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27. Mai 2008 / DIE RHEINPFALZ- Zweibrücker Rundschau

Interview:
LEBEN TÜRKISCHE FRAUEN IN EINER PARALLELWELT?

Serap Cileli, deutsche Schriftstellerin türkischer Herkunft, macht sich stark für die Rechte muslimischer Frauen. Gestern referierte sie in Zweibrücken über „Frauen im Islam- hat die Aufklärung eine Chance?“ Unsere Mitarbeiterin Barbara Sittinger sprach vorher mit ihr.


23.05.2008 / Junge Freiheit

Ehrenmorde“ durch den Islam legitimiert

BERLIN. Anlässlich des jüngsten so genannten „Ehrenmordes“ an einem afghanischen Mädchen in Hamburg durch ihren Bruder haben die türkischstämmigen Frauenrechtlerinnen Serap Cileli und Necla Kelek auf den kulturellen Hintergrund der Taten hingewiesen und den Deutschen vorgeworfen, „feige“ zu sein und „den Islam zu relativieren“. Tatsächlich sind diese Verbrechen aber nur durch diesen erklärbar:
„Das Motiv für den Mord ist ein durch die islamische Religion legitimierter Ehrbegriff, der in islamisch sozialisierten Familien und Gemeinschaften die Frauen zum Besitz der Männer der Familie macht“, schreibt Kelek im Hamburger Abendblatt. „Die Gewalt selbst wird durch den Koran legitimiert.“
„Es gibt eine ganze Reihe von Suren, die ganz klar formulieren, dass sich die Frau dem Mann unterzuordnen hat“, ergänzt Cileli in einem Gespräch mit der Welt. „Ehebruch wird im Koran mit Steinigung bestraft. Heute werden keine Steine geworfen, stattdessen wird zugestochen oder geschossen.“
Der Täter, der vergangene Woche mehr als zwanzig Mal mit dem Messer auf die sechzehnjährige Morsal einstach, begründete die Tat damit, daß sich das Opfer „von der Familie abgewandt“ habe.

„Die Deutschen sind feige“

Beide Frauenrechtlerinnen kritisierten den tolerierenden Umgang der Deutschen mit der fremden Kultur: „Die Familie des Täters und des Opfers leben in Deutschland in den Vorstellungen einer islamisch geprägten Stammesgesellschaft.“ Diese dürfe aber keinesfalls von der deutschen Gesellschaft akzeptiert werden, schreibt Kelek.
„Die Deutschen sind feige. Sie tun sich schwer damit, Grenzen zu ziehen und für ihre eigene Identität ein zustehen“, stellt Cileli fest. „Die Deutschen müssen mutiger sein. Sie dürfen nicht den Fehler begehen, jenen gegenüber tolerant zu sein, deren größter Feind die Freiheit ist.“


21.5.2008 / BRIGITTE / Das Magazin für Frauen / Nr. 12

Text: Kristina Maroldt

Musliminnen in Deutschland: Was sie denken, was sie fühlen

Im Kampf der Kulturen stehen sie im Kreuzfeuer wie sonst kaum jemand: muslimische Frauen in Deutschland. Wir haben hauptsächlich Klischees im Kopf, aber wenig Ahnung davon, was sie wirklich beschäftigt.

Die Angst kennt viele Wege. In das Leben von Serap Çileli sprang sie eines Tages wie ein wildes Tier. Die Zwölfjährige stand in der Küche ihrer Eltern, vor ihr der Vater, in der Hand einen Stuhl, er wollte sie schlagen, weil sie den Mann, den er für sie ausgesucht hatte, nicht heiraten, sondern weiter zur Schule gehen wollte. Da warf sich die Mutter dazwischen: "Bist du verrückt", schrie sie, "denk an das Jungfernhäutchen, es könnte zerreißen!"
In diesem Moment wurde Serap Çileli klar: Für ein Leben in Freiheit würde sie von nun an kämpfen müssen. Würde sie die Kraft dazu haben?

