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Laudatio der Justizministerin des Landes Brandenburg, Beate Blechinger
 
 

 

Rubrik: „Bul le mérite“ - Serap Cileli und Frauenrechte

Laudatio anl. der Verleihung des Ordens „Bul le mérite“
an die türkische Frauenrechtlerin Serap Cileli

Beate Blechinger, Justizministerin des Landes Brandenburg, Potsdam

Der BDK- Bundesvorstand hatte als Preisträgerin für den BDK- Verdienstorden „Bul le mérite“ die türkische Frauenrechtlerin Serap Cileli ausgewählt. Der Orden wurde in einem festlichen Rahmen am 18.09.2007 in Potsdam durch den BDK-Bundesvorsitzenden Klaus Jansen und die Brandenburger Justizministerin Beate Blechinger verliehen. Frau Blechinger hielt die Laudatio in Vertretung des Schirmherrn der Veranstaltung, dem Ministerpräsidenten des Landes Bran-denburg, Matthias Platzeck, der kurzfristig seine Teilnahme absagte.
Frau Blechinger trug die nachfolgend veröffentlichte Rede sehr engagiert und überzeugend vor und traf die Stimmungslage des BDK- Bundesvorstandes und vieler anwesender Ehrengäste aus Politik, Polizei und Wirtschaft, als sie das Leben und Wirken der Ordensträgerin vorstellte und ihr Engagement in der Bürgerrechts-, Frauenrechts- und Integrationspolitik lobte. Die Or-denträgerin antwortete mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für Toleranz und Integration, das auch in dieser Ausgabe dokumentiert wird und die Festversammlung in neue Nachdenklichkeit versetzte.

Hinrichtung von Hatun Sürücü – die Frage der Parallelgesellschaften

„Bereust Du Deine Sünden?“ – mit dieser Frage schickte der jüngere Bruder von Hatun Sürücü seine Schwester in den Tod. Fünf Schüsse trafen die 23jährige Frau und Mutter eines kleinen Sohnes di-rekt in den Kopf. Die Berliner Polizei sprach später von einer regelrechten Hinrichtung. Nicht nur in Berlin, sondern bundesweit war das Entsetzen über diese furchtbare Tat groß. Es war nicht das erste Verbrechen dieser Art in Deutschland. Nie zuvor waren jedoch das Leiden muslimischer Frauen und ihre Bedrohung durch Traditionen wie Zwangsverschleierung, Zwangsehen bis hin zu sogenannten Ehrenmorden – schon der Begriff ist unsäglich - auf so schockierende Weise öffentlich geworden.
Die Kaltblütigkeit der Brüder Sürücü, die ungerührte Haltung der Eltern bis hin zu den zustimmenden Kommentaren einiger türkischstämmiger Schüler hinterließ allgemein Fassungslosigkeit. Dies umso mehr als diese Reaktionen offenbar in völligem Einklang standen mit den Wertvorstellungen einiger weniger in Deutschland lebender muslimischer Familien. Sehr wohl hat die Öffentlichkeit auch die verurteilenden Stellungnahmen türkischer und islamischer Verbände vernommen. In den Medien und der Politik löste der Fall wochenlang Diskussionen über Integrationspolitik aus.
Die fünf Schüsse, die in einer Februarnacht 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof das Leben von Hatun Sürücü beendeten, warfen viele Fragen auf. Fragen, die die mittlerweile mehrfach für ihre Verdienste um die rechtliche Gleichstellung türkischer und muslimischer Frauen geehrte Se-rap Cileli schon lange vorher immer wieder formuliert hatte:

• Wie will die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland mit dem Entstehen von türkisch-muslimischen Parallelgesellschaft umgehen?
• Wie lässt sich die Rechtlosigkeit beenden, der sich Tausende türkischstämmiger Mädchen und Frauen ausgesetzt sehen?
• Wie ist der Stand der Integrationsbemühungen in Deutschland?
• Wie entschlossen muss gegen Werte- und Moralvorstellungen vorgegangen werden, die nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind?

