08.Juli 2006
/ Hamburger Abendblatt
"Ihr
bringt uns um mit eurer Toleranz"
Die türkische Autorin Serap
Çileli rechnet mit der vermeintlichen Liberalität der Deutschen
ab: Sie fordert klare Gesetze gegen Zwangsverheiratung und eine härtere
Bestrafung bei Ehrenmord.
Von SABINE TESCHE
Die Deutsch-Türkin
Serap Çileli (40) zog 1974 mit ihrer Familie nach Deutschland.
Mit 15 Jahren wurde sie in die Türkei verheiratet. Nach sieben
Jahren Zwangsehe floh sie nach Deutschland und lebte aus Angst vor der
Rache ihrer Eltern monatelang in einem Frauenhaus. In dem Buch "Wir
sind eure Töchter, nicht eure Ehre" hat sie ihr Schicksal
beschrieben. Seitdem kämpft sie gegen Zwangsverheiratungen und
für die Rechte muslimischer Frauen. Sie betreute bisher rund 200
Mädchen und Frauen in Zwangslagen. 2005 wurde Serap Çileli
für ihr politisches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet,
am 12. Juli erhält sie den Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage
2006. www.serap-cileli.de
JOURNAL:
Am 14. Juli findet in Berlin der Integrationsgipfel mit Kanzlerin Merkel
und Migrantenorganisationen statt. Was erwarten Sie sich davon?
SERAP ÇILELI:
Das Streben der neuen Regierung nach Integration ist sehr lobenswert.
Aber es gibt noch viel zu tun, vor allem bei der Aufklärung der
Deutsch-Türken über die Menschenrechte und die Gleichberechtigung
von Frauen. Dazu müßte mehr in der Schule und durch Sozialarbeiter
direkt in den Familien passieren. Ich hoffe, daß die in sich gespaltenen
türkisch-islamischen Verbände keine Gegenfront bilden, wie
es in der türkischen Presse zu lesen ist. Wir brauchen vor allem
einen Mentalitätswandel der türkischen Migranten. Wenn wir
das schaffen, gelingt auch die Integration.
JOURNAL:
Welchen Mentalitätswandel meinen Sie?
ÇILELI:
Die deutsch-türkische Gemeinschaft muß zuerst ihren Sexualkodex
klären. Denn bei der Sexualität fängt die Unterdrückung
der muslimischen Frauen an. Die Ehre der Männer liegt angeblich
in der Vagina dieser Frauen. Ich würde mir wünschen, daß
die türkischen Männer ihre Frauen als Individuen betrachten.
Daß sie gewährleisten, daß türkische Mädchen
ein Selbstwertgefühl entwickeln können. Sie sollten selbst
entscheiden, wen sie heiraten möchten.
JOURNAL:
Sie fordern, daß die Zwangsverheiratung ein eigener Strafbestand
wird. Würde so ein Gesetz türkische Eltern davon abhalten?
ÇILELI:
Es würde eine Bremsfunktion übernehmen. Die Familien würden
wissen, daß es hier in Deutschland nicht erlaubt ist. Ein wichtiges
Signal an die muslimische Gemeinschaft wäre auch, wenn die deutschen
Richter, wie dänische Richter kürzlich, einen Ehrenmord mit
Sippenhaft bestrafen würden.
JOURNAL:
Inwieweit ist die Zwangsverheiratung Normalität unter Türken
in Deutschland?
ÇILELI:
Sie ist normal in allen Schichten, auch wenn es leider keine bundesweiten
Zahlen dazu gibt. Durch meine Arbeit weiß ich, daß die Mehrheit
der Migrantinnen traditionell lebt, auch wenn viele nach außen
hin integriert in die Gesellschaft wirken. Das Problem liegt in den
türkisch-islamischen Erziehungsmethoden.
JOURNAL:
. . . die wie ausehen?
