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Printmedien 2009
 
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14. 02. 2009 / Südwest Presse - Aktiv / Im Brennpunkt

"Ein wichtiges Signal für die Familien"

Als "sehr erfreuliches Signal" wertet die Frauenrechtlerin Serap Cileli das Urteil. Die hohe Strafe für den Bruder der ermordeten Morsal O. könne potenzielle Nachahmer abschrecken. Die Strafe stelle sicher, dass der Mörder nicht als Held gefeiert werde. Für die Familien sei das Urteil ein wichtiger Fingerzeig, sagte sie gegenüber der SÜDWEST PRESSE. "Damit wurden Fehler der Vergangenheit korrigiert", sagt die Autorin des Buches "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre". Zu oft sei Tätern in den zurückliegenden Jahren ein Kulturbonus zugeschrieben worden. Die Türkei sei hier schon weiter. Dort würden mittlerweile auch die Mittäter zur Verantwortung gezogen. "Wir müssen genauer hinschauen", fordert Cileli. "Bei diesen Morden sind Familien nicht unschuldig." Das gelte auch dann, wenn der Mord in der Familie nicht direkt in Auftrag gegeben worden sei. Oft reiche die Hetze gegen ein Mädchen als Stimulation.


09.02.2009 / F.A.Z.

Serap Cileli über den Mordfall Kardelen K.
„Vergewaltigung und Sexualmord ist ein Tabuthema für Türken“


Serap Cileli

09. Februar 2009 - Nach dem Mord an Kardelen K. fahndet die Polizei in der Türkei nach dem 29 Jahre alten Tatverdächtigen. Seine Frau soll zur Tatzeit nicht in der Wohnung gewesen sein. Die Schriftstellerin Serap Cileli arbeitet seit Jahren über die häusliche Gewalt in muslimischen Familien. Sie ist im Alter von 15 Jahren in der Türkei zwangsverheiratet worden. Später kehrte sie mit ihren Kindern nach Deutschland zurück und gründete den Verein Peri (“Die gute Fee“), der Frauen hilft, die von Zwangsheirat und Gewalt in ihrer Familie bedroht sind.

Frau Cileli, Sie hatten, bevor es ein konkretes Ermittlungsergebnis gab, öffentlich vermutet, der Täter könne auch ein Türke sein, möglicherweise stamme er aus der Nachbarschaft. Beides ist mutmaßlich der Fall. Fühlen Sie sich bestätigt?

Ich bin wirklich froh, dass es nun einen Tatverdächtigen gibt, gleichgültig, welche Nationalität er besitzt. Es geht mir nicht darum, wer recht hatte. Ich hatte Mutmaßungen geäußert, die bei einigen Menschen Zorn hervorgerufen haben. Das Einzige, was mich betrübt und verletzt, ist das grausame Schicksal, das diesem unschuldigen Kind widerfahren ist.

Sie hatten auch den Verdacht geäußert, dass für den Fall, dass eine Türkin Hinweise auf den Verdächtigen habe, ihr Mann ihr kaum erlauben würde, zur Polizei zu gehen - aus Angst vor der Rache der Familie des Täters. Aus der Nachbarschaft des Opfers kamen nach anfänglichem Zögern schließlich doch Hinweise. Haben Sie sich getäuscht?

Nicht unbedingt: Die Mordkommission hat noch immer mit diversen offenen Fragen zu kämpfen, zu denen es keine Anhaltspunkte von möglichen Zeugen gibt. Darüber hinaus war nach Auskunft der Polizei der entscheidende Hinweis keine Aussage eines Nachbarn, sondern die Visitenkarte eines türkischen Juweliers, die am Leichenfundort entdeckt wurde.

Eine Ihrer Annahmen stimmte nicht: Der Tatverdächtige Ali K. war, soviel man heute weiß, kein Freund oder Verwandter der Familie. Wie kamen Sie zu der Hypothese?

