20.03.2008
/ www.schorndorf.de
Serap Cileli erhält Barbara-
Künkelin- Preis
Justizminister Professor Dr. Ulrich
Goll hielt Laudatio - Musikalische Umrahmung durch die Jugendmusikschule

(mk) - Seit 1984 wird der Barbara-Künkelin-Preis
alle zwei Jahre an Frauen verliehen, die sich mit Mut und Ausdauer für
andere Menschen engagieren. Der 1983 vom Schorndorfer Ehrenbürger
Fritz Abele ins Leben gerufene Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.
Für ihr mutiges Anprangern
von Menschrechtsverletzungen an muslimischen Frauen, insbesondere ihren
Kampf gegen die Zwangsehen, in die ihre Geschlechtsgenossinnen hineingepresst
werden, erhielt die aus der Türkei stammende Schriftstellerin Serap
Cileli jetzt den Barbara-Künkelin-Preis verliehen. Sie ist durch
ihr Buch "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre" zum
Sprachrohr aller unterdrückten muslimischen Mädchen und Frauen
geworden, die gegen ihren Willen zwangsverheiratet werden und an denen
oft auch häufig eine Genitalverstümmelung praktiziert wird.
Cileli weiß wovon sie spricht und schreibt, denn sie hat dies
alles selbst am eigenen Leib erfahren. Nur durch einen Selbstmordversuch
entging sie mit zwölf Jahren einer Zwangsehe.
Durch ihren Suizidversuch gewann
sie aber nur wenig Zeit. Bereits drei Jahre später wurdesie in
der Türkei zwangsverheiratet. Sieben Jahre lang kämpfte sie,
um ihre Scheidung durch zu setzen. Mit dem Ergebnis, dass sie hinterher
fast wieder in eine Zwangsehe gedrängt wurde. Nur durch die Flucht
in ein Frauenhaus im Odenwald gelang es ihr, ein Leben in Freiheit zu
beginnen.
Justizminister Professor Dr. Ulrich Goll betonte
in seiner Laudatio, dass es der breiten Öffentlichkeit kaum bewusst
sei, was die Frauen und Mädchen in muslimischen Ländern durchstehen
müssten.
Deshalb, so Goll weiter, müssten
wir unsere Anstrengungen in diese Richtung gewaltig verstärken.
Inzwischen, so der Minister weiter, zähle die Zwangsheirat zum
Tatbestand der besonders schweren Nötigung. Ihm persönlich
wäre aber ein Paragraph, der den Tatbestand der Zwangsheirat für
sich alleine regelt, weitaus lieber gewesen.
OB Matthias Klopfer erinnerte in seiner Rede
an das Foto des Jahres 2007, das ein 11-jähriges Mädchen an
der Seite eines 40-jährigen Mannes zeigt, mit dem sie soeben verlobt
wurde. Dieses Bild aus Afghanistan ging um die ganze Welt und prangerte
allein durch seine Bildersprache die Tatsache an, dass es in muslimischen
Ländern nach wie vor Zwangsheiraten gibt. "Dieses Jahrhunderte
alte Unrecht gegen die Würde der Frauen aus der Welt zu schaffen,
haben sie sich, liebe Serap Cileli, zum Ziel gesetzt". Auch in
Schorndorf sei man, was Migration und Integration anbelange, auf einem
guten Weg, betonte Klopfer. Yalcin Akün von der islamischen Gemeinde
in Schorndorf sei in diesem Bereich schon vorbildlich tätig. Klopfer:
,Vor kurzem hat in Schorndorf ein Sprachcafé eröffnet, das
türkischen Frauen die Möglichkeit eröffnet, die deutsche
Sprache zu erlernen".
Klopfer sprach der Preisträgerin seine Bewunderung
aus: "Unsere Gesellschaft braucht Frauen wie sie. Fackelträger
für wichtige Botschaften. Sie bringen Licht in das Dunkel, sie
rütteln wach mit ihrer Botschaft, mit ihren Worten und ihrer Lebensgeschichte".
Holger Dietrich, Vorsitzende des Heimatvereins Schorndorf, erklärte,
Mitmenschen wie Serap Cileli seien es, die andere davon abhalten würden
in Apathie zu verfallen und alles als gegeben hinzunehmen. "Menschen
wie sie kämpfen gegen die Mauern, die als schier unüberwindliche
Hindernisse auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft stehen. Diese
Mauern sind auch in den Köpfen, unabhängig von Kultur und
Religion. Sie gibt es überall auf der Welt. Sie tragen mit ihrer
engagierten Arbeit dazu bei, dass diese Mauern aus dem Weg geräumt
werden".