Bis ich Serap Çileli treffen kann, die Frau, die vor 30 Jahren von ihrem Vater fast erschlagen wurde, sind mehrere Telefonate nötig. Der Terminkalender der 42-Jährigen platzt aus allen Nähten, seit der Islam zum Politikum wurde, kann sich die Autorin vor Anfragen kaum retten. Wir verabreden uns schließlich für ein Interview am Rande eines Workshops in Hessen. Sehr aufrecht und konzentriert sitzt sie dort im roten Hosenanzug in der Lobby der Veranstaltungshalle und bereitet sich auf ihren Vortrag vor. Der Titel: die Macho-Kultur in muslimischen Familien. Es ist ihr Lebensthema. Schon in ihrer Autobiografie "Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre" ging es um prügelnde Väter, schweigende Mütter und die Flucht aus Zwangsehe und Unterdrückung.

Damals, zwei Jahre vor dem 11. September, war Serap Çileli eine der Ersten, die das Schweigen über die verzweifelte Situation vieler Musliminnen in Deutschland brach. Sie wird deshalb noch heute von vielen ihrer Glaubensgenossen gemieden. Sie sagt: "Die türkisch-muslimische Kultur ist eine Kultur der Gewalt. Zu Reformen ist dort noch keiner bereit. Wir brauchen Gesetze, die die Opfer schützen."
Wer sich mit ihr über den Islam unterhält, dem läuft es kalt über den Rücken. Das Bild einer archaischen Parallelgesellschaft baut sich da auf, in der das Handeln geprägt ist von grausamen Traditionen und einem Koranverständnis, das den Männern als Rechtfertigung dient, Frauen wie Sklavinnen zu behandeln. Es ist der Islam, den Serap Çileli als Mädchen und junge Frau kennen lernte - und gegen den sie jetzt mit aller Kraft kämpft. Ehrenamtlich berät sie muslimische Mädchen, die im Urlaub in der Türkei oder in Marokko verheiratet werden sollen.
Sie hilft Frauen beim Untertauchen, wenn sie sich von ihren Männern getrennt haben und nun fürchten, für die Familienehre sterben zu müssen. Vor allem aber klagt sie an, Muslime wie Nicht-Muslime: Warum schaut ihr weg? Seht ihr nicht das Unrecht, das in eurer Mitte geschieht? Was muss passieren, damit ihr endlich aufwacht?

Die Wut kommt nach diesem Treffen wie ein Reflex: Wie können wir zulassen, dass so etwas bei uns passiert? Verraten wir damit nicht die Werte, für die wir selbst so lange gekämpft haben: Gleichberechtigung und Selbstbestimmung, Freiheit und Demokratie? Wie können wir gegen Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen protestieren und gleichzeitig hinnehmen, dass die türkische Nachbarstochter sowieso nie eigenes Geld verdienen wird, weil die Eltern sie mit 14 von der Schule nehmen und an einen Cousin verheiraten werden? Hat das wirklich noch mit Toleranz und Religionsfreiheit zu tun? Ist es nicht längst Ignoranz und Rassismus?


20. Mai 2008 / Welt Online

Von Eva Eusterhus

"Ehrenmord"
Frauenrechtlerin fordert mehr Mut von Deutschen


Foto: Ida Henschel
Lebt mit täglichen Drohungen: Frauenrechtlerin Serap Çileli

In Hamburg hat ein Deutsch-Afghane seine Schwester erstochen, weil sie zu westlich lebte. Auch Serap Çileli weiß, was "Ehrenmord" bedeuten kann – sie ist selbst davor geflüchtet. Im Interview auf WELT ONLINE spricht die Frauenrechtlerin über ihre Erfahrungen und wirft den Deutschen falsche Toleranz vor.

Es geschah am helllichten Tag mitten in Hamburg: Am Freitag erstach ein Deutsch-Afghane seine Schwester. Die 16-jährige Morsal musste sterben, weil sie sich „von der Familie abgewandt“ hatte, so lautet die Begründung des Täters. Die Frauenrechtlerin Serap Çileli (42) ist mit der „Ehrenmord“ -Thematik vertraut. In ihrer Biografie „Wir sind Eure Töchter, nicht Eure Ehre“ schreibt sie über ihre eigenen Erfahrungen und liefert zugleich einen Einblick in die Mechanismen muslimischer Parallelwelten. Im Herbst erscheint ihr neues Buch „Eure Ehre, unser Leid“.

WELT ONLINE: Die afghanische Familie des Opfers lebt seit 13 Jahren in Hamburg. Wie die blutige Tat nun gezeigt hat, sind sie nicht in der deutschen Kultur angekommen. Was ist da schief gelaufen?