Meine Formulierungen sind nicht auf das Schicksal von Kardelen K. und ihrer Familie ausgerichtet gewesen. Wir wissen vielmehr aus wissenschaftlichen Untersuchungen, dass Vergewaltiger und Sexualmörder überwiegend Männer aus dem sozialen Umfeld der Mädchen sind - das ist unabhängig von der Nationalität.

Verschiedene türkischsprachige Zeitungen in Deutschland hatten Sie scharf kritisiert, mit dem Unterton, Sie verletzten die Ehre Ihrer türkischen Landsleute. Sie bekamen zahlreiche wütende E-Mails und Briefe; die ganze türkische Öffentlichkeit schien gegen Sie zu sein. Welchen wunden Punkt haben Sie berührt?

Ich habe ein Tabuthema angesprochenen. Pädophilie, Vergewaltigung, Sexualmord - all das kommt leider auch unter Türken vor, man will es nur nicht wahrhaben. Personen und Verbände aus dem türkisch-islamischen Kreis haben versucht, diese Tragödie zu instrumentalisieren, um einmal mehr Migranten in Deutschland als Opfer darzustellen. Ich würde gerne den scheinintegrierten türkischen Bildungsbürgern und den türkischen Medien sagen, dass man in einer Demokratie auch abweichende Sichtweisen ertragen muss und sich nicht dauernd empört geben kann. Das gehört zur Meinungsfreiheit dazu.

Wofür ist die Kritik, die sich gegen Sie richtete, symptomatisch?

Die Reaktionen sind stets gefärbt von verletztem Ehrgefühl und gekränktem Nationalstolz. Religiöse Orthodoxie spielt ebenso eine bedeutende Rolle. Ich werde als Verräterin und Nestbeschmutzerin deklariert. Man versucht oft, mir kurdische Wurzeln nachzuweisen. Dabei stamme ich aus einer türkisch-alevitischen Familie, mein Mann ist Sunnit. Die Türken sehen die Missstände, die ich anprangere, als ein ausschließlich kurdisches Phänomen. Das entspricht aber nicht der Wahrheit, sondern ist rassistisch.

Wer hat Sie unterstützt?

Unterstützung hatte ich, wie immer, durch meine Familie und deutsche Freunde. Betonen möchte ich aber, dass sich auch einige türkische Mitbürger mit mir solidarisiert haben.


Die Fragen stellte Uta Rasche.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp


30.01.2009 / Pressemitteilung des SEK, Davos

Open Forum Davos: Religion und Menschenrechte

'Wertvoller Beitrag der Religionen zum Schutz der Menschenrechte''
''Religion und Menschenrechte – ein Widerspruch?'', so das Thema des dritten von sieben Panels des Open Forum Davos 2009. Die von Micheline Calmy-Rey eingeleitete Debatte wurde von reger Beteiligung aus dem Publikum ergänzt.

In ihrem Eingangsbeitrag hob die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy Rey den „wertvollen Beitrag der Religionen zum Schutz der Menschenrechte“ hervor. Gleichzeitig verurteilte Calmy-Rey den religiösen Fundamentalismus, der in jeder Religion dasselbe Gesicht habe. Der demokratische und pluralistische Staat müsse sich klar gegen religiös motivierte Menschenrechtsverletzungen zur Wehr setzen. „Toleranz ist kein laissez-faire“, so Calmy-Rey.

„Menschenrechte verfolgen keine religiösen Ziele“, so Frank Mathwig, Beauftragter für Ethik im Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK). Mathwig verwies zudem auf die Unabhängigkeit der Menschenrechte und der Menschenwürde von moralischen Kategorien. Die Würde sei jedem Menschen unabhängig davon gegeben, was er denkt oder tut. „Moralische Würdenbegriffe sind falsch“, so Mathwig, denn so könnten jedem Menschen die Würde und damit auch die Menschenrechte abgesprochen werden.