Aktuelle Reaktionen der Politik - Mentalitätswandel in den türkisch-muslimischen Familien erforderlich

Auch die Politik stellt sich ihrer Verantwortung und nimmt sich dieser Fragen an. Auf nationaler wie europäischer Ebene werden zahlreiche Initiativen in Gang gesetzt und Programme ausgearbeitet, um die Situation von Frauen mit Migrationshintergrund zu verbessern. So will beispielsweise die portu-giesische Ratspräsidentschaft Migrationsfragen und Frauenhandel thematisieren. Noch in diesem Jahr soll ein internationaler Tag gegen Frauenhandel auf dieses Problem aufmerksam machen. Er-gänzend dazu bereitet das Europaparlament ein europäisches Jahr gegen Gewalt an Frauen vor. Weltweit ist darüber hinaus eine Vielzahl von Organisationen und Hilfseinrichtungen bemüht, betrof-fene Frauen über Gefahren, aber auch über ihre Rechte aufzuklären. Mein Eindruck ist: Die Thema-tik ist auf der politischen Agenda, vieles wird angeschoben, doch für einen Mentalitätswandel in den türkisch-muslimischen Familien muss noch viel mehr getan werden.

Appelle, Selbstzeugnisse und Hilfsangebote betroffener Frauen sind bedeutsam

Umso wichtiger sind Appelle, Selbstzeugnisse und Hilfsangebote von betroffenen Frauen. Von Frau-en, deren Schilderung innerhalb der türkisch-muslimischen Gemeinschaft Gewicht hat, weil sie den gleichen kulturellen Hintergrund haben und die Situation aus eigener Anschauung kennen. Genau diesen Zusammenhang hat Serap Cileli erkannt. Entsprechend groß war die Aufmerksamkeit, die ihr erstes Buch „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“ erregte. Hier schildert die Autorin offen ihre bedrückende Kindheit und Jugend in einer streng muslimisch geprägten Familie und leistete damit einen wertvollen Beitrag zu einer längst überfälligen Debatte. Serap Cileli steht damit in der Tradition von großen Frauenrechtlerinnen. Eine, die sich ganz besonders um die Hilfe für Frauen, die durch Menschenhandel zur Prostitution gezwungen, verdient gemacht hat, ist Lea Ackermann. Sie wurde 2002 mit dem „Bul le mérite“ vom BDK ausgezeichnet. Ich denke auch an die aus Somalia stammen-de Waris Dirie, deren Einsatz für ein Verbot der Beschneidung von Frauen in Afrika ebenfalls eine Welle der Solidarität in Gang setzte. Der unschätzbare Wert all dieser Veröffentlichungen liegt darin, dass sie authentische Belege für begangenes Unrecht liefern und damit nachhaltigen Handlungs-druck erzeugen.
Letzteres gilt ganz besonders für das Buch von Serap Cileli, dessen Lektüre tiefe Betroffenheit hinter-lässt. Nicht zuletzt aufgrund der Einsicht, das Ausmaß der hier geschilderten Problematik unter-schätzt zu haben. Dem Leser wird bewusst, dass Serap Cileli nur knapp dem traurigen Schicksal von Hatun Sürücü entgangen ist und die Leidensgeschichte beider Frauen stellvertretend für die Tausen-der anderer Frauen steht.

Die persönliche Geschichte der Ordensträgerin Cileli

Auch Serap Cileli wurde von ihren Eltern als 12jähriges Mädchen während eines Urlaubs in der Tür-kei verlobt und entging der Zwangsheirat nur durch einen Selbstmordversuch. Drei Jahre später musste sie gegen ihren Willen einen zehn Jahre älteren, ihr unbekannten Mann heiraten und wurde in der Türkei zurückgelassen. Es folgte eine Zeit voller Verzweiflung und Angst. Parallel keimten jedoch der Wille nach Selbstbehauptung und der feste Entschluss, diesem verhassten Leben entflie-hen zu wollen. Nach sieben Jahren Zwangsehe und der Geburt zweier Kinder konnte sie die Schei-dung erwirken. In einer neuen Partnerschaft fand Serap Cileli einige Zeit später endlich die ersehnte Liebe und Vertrautheit, die sie so lange hatte entbehren müssen. Die Eltern reagierten mit Ableh-nung, sahen die neue Beziehung der Tochter als entehrende Affäre und drohten mit Strafe. Die harte Auseinandersetzung mit den Eltern gipfelte in der Entführung der Kinder durch die Großmutter, die die Enkel mit nach Deutschland nahm. Der feste Zusammenhalt und die tiefe Verbundenheit Serap Cilelis mit ihrem zweiten Ehemann Ali gaben ihr letztlich die notwendige Kraft, um nach Deutschland zu fliehen, ihre Kinder wieder zu sich zu nehmen und ein neues Leben zu beginnen.
Der Lebensbericht von Serap Cileli belegt, dass der mit „Zwangsheirat“ umschriebene Status nur ansatzweise das Leid betroffener Frauen erahnen lässt. An ihr und ihren Kindern wurden über Jahre hinweg schwere Straftaten begangen. Verbrechen, die niemals gesühnt wurden. Ob die brutalen Körperverletzungen durch den Vater, die Kindesentführung durch die Mutter oder die dauerhafte Unterdrückung und Entmündigung durch die Familie insgesamt – all das geschah auf der Grundlage eines archaischen Ehrbegriffs.

