Heute ist uns das Wort Zivilcourage
geläufig. Freilich hat es eine recht verschiedene Ausgestaltung
seiner Bedeutung. Der deutsche Ausdruck ist wohl zuerst von Otto von
Bismarck gebraucht worden. „Er berichtet im Sommer 1864 seinem
Vertrauten R. von Keudell über seinen ersten parlamentarischen
Auftritt vom 17.5.1847 und fügt hinzu: ‚Mut auf dem Schlachtfeld
ist bei uns Gemeingut; aber sie werden nicht selten finden, dass es
ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.’“
Damit ist auch schon ein wichtiger
Hinweis gegeben, warum es diesen Begriff gibt, und warum er auch durchaus
an eine große europäische Tradition anknüpfen kann.
Denn seit langem steht für den größeren Bedeutungszusammenhang
das Wort Tapferkeit. Es kommt schon in der vorchristlichen griechischen
Ethik vor, besonders bei Platon und Aristoteles (griech.: „andreia
politike“, lat.: „fortitudo civilis“). Die Tapferkeit
steht schon früh in der Gefahr, vor allem bloß als eine Tugend
des Soldaten verstanden zu werden. Da diese jedoch nicht selten missbraucht
worden ist, und Männer oft auch mit dem Hinweis auf ihre notwendige
Tapferkeit in einen sinnlosen Tod geschickt worden sind, stieß
„Tapferkeit“ besonders auch in moderner Zeit an Grenzen.
Lange Zeit ist das Wort Tapferkeit
im christlichen Bereich auch mit dem Mut und der Unerschrockenheit des
Glaubenszeugen verbunden worden, der im Martyrium sein Leben hingegeben
hat. Freilich verblasste im Lauf der immer mehr säkularen Welt
dieser Maßstab. Im Vordergrund stand mehr und mehr vor allem der
Typ des Helden, der sich für falsche Ideale instrumentalisieren
lässt. Deswegen schätzt man heute weniger die Tugend als eine
soldatische Auszeichnung, sondern eben als Zivilcourage. Es geht um
die Tapferkeit im bürgerlichen Zusammenleben. Vielfach ist jedochder
Begriff in unserem Sprachgebrauch fast ganz verschwunden.
Das offenbar aus dem französischen
Sprachgebrauch stammende Lehnwort (courage civil) ist aber noch lange
Zeit in der deutschen Sprache nicht heimisch geworden. Offenbar ist
das Ende des Zweiten Weltkrieges so etwas wie eine Zäsur. Schließlich
hatte z.B. D. Bonhoeffer in „Widerstand und Ergebung“ noch
gemeint, dass es in Deutschland kaum gebraucht werde, ähnlich wie
K. Löwith der Ansicht war, dass es im Hitler-Deutschland gar keine
Zivilcourage gegeben hatte. Darum wird nach 1945 intensiv Zivilcourage
angemahnt und verlangt. So entstehen eine Fülle von Titeln und
Bemerkungen, die Zivilcourage oft zur zentralen bürgerlichen Qualifikation
machen. Der Jesuit M. Pribilla meint im Jahr 1957: „Es muss die
militärische Tapferkeit zurücktreten vor der so genannten
Zivilcourage, nämlich dem charakteristischen Mut, die Wahrheit
und das Recht auch nach oben oder gegen eine irre geleitete Menge mit
Einsatz der eigenen Person geltend zu machen und zu verteidigen.“
Man sieht einen engen Zusammenhang zwischen Zivilcourage und Demokratie.
Der – nun eine andere Variante
bildende Begriff – zivile Ungehorsam erscheint geradezu als „Testfall
für den demokratischen Rechtsstaat“. Dies konnte freilich
in gewiss extremer Weise auch dazu führen, dass nun zu einem Widerstand
gegen den demokratischen Rechtsstaat aufgerufen wurde. In diesem Sinne
kritisiert R. Schröder diesen Verfall echter Zivilcourage als einen
„Aufstand der Aussteiger“ und als „krampfhafte Suche
nach dem letzten Tabu, das man noch brechen kann“. Von da aus
müsste auch der Begriff der Zivilcourage wieder etwas eingedämmt
und auf seine tiefere Bedeutung konzentriert werden. So schreibt O.
Marquard: „Dabei ist nicht jede x-beliebige Aufmüpfigkeit
Zivilcourage. Man braucht sie überhaupt nicht nur für das
Nein, sondern auch und gerade für das Ja. Ich meine: Zivilcourage
ist vor allem der Mut, zivil – also ein civis, ein polites, ein
Bürger – zu sein; oder kurz gesagt: Zivilcourage ist der
Mut zur Bürgerlichkeit.“
Diese Kritik von O. Marquard an
einer solchen Haltung aus dem Jahr 1993 ist mit Recht massiv. Er sieht
in diesem nachträglichen Ungehorsam den Versuch einer Entlastung:
„als die große Flucht aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein“.