Für Serap Cileli, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, sind das Recht auf freie Partnerwahl, die sexuelle Selbstbestimmung und die freie Berufswahl drei Felder, in denen die Religionen teilweise noch heute die Freiheit besonders der Frauen einschränken. Dies könne in einer demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft nicht geduldet werden.
Hinweis: Die Position des SEK zum Thema Menschenrechte „Den Menschen ins Recht setzen“ kann auf www.sek.ch heruntergeladen und bestellt werden.
Auf der Internetseite www.openforumdavos.ch finden Sie Informationen zur Fernsehausstrahlung der Panels auf SF info sowie den Link zum Livestream aller Debatten.
Das Open Forum Davos vom 29.-31. Januar 2009 bietet die Möglichkeit, eine offene Auseinandersetzung über die Globalisierung und ihre Folgen zu führen. Es fand 2003 erstmals statt. Das Open Forum Davos wird veranstaltet vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und dem World Economic Forum.

Pressemitteilung des SEK, Davos, 30. Januar 2009

Copyright/Bild: SEK/Flügge


25. 01. 2009 / Mosel-Zeitung-Bernkastel-Kues / Volksfreund.de

"Töchter sind die Ehre der Familie"

Die deutsche Schriftstellerin türkischer Abstammung Serap Cileli las in der Akademie Kues aus ihrem Buch "Eure Ehre, unser Leid". Die engagierte Frau setzt sich unermüdlich für benachteiligte türkische Mitmenschen ein.

Bernkastel-Kues. (mü) Gewalt ist ein weltweites Problem in allen Kulturen und Regionen. Die deutsche Schriftstellerin türkischer Abstammung Serap Cileli engagiert sich für die Probleme der muslimischen Frauen und kämpft mit viel Zivilcourage für Menschenrechte und gegen Gewalt an islamischen Frauen. Vehement setzt sie sich gegen Zwangsheirat, Zwangsverschleierung und Ehrenmord ein. Dafür wurde sie 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Heute lebt sie unter Staatsschutz. "Das ist der Preis für meinen Einsatz", sagt sie.

Serap Cileli weiß, wovon sie spricht. Mit 15 Jahren wurde sie zwangsverheiratet, bekam zwei Kinder und hat sich Jahre später von ihrem gewalttätigen Mann getrennt. "Ich musste mir meine Freiheit erkämpfen", sagt sie stolz.

In ihrem Vortrag mit etlichen Fallbeispielen von türkischen Mitbürgern wird schnell klar, dass Gleichberechtigung und Demokratie oft nicht anerkannt sind. Viele dieser Menschen lebten schon lange in Deutschland und seien zudem im Berufsalltag gefestigt.

"Auch das Christentum bedarf einer Reformation"

Die Ehre der Familie gelte es unter allen Umständen zu wahren. In den Köpfen traditioneller und konservativer Eltern seien Töchter die Ehre der Familie.

Es sei nicht selbstverständlich, dass türkische Muslime Hilfe bekämen, führt Serap Cileli aus. Wichtig sei es, den Weg gemeinsam mit den Frauen zu gehen, und nichts gegen den Willen der Frau zu tun, gibt sie auf eine Frage in der Diskussionsrunde zurück.

Die Meinungen der gut 100 Zuhörer in der Akademie Kues gehen zwar emotional auseinander, werden aber sachlich diskutiert. Rudi Kremmer aus Wittlich nimmt den Dialog von Christen und Muslimen in direkter Nachbarschaft wahr. "Die Ehre scheint höher zu stehen als die Menschenrechte", findet er, aber "die türkische Tradition ist in erster Linie nicht im Islam begründet, sondern in der Überlieferung", ist er sich sicher.

"Normalerweise kriegt man nur oberflächlich was mit", bedauert Elisabeth Lenssen aus Bernkastel-Kues, "aber die Schilderung der ausgesuchten Fälle war sehr bewegend". Schon länger beschäftigt sich Wolfgang Wittenhorst aus Kleinich mit dem Islam. "Alle Kulturen und Religionen haben gute und schlechte Sachen gemacht", sagt er und fordert die Reformation des Islams. "Aber auch das Christentum bedarf einer solchen".