Serap Çileli: Die Familie des Opfers scheint in den Vorstellungen einer islamisch geprägten Stammesgesellschaft zu leben. Die Familien importieren quasi ihre Stammesrechte mit nach Deutschland, wenn sie hierher ziehen. Nach ihrer Auffassung leben sie in Deutschland, einem christlich geprägten Land, in der Fremde. Sie empfinden dieses Land nicht nur als fremd, sondern auch als feindlich, dementsprechend haben sie seit Jahrzehnten versucht, ihre mitgebrachten patriarchalischen Familienstrukturen hierzulande zu konservieren und sich von der Mehrheitsgesellschaft abzuschotten.

WELT ONLINE: Diese Familien wollen also gar nicht integriert werden?

Çileli: Nein, mehr noch: Das Leben in der Fremde führt dazu, dass die Herkunftskultur nicht nur konserviert, sondern umso frommer gelebt und ausgelegt wird, quasi als Schutz vor der Assimilierung mit der westlichen Gesellschaft. In diesen Parallelgesellschaften können sie völlig ungestört von den Deutschen die Erziehung ihrer Kinder auf ihre eigenen religiösen Werte ausrichten.
Hierbei handelt es sich meiner Auffassung nach oft nicht um Erziehung, sondern um Züchtigung, da der Grundgedanke nicht auf Freiheit beruht, sondern auf Gehorsam. Schließlich droht demjenigen, der sich den Familiengeboten widersetzt, Gewalt. Kinder werden gefügig gemacht, mundtot gemacht, damit sie wie hilflose Schafe immer den Schutz ihrer Familie suchen.

WELT ONLINE: Am meisten scheinen die Töchter unter diesen Strukturen zu leiden...

Çileli: Ja. Als Motiv für die Tat dient ein durch die Religion legitimierte Ehrbegriff, der Frauen zum Besitz der Familie macht. Es gibt eine ganze Reihe von Suren, die ganz klar formulieren, dass sich die Frau dem Mann unterzuordnen hat. Jetzt werden Gutmenschen sagen, entsprechende Stellen finde man auch in der Bibel. Das stimmt, allerdings hat im Christentum eine Aufklärung stattgefunden, sodass Politik und Religion getrennt sind. Diese Trennung gibt es im Islam nicht. Ehebruch wird im Koran mit Steinigung bestraft. Heute werden keine Steine geworfen, stattdessen wird zu gestochen oder geschossen.

WELT ONLINE: Wodurch wird diese Gewalt legitimiert?

Çileli: Durch den Islam. Es gibt zahlreiche Stellen im Koran, die deutlich machen, dass Gewalt nicht nur legitimiert wird, sondern geboten wird – um „vom Glauben Abtrünnigen“ das Fürchten zu lehren.

WELT ONLINE: Wie schätzen sie die Verbreitung der „Ehrenmord“ - Problematik ein. Handelt es sich hier um Einzelfälle?

Çileli: Bei den Morden handelt es sich nicht um Einzelfälle. Laut einer Studie des BKA aus dem Jahr 2006 wurden in Deutschland vom 1. Januar 1996 bis 18. Juli 2005 insgesamt 55 solcher Morde und Mordversuche mit insgesamt 70 Opfern verübt. 48 der Opfer waren weiblich, 22 männlich. 36 Frauen und zwölf Männer kamen zu Tode. Diese Zahlen bilden lediglich die Spitze des Eisberges. Auch wenn das Thema in den letzten Jahren vermehrt auftaucht, so ist es in vielen muslimischen Familien präsent. Die Tatsache, dass erst einzelne Frauen ihr Leben opfern mussten, beweist lediglich, wie wenige Frauen sich trauen diesen Schritt zu wagen – ermutigt durch die öffentliche Debatte und durch das Auftreten selbstbewusster Mitstreiterinnen.

WELT ONLINE: Kann der Staat Ehrenmorde verhindern?

Çileli: Der Staat ist nicht dafür ausgerüstet, die sie zu verhindern. Was er jedoch sehr wohl tun kann, ist die Ehefrauen/Töchter vor der Familie zu schützen. Hierzu gehören ein flächendeckender Ausbau an kulturspezifischer Beratung und Betreuung/Kriseneinrichtungen für Muslima, wo die Frauen Unterstützung und Rechtsbeistand finden.