Die Preisträgerin in ihrem Schlusswort:
"Wenn ich von deutschen Politikern und Kirchenvertretern leichtgläubig
und naiv Folgendes höre, Muslime sind ein Teil der Gesellschaft
und der gemeinsamen Zukunft, dann sehe ich rot. Ich frage mich, wenn
der Fortschritt und die Freiheit für die muslimischen Frauen, ihr
Recht auf Scheidung, auf freie Partnerwahl, auf ein selbstbestimmtes
Leben oder ihr Recht auf Trennung von Vätern, Ehemännern oder
deren männlichen Verwandten, in unserer aufgeklärten Zivilisation
verweigert wird, worin sehen sie die kulturelle Bereicherung und die
demokratische Grundeinstellung der Muslime? Nichts zeigt doch die kulturellen
Unterschiede zwischen den westeuropäischen und islamischen Gesellschaften
deutlicher, als die Stellung der muslimischen Frau in der Gesellschaft,
sichtbar durch Kleidung und Kopftuch, auch auf den Straßen hierzulande."
19.3.2008
/ www.nicht-jugendfrei-online.de
Gegen den Zeitgeist, für die Zukunft

OB Matthias Klopfer ist am interreligiösen
Dialog gelegen. Er überreichte den Barbara-Künkelin-Preis
an Serap Cileli Bild: Bernhardt
Von unserer Mitarbeiterin Annette
Clauß Schorndorf. Für viele verzweifelte muslimische Mädchen
und Frauen ist Serap Cileli ein Rettungsanker: Die Schriftstellerin
setzt sich für Frauenrechte und gegen die Zwangsehe ein - unter
Gefahr für das eigene Leben. Gestern erhielt sie den mit 5000 Euro
dotierten Barbara-Künkelin-Preis für ihr Engagement „gegen
den Zeitgeist, für die Zukunft“.
Ein paar Zuhörer mehr hätten
es ruhig sein dürfen: Bei der gestrigen Verleihung des Barbara-Künkelin-Preises
in der Künkelin-Halle blieben gut 70 Plätze frei. Ein Grund
dafür war vielleicht auch die Tatsache, die Dr. Ulrich Goll, Justizminister
und Integrationsbeauftragter der Landesregierung, in seiner Laudatio
für die Preisträgerin Serap Cileli ansprach: „Der Öffentlichkeit
ist kaum bewusst, was die Frauen und Mädchen durchstehen müssen.“
Zwangsehen sind für die meisten
Deutschen weit weg - selbst wenn sie sich vor der eigenen Haustüre
abspielen. Mit ihrem Buch „Wir sind eure Töchter, nicht eure
Ehre“ hat Serap Cileli die Tabu-Themen Zwangsehe und Ehrenmord
als eine der ersten Frauen publik gemacht. Sie selbst weiß nur
zu gut, was es heißt, gegen den eigenen Willen verheiratet zu
werden: Mit gerade mal zwölf Jahren entging sie der Zwangsehe allein
durch einen Selbstmordversuch.
Doch bereits drei Jahre später
wurde sie in der Türkei zwangsverheiratet. Sieben Jahre dauerte
es, bis sie eine Scheidung durchsetzen konnte - nur um beinahe erneut
gegen ihren Willen verheiratet zu werden. Die junge Frau flüchtete
in ein Frauenhaus im Odenwald, wo „ihr zweites Leben begann“,
so Ulrich Goll. Endlich ein Leben in Freiheit, auch wenn Cileli heute
mit ihrem zweiten Mann Ali und den Kindern zur eigenen Sicherheit im
Verborgenen lebt.
Wichtig: Mehr Öffentlichkeit
und Integration
Allen Anfeindungen und Gefahren
zum Trotz setzt sie sich „gegen den Zeitgeist, aber für die
Zukunft ein“, um Frauen zu helfen, die „sich selbst kein
Gehör verschaffen können“, sagte Elsbeth Rommel, die
Vorsitzende des Preisgerichts und Tochter des Stifters Fritz Abele.