23.01.2009 / F.A.Z

Fall Kardelen

„Der Täter könnte auch ein Türke sein“

Von Uta Rasche

23. Januar 2009 - Um den Mord an dem türkischen Mädchen Kardelen aus Paderborn ist ein Deutungsstreit unter Türken in Deutschland entbrannt. Die türkischstämmige Schriftstellerin Serap Cileli („Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“) hat die Vermutung geäußert, der Täter könne auch ein Türke sein. Dafür wird sie nun von den beiden auflagenstärksten türkischen Tageszeitungen in Deutschland, „Hürriyet“ und „Sabah“, kritisiert. Die Türken in Deutschland seien entsetzt über die Äußerungen, schrieb „Sabah“ am Donnerstag. Dem Bielefelder „Westfalen-Blatt“ hatte Cileli zuvor gesagt, dass es für ein traditionell erzogenes türkisches Mädchen unwahrscheinlich sei, zu einem Fremden ins Auto zu steigen. Der Täter sei also vermutlich ein dem Mädchen gut bekannter Freund oder Verwandter der Familie.

Die acht Jahre alte Kardelen war erstickt und sexuell missbraucht worden. Sie wurde später am Möhnesee entdeckt. Die 69 türkischen Familien, die in Kardelens Siedlung leben, haben der Polizei angeblich bislang keine weiterführenden Hinweise gegeben. Cileli meint, mögliche Zeugen könnten die Rache der Familie des Täters fürchten: „Nur einmal angenommen, eine Türkin hätte gesehen, dass Kardelen zu einem türkischen Mann ins Auto gestiegen ist, dann würde diese Frau allenfalls ihren Ehemann informieren. Und der würde ihr verbieten, mit der Polizei zu sprechen.“ Durch eine solche Zeugenaussage würde Schande über die Familie des Täters gebracht. „Und es besteht die Gefahr, dass diese Familie sich dann an der Familie der Zeugin rächt.“ Die Polizei dürfe nicht erwarten, bei der Befragung der Bewohner der Siedlung ehrliche Antworten zu bekommen – auch „weil viele Türken der Polizei ein latentes Misstrauen entgegenbringen“. Über Kindesmissbrauch spreche man ohnehin nicht. Es herrsche die Einstellung: „Türken sind nicht pädophil. Alles andere wäre eine Schande für die Nation.“

„Unmögliche Anschuldigungen“

Daraufhin zitierte „Sabah“ am Freitag den Vater des getöteten Mädchens mit den Worten, Cileli wolle sich „über unser Leid profilieren“. Sie erhebe „unmögliche Anschuldigungen“. Einen Tag zuvor hatte die türkischstämmige Autorin Hatice Akyün in der „Sabah“ Cileli vorgeworfen, sie benutze die Tat dazu, das Misstrauen zwischen Türken und Deutschen zu vergrößern. Auf der Internetseite des „Westfalen-Blattes“ schreiben türkischstämmige Leser seit Tagen empörte Kommentare, in denen sie Demonstrationen vor den Geschäftsstellen in Paderborn und Bielefeld erwägen. Die Online-Ausgabe der Zeitung „Zaman“ richtete am Freitag einen offenen Brief an die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), in der sie gefragt wird, ob Cilelis Aussagen die Ansicht vieler Deutscher und auch der Union wiedergäben.

Serap Cileli befasst sich seit Jahren mit häuslicher Gewalt in muslimischen Familien. Sie selbst war im Alter von 15 Jahren in der Türkei zwangsverheiratet worden, konnte aber sieben Jahre später mit ihren Kindern nach Deutschland zurückkehren. Hier gründete sie den Verein Peri („Die gute Fee“), der Frauen hilft, die von Zwangsheirat bedroht sind oder unter Gewalt in ihren Familien leiden.

Text: F.A.Z.

 

 
 

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