WELT ONLINE: Braucht es Ihrer Meinung nach neue Gesetzte, um diese Strukturen aufzubrechen?

Çileli: Ja, weil diese Familienoberhäupter nur eine klare, harte Linie verstehen. Fatal ist etwa, dass Zwangsverheiratung noch immer kein eigener Straftatbestand ist. Auch bin ich für die Einführung einer Kindergartenpflicht ab drei Jahren, bei dessen Verstoß Sanktionen etwa durch Kürzungen von Sozialleistungen erfolgen. Wenn man den Leuten ans Geld geht, sitzen sie ganz schnell im Integrationskurs oder in der Elternsprechstunde. Der deutsche Staat braucht eine harte Hand, um muslimischen Autoritäten deutlich zu machen, dass mitgebrachte Stammesrechte hier nicht gelten.

WELT ONLINE: Sie greifen in ihrem Buch auch den moralischen Relativismus der deutschen Gesellschaft an. Warum tun wir uns so schwer damit, eine nüchternde Bestandsaufnahme des Integrations-Dilemmas zu ziehen?

Çileli: Die Deutschen sind feige. Sie tun sich schwer damit, Grenzen zu ziehen und für ihre eigene Identität einzustehen. Das liegt sicherlich an der leidvollen Geschichte des Landes, das sich einst einem faschistischen Diktator anschloss. Aber diese Zeiten sind vorbei. Die Deutschen müssen mutiger sein. Sie dürfen nicht den Fehler begehen, jenen gegenüber tolerant zu sein, deren größter Feind die Freiheit ist. Dann schauen sie nämlich wieder weg – und machen sich schuldig.


15.Mai 2008 / Schleswig – Holsteinischer Zeitungsverlag (shz.de)

Wer die Wahrheit sucht, lebt in Gefahr

Ungewöhnliche Lesung an der Elly-Heuss-Knapp- Schule: Zu Gast war die türkische Autorin Serap Cileli - sie wurde in frühen Jahren ein Opfer der Zwangsverheiratung.

Zwangsheirat und Ehrenmorde: Die engagierte Autorin Serap Cileli diskutierte mit Elly-Heuss-Knapp-Schülern. (Steinhausen)

Neumünster - - Mit einem interessanten und gleichermaßen erschreckenden Thema konfrontierte gestern die Autorin Serap Cileli die Elly-Heuss-Knapp-Schüler. "Es war der Wunsch der Schüler, dass auch mal eine türkische Autorin an die Schule kommt", erzählte die Europabeauftragte der Schule, Sabine Klütz.

Zwangsheirat und Ehrenmorde waren denn auch die Themen, mit denen Serap Cileli die 50 Schülerinnen und Schüler konfrontierte. "Ein 14-jähriges, türkisches Mädchen wird von einem Mann vier Tage lang eingesperrt und vergewaltigt, bis es ihr gelingt, sich zu befreien. Als sie ihrem Vater davon erzählt, sieht er seine Ehre und die der Familie derartig schwer verletzt, dass er seine Tochter eigenhändig ermordet", beschreibt Serap Cileli einen unglaublichen Fall des Ehrenmordes, der sich vor geraumer Zeit in Dänemark abgespielt hat. Aber auch aus Deutschland sind ähnliche Fälle bekannt.

Andererseits hat der gesellschaftliche Wandel auch die Türkei erfasst. "Die meisten Mädchen laufen viel freizügiger herum. Auch das mit der Zwangsheirat ist heute nicht mehr so schlimm wie vor 20 Jahren", behauptete der 19-jährige Cem.

Serap Cileli war jedoch anderer Meinung: "Nach wie vor werden zu viele türkische Mädchen zwangsverheiratet, wobei es sich in den meisten Fällen um Verwandtschaftsehen handelt. Zum Teil durchlaufen schon elf- bis 13-jährige Mädchen eine religiöse Trauung. Das ist Vergewaltigung auf Lebenszeit", erklärte die Autorin.

Sie selbst hat ein ähnliches Martyrium erlebt und ist 1992 geflüchtet. "Meine Familie hat mich verstoßen, enterbt und wegen der Ehrverletzung für tot erklärt", erzählte sie den gebannt lauschenden Schülern. Zwei Jahre lang hat sie ihre Erlebnisse niedergeschrieben. Am 6. Oktober wird ihr zweites Buch erscheinen: "Eure Ehre - Unser Leid".