Man braucht das schlechte Gewissen nicht mehr selber zu haben, man wird
zum schlechten Gewissen für andere, „sodass man immer weniger
von sich selber, dafür aber immer mehr von den anderen verlangt,
dieses schlechte Gewissen zu haben. Das ist das Entlastungsarrangement,
das ich hier meine: die Flucht aus dem Gewissen, das man selber hat,
in das Gewissen, das man für andere ist und nicht mehr selber hat.
Man entkommt dem Tribunal, indem man es wird; und man wird das Tribunal,
indem man – unter Beanspruchung des Kritikmonopols – alle
bestehenden Verhältnisse – gerade die nächsten: also
vor allem auch die Bundesrepublik – in Frage stellt durch Verweigerung
ihrer Bürgerlichkeit.“
Lassen wir vorläufig einmal
die Frage nach der „Bürgerlichkeit“ der Zivilcourage
beiseite. Ich möchte mich stärker auf die klassische Bedeutung
der Tapferkeit einlassen, bevor diese vor allem durch den Nationalsozialismus
korrumpiert wurde. Zivilcourage meint die Entschlossenheit, als einzelne
Person oder in der Ausübung eines Amtes abweichende Ansichten offen
zu vertreten und dafür Konflikte oder sogar Nachteile zu riskieren
– und dies gegenüber Vorgesetzten, Mächtigen, eingefahrenen
Vorurteilen oder aktuell modische Sichtweisen und auch angesichts der
öffentlichen Meinung. Zivilcourage ist das Gegenteil von Bequemlichkeit,
Servilität, Konformismus, Opportunismus und Heuchelei. Zivilcourage
kann deshalb auch einen sehr verschiedenen Ausdruck finden, angefangen
von einem bloßen Widerspruch gegen eine andere Meinung, über
die Infragestellung eines Anspruchs und die Provokation bis zu den verschiedenen
Formen des Widerstands.
Zweifellos gibt es in der Neuzeit
einen engen Zusammenhang zwischen Zivilcourage und Bürgerlichkeit.
Denn erst wenn ein unmündiger Untertan sich in einen informierten
Bürger verwandelt, der Grundrechte auch einklagen kann, bekommt
der Begriff seine Konturen. Es ist eine echte Wächterfunktion gegenüber
Übergriffen der Macht. Die dazu erforderliche Selbstständigkeit
im Urteilen und die Kraft zur Selbstbehauptung lassen sich durch Achtung
auf das Gewissen des anderen, Zulassung von Kritik, Ermutigung zur Selbstverantwortung,
Förderung von Bildung und Information sowie einen offenen kommunikativen
Austausch stärken. Dies scheint mit ein Grund zu sein, warum Zivilcourage
vor allem als eine Auszeichnung der intellektuellen Eliten verstanden
wird, was ich jedoch für fragwürdig halte, denn wahre Tapferkeit
hängt nicht einfach vom Stand der Information und Bildung allein
ab. Es gibt viele einfache Menschen, die mehr Zivilcourage und Tapferkeit
aufbringen als die so genannten Intellektuellen.
In diesem Zusammenhang darf man
auch nicht vergessen, dass die Tapferkeit im erwähnten Sinn schon
von der Antike her zu den Kardinaltugenden zählt. Die Aufzählung
beginnt fast immer mit der Klugheit, eng verbunden mit der Tapferkeit.
Schon bei Platon gehört die Tapferkeit zu den vier Kardinaltugenden.
Das Handeln des Tapferen zielt auf eine Mitte zwischen Feigheit und
Tollkühnheit. Hier ist besonders wichtig die Beziehung auf die
Furcht. Manchmal muss man Furcht haben, z.B. Schändliches zu tun,
manches muss man auch gar nicht fürchten. Tapfer ist man vor allem
beim „edlen Tod im Krieg“. Aristoteles ist schließlich
ziemlich präzise: „Wer also aushält und fürchtet,
was man soll und weswegen man es soll und wie und wann, und wer in derselben
Weise Zuversicht hat, ist tapfer.“ So sagt schon Aristoteles,
dass die Fälle, in denen von Tapferkeit gesprochen wird, kritisch
bewertet werden müssten. Auch ein Staat muss im Übrigen tapfer
sein, nämlich als Voraussetzung für Frieden und Muße.
