
bei Sandra Maischberger ein Ende der „falsch verstandenen Toleranz“.
Zu lange habe man in Deutschland weggesehen, Ehrenmorde als Familientragödien
abgetan: „ Erst jetzt guckt man hin“. Doch das reicht ihr
nicht.
24. 02.
2005 / Die Zeit /
Nr. 9
Wie eine Deutsche
Von Jörg Lau
Hatun Sürücü hatte
sich von ihrer türkischen Familie gelöst und wurde ermordet
– wie fünf weitere Frauen in den letzten Monaten allein in
Berlin.
Erst jetzt wird der »Ehrenmord« zum Politikum
Eine junge Frau ist ermordet worden,
in einer Montagnacht an einer einsamen Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof.
Solche Dinge kommen leider vor, und meist dringen sie kaum über
die Rubrik »Vermischtes« hinaus. Doch über dieser Tat
kommt die Hauptstadt seit zwei Wochen nicht mehr zur Ruhe.
Serap Cileli….. fordert
ein radikales Umdenken bei den deutschen Behörden.
Heute hilft Cileli, betroffene
Frauen an geheimen Orten in Deutschland vor ihren Familien zu verstecken.
»Wenn ich mit einem bedrohten Mädchen zur Polizei gehe«,
sagt sie, »nehmen die die Gefahr oft nicht ernst.« Vielleicht
werde sich immerhin dies nun ändern. Celili betreut gerade sechs
Mädchen, die von ihren eigenen Verwandten bedroht werden. Die Jüngste
ist erst zwölf Jahre alt und sollte als Zweitfrau mit einem älteren
Mann verheiratet werden. Serap Cileli kämpft an mehreren Fronten:
»Wenn ich den Islam für diese Zustände kritisiere, gelte
ich bei deutschen Gutmenschen als Ausländerfeind. Und viele Türken,
leider auch Türkinnen, greifen mich an, weil ich ein Nestbeschmutzer
sei. Die türkischen Medien ignorieren mich, weil sie keine Kritik
an patriarchalischen Verhältnissen bringen wollen. Ich bin traurig,
das so sagen zu müssen, aber wir haben in Deutschland ein Türkenproblem.
Dass die Mehrheit hier gut integriert sei, wie es etwa die Bundesausländerbeauftragte
Beck behauptet, ist nichts als Augenwischerei.«
22. 02.
2005 / taz
Wenn das Familiengericht tagt
Von Martin Reichert
Das Phänomen der Ehrenmorde
hat man in Deutschland zu lange ignoriert. Obwohl sie mit den Grundwerten
einer westlichen Gesellschaft kollidieren. Nach dem Mord an einer türkischstämmigen
Berlinerin regt sich endlich öffentlicher Protest
Würden Rechtsradikale eine 23-jährige Deutsche türkischer
Herkunft auf offener Straße erschießen, wäre ganz schön
was los. Wenn eine 23-jährige Deutsche türkischer Herkunft
auf offener Straße von ihren eigenen Brüdern erschossen wird,
ist nicht wirklich was los. Kein Aufstand der Anständigen, keine
Sondersendung, keine Lichterketten: Die Reflexe engagierter Bürger
versagen, auch weil das Täter-Opfer-Bild plötzlich schief
hängt.
Handelte es sich um einen Mord aus Eifersucht, es bedürfte keiner
öffentlichen Akklamation. Bei einem Ehrenmord verhält es sich
anders: Er soll nicht nur die Familienehre wiederherstellen, sondern
auch die traditionelle patriarchale Ordnung aufrechterhalten. "Diese
Morde finden an öffentlichen Orten statt, sie dienen als Abschreckung
für alle anderen Frauen", sagt Serap Cileli, Autorin des Buches
"Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre". Cileli arbeitet
mit der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes zusammen, die mit
der Aktion "Nein zu Verbrechen im Namen der Ehre" gegen mittelalterliche
Wahnvorstellungen kämpft - mit den Mitteln der Aufklärung.
Bei den so genannten Ehrenmorden handelt es sich nicht um individuelle
Dramen, sondern um ein soziales Phänomen in modernisierungsdefizitären
Gemeinschaften, die überproportional islamisch geprägt sind.
Im Wertesystem traditionell streng patriarchaler Länder hängt
die gesellschaftliche Ehre der Männer in einer Familie auch vom
normgerechten Verhalten der weiblichen Familienangehörigen ab,
die Frau ist eine Art Gefäß für die Ehre, das von den
Männern beschützt werden muss. Die Frau beschmutzt diese Ehre,
wenn sie fremdgeht, nicht den Mann heiratet, der ihr von der Familie
zugedacht ist, und auch wenn sie vergewaltigt wird: "Zur Not wird
sie dann mit dem Täter zwangsverheiratet", erklärt Serap
Celeli. Eigentlich geht es gar nicht um die individuelle Schuld der
betreffenden Frau, die finstere Logik der Ehre ehrt weder Frau noch
Individuum, es geht darum, den Fleck, den Schmutz aus der Familie zu
entfernen. Hauptsächlich geht es um den Umgang mit Sexualität.
In westlichen Ländern ist der Begriff der Ehre längst seiner
ursprünglich feudalen, ständischen Bedeutung entkleidet. Die
nach außen gerichtete Funktion der Ehre hat sich nach innen verlagert
und zur Würde weiterentwickelt. Zur Menschenwürde. Von Normen
der Ehre hingegen nimmt das geschriebene staatliche Recht keine Kenntnis.
Es schützt lediglich den Anspruch der Person, in ihrer "äußeren"
Ehre nicht durch entehrende Äußerungen beeinträchtigt
zu werden. Soweit jemand eine nicht mit den allgemeinen Gesetzen vereinbare
Gruppenehre hat, genießt er keinen Schutz. Ein Ehrenmord ist ganz
einfach ein Mord, da nützt auch kein ethnologisches Gutachten,
keine sensible Erörterung des kulturellen Hintergrunds. In Deutschland
hat man das Phänomen der Ehrenmorde lange, zu lange ignoriert,
"aufgrund einer falsch verstandenen Rücksicht", sagt
Serap Cileli: "Wegen der deutschen Vergangenheit haben die Medien
es meist abgelehnt, sich mit dem Thema zu befassen. Sie hatten Angst,
dass dies Ausländerfeindlichkeit schüren könnte."