Aufgrund ihrer Arbeit leben Serap Cileli und ihre Familie in ständiger Gefahr. "Wir bekommen Drohbriefe", erzählte sie dem Courier. Ihre Familie steht unter Staatsschutz, öffentliche Veranstaltungen kann die Autorin nur unter Polizeischutz besuchen. Trotzdem gibt sie nicht auf. "Wenn man Zwangsverheiratungen ernsthaft bekämpfen will, muss es ein eigener Straftatbestand werden", verlangte die mutige Schriftstellerin.


6. Mai 2008 / Oberzentschule in Beerfelden

Serap Çileli – Begegnung mit einer mutigen Frau
Veranstaltung mit den 8. und 9. Klassen


Vor der Veranstaltung ist es vermutlich nur den wenigsten der knapp 200 Schülern und Schülerinnen bewusst, wem sie da in der neuen Mensa der Oberzent -Schule an diesem 6. Mai begegnen: einer außergewöhnlich starken und engagierten Frau, der es gelungen ist, sich aus schmerzvollen Traditionen zu befreien, einen eigenen Lebensentwurf zu gestalten und sich aus ihren Erfahrungen heraus gesellschaftlich zu engagieren.

Das Thema klingt – zumindest für die deutschen Schüler und Schülerinnen – sehr exotisch, sehr weit weg: Es geht um Zwangsheirat, Familienehre und Ehrenmorde. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass man – jetzt gerade 14 oder 15 Jahre alt – in wenigen Jahren einen von der Familie ausgesuchten, vielleicht völlig unbekannten Partner heiraten soll und sich dem nicht widersetzen kann. Sich weiterhin vorzustellen, dass die eigene Jungfräulichkeit Voraussetzung für die Wahrung der Familienehre ist, ist nach der westlichen Denkungsart der Schüler und Schülerinnen ebenso absurd. Und dass es im Extremfall bei der Verletzung dieser „Familienehre“ dazu kommt, dass ein Mädchen vom eigenen Bruder, von der eigenen Familie ermordet wird – schier unvorstellbar.

Nachdenklichkeit kommt allerdings auf, wenn einem bewusst wird, dass genau dies möglicherweise das Leben türkischer Mitschülerinnen bestimmen wird, mitten unter uns. Diese Nachdenklichkeit will Serap Çileli in uns mit ihrer Veranstaltung erzeugen und überdies – was noch wichtiger ist – mögliche Hilfsangebote für Betroffene machen.

Aber zunächst: Wer ist diese Frau?

Antwort hierauf geben Schülerinnen der 9. Klasse, die sich im Unterricht und bei der Veranstaltung mit der Biographie beschäftigt haben:

Serap Çilelis Engagement entwickelte sich aus eigenen Erfahrungen. Die in Deutschland aufgewachsene Serap wird mit 12 Jahren verlobt. Die Verlobung wird von ihren zukünftigen Schwiegereltern erst aufgelöst, als sie versucht, Selbstmord zu begehen. Kurze Zeit später wird sie jedoch in die Türkei gebracht und zwangsverheiratet. 7 Jahre lang muss sie mit einem ungeliebten Mann leben, bis ihre Eltern die Scheidung der unglücklichen Ehe gestatten. Mit ihren 2 Kindern flüchtet sie nach Deutschland in ein Frauenhaus. Um den jetzigen Mann, den sie noch in der Türkei kennen und lieben gelernt hat, heiraten zu können, nimmt sie den endgültigen Verstoß aus ihrer Familie in Kauf. Heute lebt sie mit Mann und Kindern glücklich in Deutschland, allerdings ohne Kontakt zu den Familien.
Inzwischen hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben: „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“. Ein neues Buch wird im September zur Buchmesse erscheinen. Um mehr betroffenen Menschen helfen zu können, gründete Serap Çileli die Organisation „peri e.V.“, die Frauen und Männern mit Migrationshintergrund bei ihrer Integration unterstützt. Außerdem engagiert sie sich bei der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“. Für ihr Engagement hat Serap Çileli bereits mehrere Preise erhalten. Angemerkt werden muss noch, dass das Engagement nicht ungefährlich ist, denn fundamentalistischen Gruppierungen ist diese Arbeit ein Dorn im Auge.