ÇILELI:
Gewalt ist in der Familie absolut toleriert. Die Töchter werden
zu Sklavinnen gezüchtet, mitten in der westlichen Demokratie. Ihr
höchster Wert ist ihre Jungfräulichkeit, das Ziel ist, Mutter
und Hausfrau zu werden. Die Familien suchen Heiratskandidaten für
ihre Töchter aus, aus denen sie einen wählen können.
JOURNAL:
Aber die Männer werden dabei doch genauso zwangsverheiratet.
ÇILELI:
Die Männer haben aber viel mehr Freiräume. Sie werden mit
ihrer türkischen Cousine verheiratet und haben nebenher noch ihre
deutsche Freundin. Die Frauen werden hingegen im Haus eingesperrt.
JOURNAL:
Ist die Einstellung der deutschen Gesellschaft zu diesen Dingen zu liberal?
ÇILELI:
Viel zu liberal und tolerant. Ich sage oft: Eure Toleranz wird uns muslimische
Frauen noch umbringen. Dieses naive Toleranzverständnis von vielen
politischen Sonntagsrednern schadet uns. Uns türkischen Frauen
wäre viel Leid erspart geblieben, wenn man in Deutschland mehr
über den Alltag von muslimischen Frauen geredet hätte.
JOURNAL:
Wie sollen wir darüber reden, wenn wir keine Einblicke in die türkische
Gesellschaft bekommen?
ÇILELI:
Daran ist auch die türkische Elite schuld, zum Beispiel die Abgeordnenten,
Sozialwissenschaftler und Schriftsteller. Ich sehe sie als Mittäter
bei all den Ehrenmorden und Zwangsverheiratungen. Denn sie waren diejenigen,
die jahrelang gemeinsam mit den Multikulti-Politikern gesagt haben:
Wir haben keine Integrationsprobleme. Auch die Rolle der türkischen
Medien darf man nicht unterschätzen. Die arbeiten gegen die Integration.
Sie haben Angst, daß sich die Türken in Deutschland zu sehr
anpassen.
JOURNAL:
Lehnen die hiesigen Türken die deutsche Lebensweise ab?
ÇILELI:
Sie halten die Deutschen für unmoralisch und sittenlos. Die Türken
haben Angst davor, ihre eigenen Werte und Traditionen durch die Verwestlichung
zu verlieren. Ich bekomme immer öfter von jungen deutsch-türkischen
Mädchen zu hören, daß sie neben ihrer Mitgift auch ein
Jungfräulichkeitszertifikat beilegen müssen. Es gibt Erhebungen
darüber, daß jeder zweite türkische Mann in Berlin seine
Frau aus der Türkei holt, weil die Türkinnen, die hier geboren
wurden, als zu deutsch gelten.
JOURNAL:
Ihr Telefonnummer ist geheim. Haben Sie noch Angst vor der Rache Ihrer
Eltern?
ÇILELI:
Meine Eltern wissen, wo ich wohne, aber wir haben keinen Kontakt mehr.
Die Sicherheitsvorkehrungen sind wegen meiner türkischen Landsleute,
die mich wegen meiner offenen Meinung angreifen. Ich mußte schon
Lesungen unter Polizeischutz halten.
JOURNAL:
Vermissen Sie Ihre Eltern?
ÇILELI:
Manchmal schon. Aber ich weiß, daß ihnen meine untraditionelle
Lebensweise mißfallen würde, vor allem die Erziehung meiner
Kinder zu Individuen.
JOURNAL:
Sind denn türkische Kinder in der Familie keine Individuen?
ÇILELI:
Nein. Ein deutsches Kind kann seine Mutter mit ihrem Vornamen ansprechen,
ein türkisches Kind würde das nicht wagen. Ein deutsches Kind
sagt: Ich bin ich, es kann sich entfalten. Ein türkisches Kind
ist immer das Kind von XY. Man ist immer ein Teil der Familie, die nur
existieren kann, wenn der gute Ruf mit allen Mitteln aufrecht erhalten
wird.