Mehr Öffentlichkeit und Integration seien wichtig, betonte Justizminister
Goll: „Wir tun uns selbst den größten Gefallen, wenn
wir unsere Anstrengungen nochmals gewaltig verstärken.“ Baden-Württemberg
sei „bundesweit Vorreiter“ gegen die Zwangsheirat, die mittlerweile
als Tatbestand der besonders schweren Nötigung gelte - wobei ihm
persönlich ein eigener Paragraf gegen die Zwangsheirat lieber gewesen
wäre, „weithin sichtbar im Strafgesetzbuch“.
Oberbürgermeister Matthias
Klopfer unterstrich in seiner Rede den Stellenwert des interreligiösen
Dialogs: „Reden wir miteinander, nicht übereinander.“
Positive Beispiele in Schorndorf seien die Bemühungen von Yalcin
Akgün von der Islamischen Gemeinde und den Kirchenvertretern sowie
das Sprachcafé für türkische Frauen.
„Der Preis ist nicht nur
Anerkennung, sondern auch Auftrag für alle, sich immer wieder ein
Herz zu fassen, Mut zu zeigen, wenn es darum geht, ein Stück Unrecht
zu beseitigen“, sagte Holger Dietrich, Vorsitzender des Heimatvereins
Schorndorf.
„Wir müssen die freiheitlichen
Werte schützen und uns für sie einsetzen“, forderte
auch Serap Cileli. Der Künkelin-Preis ermuntere und ermögliche
es ihr, weiterzumachen, sagte die Preisträgerin, die sich als „Einzelkämpferin“
bezeichnet. Die Schriftstellerin, die im Februar den Verein „peri
- Verein für Menschenrechte und Integration“ gegründet
hat, machte deutlich, dass Musliminnen, die sich gegen die islamische
Tradition auflehnen, Gefahr für Leib und Leben drohe: Allein im
Zeitraum von 1996 bis 2005 habe es 55 Ehrenmorde gegeben. Bundesweit
gibt es laut Cileli insgesamt nur drei Einrichtungen, in die Musliminnen
vor Zwangsehen flüchten können. Für viele muslimische
Frauen seien Bevormundung und Fremdbestimmung eine Selbstverständlichkeit.
„Patriarchalische Traditionen und Bräuche wie die Zwangsehe
sind nichts anderes als ein Verbrechen gegen die Würde der Frau.“
Der deutsche Staat müsse
sich von den Ängsten gegenüber dem Islam befreien, sonst seien
Freiheit und Menschenrechte gefährdet. „Menschenrechte sind
keine verhandelbaren Werte“, stellte Cileli klar. In ihren Augen
ist es ein Unding, dass islamisches Recht und Lebensordnung in vielen
westlichen Ländern als multikulturelle Bereicherung akzeptiert
werden. „Multikulti kann nichts zur Befreiung der Frau beitragen.
Wenn ich von deutschen Politikern und Kirchen höre, Muslime sind
Teil der Gesellschaft und der gemeinsamen Zukunft, dann sehe ich rot.“

Barbara Künkelin Preis 2008
Schriftstellerin Serap Cileli
Den Barbara Künkelin-Preis
Schorndorf erhält die Schriftstellerin Serap
Cileli für ihr mutiges Anprangern von Menschenrechtsverletzungen
bei
muslimischen Einwanderern. Mit ihrem Engagement trägt Serap Cileli
dazu
bei, dass sich Menschen verschiedener Kulturkreise kennen- und damit
verstehen lernen und miteinander ins Gespräch kommen. Ihr Kampf
gegen das
Tolerieren von privater Gewalt hat sie selbst in große Gefahr
gebracht.
Die Jury des Barbara Künkelin-Preises zeichnet mit Serap Cileli
eine Frau
aus, die als Vorreiterin mit hohem persönlichen Einsatz und außergewöhnlichem
Mut, als Beispiel persönlich gewagtem Widerstand im Sinne von Barbara
Künkelin,
gegen missverstandene Multikulti-Toleranz angeht und damit gegen den
Zeitgeist die allgemeinen Menschenrechte von Frauen verteidigt.
Als Schriftstellerin hat sie als Erste dieses Thema einer breiten Öffentlichkeit
nahe gebracht. Die Preisverleihung erfolgt am 16. März 2008.
Schorndorf, 23. November 2007