Bei ihrem Vortrag mit anschließender Diskussionsrunde gab Serap Çileli Einblick in ihre Arbeit und Biographie, stellte die Problematik von Zwangsehen und Ehrenmorden anhand vieler Beispiele dar und ging ganz allgemein auf die Probleme der Integration bzw. Nicht-Integration der in Deutschland lebenden Migranten ein. Ihre Postionen sind klar und deswegen bei vielen der betroffenen Bevölkerungsteile unbequem: Die Bildungsperspektiven der Migrantenkinder sind denkbar schlecht, es bestehen nach wie vor Sprachprobleme bei der abgeschottet lebenden türkischen Bevölkerung; statt in Deutschland Moscheen zu bauen, sollte in die Bildung und Integration investiert werden, …..

Schülerinnen des Deutsch A-Kurs in Klasse 9
(Angelika Gugau-Keursten)

Link: http://www.oberzentschule.de/


15.03.2008 / Neckarblick / Nr.5

„Die erste Generation fängt immer wieder von Neuem an“

Serap Cileli kämpft gegen Zwangsverheiratung muslimischer Migrantinnen- Vortrag vor voll besetzter Glashalle im Rathaus


03.03.2008 / Nürtinger Zeitung

Kampfansage an überkommene Tradition
Vortrag und Diskussion mit der Autorin Serap Cileli zur Lebenssituation von Musliminnen in Deutschland

Von Miriam Leypoldt

Die Veranstaltung war außerordentlich gut besucht. Cilelis im Jahr 1999 erschienene Autobiographie ist eine Kampfansage an überkommene türkische Tradition. Die eingebürgerte Deutsche setzte darin ihre biografischen Erfahrungen in politische Auseinandersetzungen um. Sie begegnete der damals losgetretenen Diskussionswelle mit Vortragreisen zur Informationen einer breiten Öffentlichkeit und nutzt ihren Prominentenstatus, um sich für Mädchen und Frauen einzusetzen, die sich mit ihrer persönlichen Not an sie wenden.


18. 02. 2008 / Badische Neueste Nachrichten (BNN) / Nr. 41 – Karlsruhe

Warnung vor dem „Kniefall der Mehrheitsgesellschaft“

Bei den „12. Karlsruher Gesprächen“ mahnen die Frauenrechtlerinnen Necla Kelek und Serap Cileli ihre türkischen Landsleute

Von Mario Beltschak

Karlsruhe: …… Cileli geht sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnet den Umgang mit den an die Scharia glaubenden Migranten als „Kniefall der Mehrheitsgesellschaft“. Es sei wichtig, dass „endlich auch die Migranten kritisiert werden“. Die deutsche Politik sollte zur Integrationsthematik „klarer Stellung beziehen“. Auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte sich die Frauenrechtlerin „mehr klare Position erwartet“. Besonders da Erdogan bei seiner Rede in Köln, „das getan hat, was er auch in der Türkei gemacht hat: die Gesellschaft zu spalten“. Die daraus entstehenden Parallelgesellschaften tragen für Cileli nicht zur Integration bei. Besonders die Kinder würden zwischen den Werten des Islam, die sie in der Familie vermittelt bekommen, und den westlichen Werten, wie sie in Europa vermittelt werden, „ohne Ziel, hin und her pendeln“. Beide Welten würden dabei in Opposition zueinander stehen, da „islamische Sitten Unterwerfung fordern „ und somit eine Kapitulation vor der modernen Erziehung darstellen. Die Frauenrechtlerin führt in ihrer Rede unter anderem die Gewaltanwendung in der konservativ islamischen Erziehung und die Unterdrückung der Frauen in der zweitgrößten Weltreligion nach dem Christentum an. „Das ist eine Verachtung der westlichen Werte“, betont sie. Cileli warnt davor, dass die „Islamisierung nicht auf Bahnen der Religionsfreiheit“ gelenkt werden dürfe. Sowohl Kelek wie Serap Cileli erhielten in der Vergangenheit massive Drohungen wegen ihrer Sicht der Dinge, entsprechend war die Tagung von der Polizei geschützt.