Juni 25, 2006
/ AP World News
European Muslims Resort to Virginity
Ploys
By ELAINE GANLEY
Associated Press Writer
SAINT-DENIS, France (AP) -- Chastity
can exact a painful price from young Muslim women, forced into lies
or surgery to go to the marriage bed as virgins.
Hymen repair, fake virginity certificates
and other deceptions, said to be commonplace in some Muslim countries,
are practiced in France and elsewhere in Europe, where Muslim girls
are more emancipated but still live under rigid codes of family honor.
Artikel erschien auch in:
Chicago Sun-Times/ Newsday / MSNBC News / USA Today
12. Juni 2006
/ Ausgabe 23/06
– CDU NRW Aktuell
Info – Dienst der CDU Nordrhein-
Westfalen
4. Reformkongress der CDU NRW zum Thema Integration im Bonner Wasserwerk
Sie finden das Dokument hier
als PDF-Datei (Sie benötigen Acrobat Reader
dafür)
12.06.2006
/ Buxtehuder Tageblatt
Gequält und getötet
im Namen der Ehre
Schriftstellerin Serap Cileli
berichtet über Misshandlungen von Frauen und Mädchen
Buxtehude (ff). Erwürgt,
gesteinigt, mit Säure übergossen: Weltweit werden nach einem
UN-Bericht jährlich 5000 Mädchen und Frauen „im Namen
der Ehre" umgebracht. „Auch Migrantinnen in Deutschland sind
betroffen“, berichtet die türkische Frauenrechtlerin und
Schriftstellerin Serap Cileli anlässlich der Ausstellungseröffnung
„Tatmotiv Ehre" im Zwinger.
Die von der Frauenrechtsorganisation
„terre des femmes" konzipierte Schau, die bis zum 23. Juni
im Marschtorzwinger zu sehen ist, zeigt die grausame Praxis von Verbrechen
an Mädchen und Frauen, die gegen die Zwänge der traditionell
patriarchalischen Haltung aufbegehren. Um die Ehre wiederherzustellen,
droht ihnen von der eignen Familie Bestrafung. In Form von Verstoßung,
Folter oder gar Mord.
Die gut besuchte Veranstaltung,
organisiert vom Gleichstellungsbüro und den Soroptimisten Buxtehude,
widmet sich aber auch dem mutigen Kampf von Aktivistinnen aus dem Libanon,
Brasilien, Bangladesh, Pakistan, Türkei, Schweiz und Deutschland.
Serap Cileli ist eine von ihnen. Die deutsche Schriftstellerin türkischer
Abstammung wurde mit 15 Jahren zwangsverheiratet.
„Ein Schicksal, von dem
laut Umfragen jede zweite Türkin betroffen oder zumindest bedroht
ist", so die 40-Jährige, die als eine der ersten Frauen überhaupt
für die Rechte der islamischen Frauen gekämpft hat. Und dafür,
dass das brisante Thema an die Öffentlichkeit gelangt. Für
ihr Engagement erhielt die Aktivistin das Bundesverdienstkreuz. Doch
trotz unermüdlicher Aufklärungsarbeit werden längst nicht
alle Fälle bekannt. „Es passiert mitten unter uns, auch in
Deutschland. Kinder und Frauen werden verschleppt, gequält und
ermordet", erklärt die Expertin.
„Die Dunkelziffer liegt
wesentlich höher, weil sie von den Ermittlungsbehörden nicht
immer erkannt werden", so Cileli weiter, was der teilnehmende Kriminalhauptkommissar
Borchers bestätigt: „Die Familien halten dicht, Verbrechen
werden als Unfall oder Selbstmord getarnt." Oft seien die Behörden
machtlos, da die Opfer sich oft niemandem anvertrauten. „Eine
Hoffnung, dass sich an diesem Umstand etwas ändert, sind Kampagnen,
die auf die Verbrechen im Namen der Ehre aufmerksam machen, und die
mittlerweile existierenden Anlaufstellen für die ausländischen
Frauen", sagt Gleichstellungsbeauftragte Uschi Reinke.