„Wer aber nicht tapfer Gefahren überstehen kann, ist Sklave
dessen, der ihn angreift.“
Die klassische europäische
Tradition, die sich besonders auch bei Thomas von Aquin verdichtet,
hat dies aufgenommen. Ich führe einige Sätze an aus den Schriften
des Aquinaten, der vor allem durch Josef Pieper bis heute eindrucksvoll
interpretiert worden ist: „Das Lob der Tapferkeit hängt im
bestimmten Sinn von der Gerechtigkeit ab. Daher sagt Ambrosius: ‚Tapferkeit
ohne Gerechtigkeit ist ein Hebel des Bösen.’“ „Nicht
in Wahrheit tapfer sind jene, die um der Ehre willen Tapferes vollbringen.“
„Tapferkeit wirkt auf zweifache Weise: im Angriff und im Standhalten.“
„Das vornehmlichere Werk der Tapferkeit, vornehmlicher denn Angreifen,
ist Standhalten, das ist: unbeweglich feststehen in der Gefahr.“
„Standhalten ist schwerer als Angreifen.“ „Wer tapfer
ist, der ist auch geduldig.“ „Geduld ist in der Tapferkeit
eingeschlossen. Denn was dem Geduldigen eigen ist, nicht verwirrt zu
werden durch drohende Übel, das besitzt auch der Tapfere.“
„Er aber fügt noch ein Weiteres hinzu, dass er nämlich,
wenn es sein muss, dem drohenden Übel zu Leibe geht.“
Ich brauche hier nicht ausführlicher
dazulegen, wie sehr diese klassische Sicht auch vielen Aussagen der
Bibel entspricht, und zwar sowohl des Alten wie des Neuen Testaments.
Schließlich wird vom Glaubenden gerade auch Unerschrockenheit
und Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Bösen verlangt.
Er soll sich nicht anpassen an das, was ist. Nichts anderes sagen die
Worte vom „Salz der Erde“ und vom „Licht der Welt“.
Es wird auch verlangt, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.
Deswegen muss man auch freimütig sein in der Öffentlichkeit,
die Gerechtigkeit Gottes zu verkünden und das freie Wort zu riskieren
(„parrhesia“).
Vor diesem Hintergrund ist es
mehr als verständlich, dass die Rehabilitierung der klassischen
Tugendlehre im heutigen Denken immer wieder auch auf die Tugend der
Tapferkeit oder eben der recht verstandenen Zivilcourage zurückkommt.
In diesem Sinne wird die Tapferkeit auch zu einer Grundtugend des Staatsbürgers
und des Lebens in einer Zivilgesellschaft. Besonders der amerikanische
Kommunitarismus hat dies in den letzten Jahren eindrucksvoll herausgestellt.
Ich verzichte hier auf die Diskussion zur Legitimation des gewaltlosen
Widerstandes bzw. des bürgerlichen Ungehorsams, wie ich es oben
schon kurz angesprochen habe. Es gibt noch andere Formen der Tapferkeit,
z.B. die Treue zu einem Freund. In anderer Weise hat uns Bertolt Brecht
in seinem Stück „Mutter Courage“ auf diese Zusammenhänge
aufmerksam gemacht. Bei Brecht wird die Courage einer trommelnden Taubstummen
besungen, die eine Stadt unter Lebensgefahr zum Widerstand weckt. Dieses
Nicht-anders-Können, als sich mit allen Kräften einzusetzen,
ist hier gemeint.
Doch brauchen wir nicht in die
Ferne zu schweifen. Wir haben jetzt deutlich vor uns, wie sehr in unserer
Welt Risiko und Ethos zusammengehören. Daran erinnert uns schon
der Ursprung dieses Preises, der mit dem Namen von Ludwig Beck gegeben
ist. Er ist hier in Wiesbaden-Biebrich (1880) geboren, wurde Leutnant
und hatte im Ersten Weltkrieg als Generalstabsoffizier an der Westfront
viele Kommandos. Er wird 1935 Generalstabschef des Heeres. Schon früh
(1938) bereitet er die Absetzung Hitlers vor. Zunehmend engagiert er
sich im Widerstand um Carl Friedrich Goerdeler. Ihm missfällt vor
allem Hitlers Machtmissbrauch.
Er gehört zu den führenden
Köpfen der Widerstandsbewegung und ist in verschiedenen Widerstandsplänen
als neues Staatsoberhaupt vorgesehen. Nach dem missglückten Bombenattentat
auf Hitler in der „Wolfsschanze“ scheitert dieser Staatsstreich
um Beck. Noch in der Nacht des 20. Juli 1944 werden Todesurteile ausgesprochen.
Beck erhält einen Revolver zur Selbsttötung. Nachdem er sich
nicht selbst töten konnte oder wollte, wurde er von einem Angehörigen
des Wachkommandos erschossen.
Mit Ludwig Beck hat die Stadt
Wiesbaden einen vorzüglichen Vertreter für Zivilcourage aufzuweisen
und mit Recht den Preis dafür mit seinem Namen verbunden.
Wir werden gewiss bei der Würdigung
der diesjährigen Preisträgerinnen, Frau Fatma Bläser
und Serap Cileli, sehen, wie wir auch mitten in der Demokratie für
unser Zusammenleben einen solchen ungewöhnlichen Mut brauchen.
Beide kämpfen, auch durch ihr schriftstellerisches Wirken, für
die Freiheit der muslimischen Frau. Ich möchte den beiden Autorinnen
herzlich gratulieren und dem Auswahlgremium für diese Vorschläge
danken.
(c) Karl Kardinal Lehmann