10.02.2008 / Neues Deutschland - Sozialistische Tageszeitung

Feuilleton
11.02.2008

Die Linken im Kloster
Kultur neu denken – Religion, Macht, Freiheit, Identität: eine Konferenz in Erfurt

Von Irmtraud Gutschke

Mit der Linken über Gott reden« – es hatte seitens der Bundestagsfraktion DIE LINKE direkte Einladungen zu dieser Konferenz in Erfurt gegeben, aber manch eine/einer war allein schon auf dieses Plakat hin gekommen. »Mit der Linken über Gott reden« – weiße Schrift auf rotem Grund. Mit der Linken reden darüber, wie diese Gesellschaft zu mehr sozialer Gerechtigkeit kommt, gut. Aber über Gott? Hat sich für dieses Thema nicht eher die CDU – wenigstens dem Namen nach – für zuständig erklärt? Wenn es nicht überhaupt eine Sache der Kirchen ist.

Folgerichtig traf man sich am Freitag und Samstag in sakralen Räumen: dem evangelischen Augustinerkloster, wo Luther einst Mönch war, in der Neuen Synagoge und in der katholischen Brunnenkirche, unter deren Grundmauern sich in vorchristlicher Zeit ein der heidnischen Göttin Silvia geweihter Brunnen befand. Das heißt, die Konferenz wurde indirekt auch von religiösen Institutionen mitgetragen, die darin miteinander im Einvernehmen waren.

Dialektik von Einstellung und Erfahrung: Manfred Lütz sieht sich durch die Beschäftigung mit der Wissenschaft zum Glauben gekommen. Serap Çileli aus der Türkei ist einer Zwangsverheiratung entflohen und will den strafenden Gott Allah nicht mehr akzeptieren. Michel Friedman, Mitglied der CDU und unter anderem stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden, bekennt, dass er angesichts dessen, dass 48 Mitglieder seiner Familie von den Nazis umgebracht wurden, an Gott nicht mehr glauben kann. Die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion Katja Kipping, Jahrgang 1978, ist als Atheistin aufgewachsen, für sie wäre es Selbstbeschränkung, Autonomie an eine Instanz abzugeben, die nicht einmal erfassbar ist.


02.02.2008 / Werler Anzeiger

Kein Beharren auf Entschuldigung

Von Detlev Stute

Werl:…. „Serap Cileli zeigte sich gestern im Gespräch mit dem ANZEIGER von dem Vorgehen des Islamischen Kulturvereins „nicht überrascht“. Dies sei das „typische Vorgehen“ eines Islams, der das ihm entgegengebrachte „tolerante Verständnis“ missbrauchen wolle. Gleichzeitig beglückwünschte sie Pater Reinhard zu seinem energischen Auftreten und der Ablehnung einer Entschuldigung. Eine erneute Einladung nach Werl würde sie „natürlich“ gerne wieder annehmen. „Wir dürfen den Kampf nicht aufgeben“, so die Autorin, die nachdrücklich für einen Dialog der Religionen „auf Augenhöhe“ steht.


31.01.2008 / Westfalenpost

„Lassen uns keinen Maulkorb umhängen“

Franziskaner Pater Reinhardt Kellerhof sieht keinen Grund für eine Entschuldigung bei den Werler Moslems

Von Martin Haselhorst

Der Vorstand des Islamischen Kulturvereins fordert von Pater Reinhardt Kellerhof als Leiter des Forums der Völker eine offizielle Entschuldigung an die muslimischen Bevölkerung Werls für den Vortrag von Serap Cileli bei den „Werler Gesprächen“ in der vergangenen Woche. Die Autorin hatte über die Rolle der Frau in islamisch- patriarchalischen Familienstruktur berichtet. Für Pater Kellerhof kommt das nicht in Frage: „Eine Entschuldigung wird es nicht geben“, sagte er gestern, „ wir lassen uns keinen Maulkorb umhängen“. Kulturvereins- Vorsitzender Sami Güney, der den öffentlichen Brief an Pater Reinhardt Kellerhof unterzeichnet hat, wirft den Franziskaner vor, Serap Cileli „bewusst“ erlaubt zu haben, im Forum der Völker „eine integrationsverhindernde Rede“ zu halten. „Wir waren bestürzt über viele Äußerungen, die Frau Cileli von sich gab“, heißt es aus der Moschee.


31.01.2008 / Werler Anzeiger

Werler Gespräch findet Nachspiel

Islamischer Kulturverein fordert Entschuldigung von Pater Reinhardt

Von Detlev Stute

Das jüngste „Werler Gespräch“ mit der Autorin Serap Cileli findet ein ungewöhnliches Nachspiel. So fordert der Vorstand des Islamischen Kulturvereins Franziskanerpater Reinhardt Kellerhof zu einer „offiziellen Entschuldigung“ an die „muslimische Bevölkerung in Werl“ auf. Der Protest des Kulturvereins richtet sich gegen Aussagen von Serap Cileli zum Missbrauch von moslemischen Familien durch die Väter, die als „Falsch- Aussagen“ bezeichnet werden, über die man „bestürzt“ sei. Pater Kellerhoff fand gestern ebenfalls deutliche Worte: Er „ denke überhaupt nicht eine Entschuldigung“, so der Franziskaner. Weder für sich persönlich, noch für den Veranstalter oder die gut 200 Besucher im „Forum der Völker“. Vielmehr habe er den Abend in „guter Atmosphäre“ in Erinnerung. Ein Abend, der mit der Ausstellung „Tatort Ehre“ in der nächsten Woche im „Forum der Völker“ eine Fortsetzung finden soll.


31.01.2008 / Werler Anzeiger

„Wir erwarten Respekt für unseren Glauben“

Zum „Werler Gespräche“ in der letzten Woche im Museum Forum der Völker richtet der Islamische Kulturverein einen offenen Brief (von Sami Güney) an Museumsdirektor Pater Reinhard Kellerhof.

„…. Diese Frau, der sie- unseres Erachtens nach bewusst- erlaubt haben, in Ihren Räumlichkeiten eine Integrationsverhindernde Rede zu halten, ist ziemlich unwissend, was das Thema Islam betrifft. Sie ist voller Vorurteile und versucht, den Islam schlecht zu machen….. Wir erwarten eine offizielle Entschuldigung von Ihnen an die muslimischen Bevölkerung in Werl“.


26. 01.2008 / Werler Anzeiger

„Das ist der Preis dafür, dass ich mich einsetze“

Von Tobias Gebhardt

Serap Cileli sorgte beim „Werler Gespräch“ für einen Rekordbesuch.

Werl: Mit einem Besucherrekord starteten die „Werler Gespräche“ jetzt ins neue Jahr. Rund 180 Personen füllten das „Forum der Völker“ bis auf den letzten Platz. Einigen Besuchern konnte sogar kein Einlass mehr gewährt werden, da der Abend „ausverkauft“ war, man aus Sicherheitsgründen auf eine Überfüllung verzichten musste.


26. 01.2008 / Westfalenpost

Grausamkeiten gegen Frauen

Von Stefan Rebein

Serap Cileli hielt ihren Vortrag vor ausverkauftem Haus. Über 180 Teilnehmer waren in das Forum der Völker geströmt, um den Worten der Frauenrechtlerin zu lauschen. Der Forumssaal des Museums platzte nahezu aus allen Nähten. Einigen Besuchern konnte sogar kein Einlass mehr gewährt werden.

Danach gab es eine kontroverse Diskussion mit dem Publikum.

Die bekannte Frauenrechtlerin und Buchautorin schilderte unter anderem wie junge Mädchen wegen „Entehrung der Familie“ um ihr Leben fürchten mussten.

Serap Cileli wird von einigen türkischen Menschen als Verräterin und Ausgestoßene betrachtet. Ihr wird nämlich übel genommen, dass sie Frauen hilft, die unter Zwang verheiratet wurden. Zahlreiche Drohbriefe gingen seitdem bei der türkischstämmigen Frau ein. Der deutsche Staatschutz wacht nun über ihr Leben und das von ihrer Familie.


26. 01.2008 / Westfalenpost

Werler Gespräche gleiten in eine Kontroverse ab

Vortrag von Serap Cileli über islamische Frauen- Schicksale bewegt Publikum

Kontroverse Ansichten prallten nach dem Vortrag von Serap Cileli im Forum der Völker aufeinander. Die Schilderungen von Serap Cileli über Zwangsverheiratungen hatte so manches Gemüt erhitzt. Besonders Arzu Yalcin, Sekretärin der Frauengruppe der Werler Moschee, wehrte sich dagegen, dass Zwangsheirat und Gewalt gegenüber Frauen mit dem Islam in Verbindung gebracht werden.

 
 

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