Ordensverleihung durch den BDK wichtiges Signal eines Kriminalistenverbandes

Die Tatsache, dass der Bund Deutscher Kriminalbeamter Frau Cileli mit dem Bul le mérite ehrt, ist ein wichtiges Signal. Die Aufklärung und Verfolgung von Gewalttaten ist die Aufgabe von Kriminalbe-amten. Sie kennen aus ihrer tagtäglichen Arbeit die gesellschaftlichen Zustände. Zumeist leider im negativen Sinne. Die Kriminalpolizei muss sich zunehmend damit auseinandersetzen, dass es in unserer Gesellschaft neue Beweggründe für gewaltsame Straftaten gibt. Die Beamten werden kon-frontiert mit dem, was Serap Cileli beschreibt. Es ist es ein zusätzliches und weitgehend unbekanntes Terrain, auf dem die Beamten sich bewegen. Deshalb ist es hilfreich, Hintergründe für solche Strafta-ten zu kennen und zu begreifen.
Ich begrüße, dass die Kriminalpolizei sich dieser Aufgabe stellt. Das Eintreten für Menschen-rechte und der Kampf gegen Gewalt – diese beiden zentralen Anliegen einen die heutige Preisträgerin und die Angehörigen der Kriminalpolizei. Die Übereinstimmung in diesen beiden Zielen bildet die Grundlage, um das Problem der Integration einvernehmlich und jenseits von Vorurteilen angehen zu können. Die heutige Preisverleihung ist dazu ein wichtiger Beitrag.

Nicht nur in Ballungszentren und Großstädten wie Berlin ist die Kriminalpolizei tagtäglich mit dem Thema Integration konfrontiert. Wahr ist, dass Deutschland in Sachen Integration von Migranten trotz aller Anstrengungen erst am Anfang eines langen Prozesses steht. Und fest steht zu-dem, dass über Jahre hinweg aus Unwissenheit und missverstandener Toleranz viel versäumt wurde.

Das „Wagnis“, an die Öffentlichkeit zu gehen

Sie haben in Ihrem ersten Leben - so muss man es wohl nennen - viele Male großen Mut bewiesen. Sich selbst und womöglich auch Ihren Kindern haben Sie durch Ihre Stärke das Leben gerettet. Trotz Ihrer furchtbaren Erlebnisse entschieden Sie sich nach Ihrer Rettung gegen den Rückzug in die Pri-vatheit. Sie wagten den Schritt in die Öffentlichkeit. Ein Schritt, der Sie in den Augen vieler türkischer Landsleute zur „Nestbeschmutzerin“ werden ließ. Das Risiko, deshalb bedroht und mit Gewalt kon-frontiert zu werden, schreckte Sie nicht.
Entschlossen tragen Sie dazu bei, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und Leidens-genossinnen zum Aufbegehren zu ermutigen. Hartnäckig setzen Sie sich für das Selbstbe-stimmungsrecht unterdrückter Frauen ein und prangern die Menschenrechtsverletzungen an, die vor unserer aller Augen geschehen.
Heute leben Sie mit Ihrer neuen Familie das Leben, von dem sie als junge Frau kaum zu träumen wagten. Vielleicht war es dieser Traum vom Glück, der Ihnen bis heute die nötige Kraft für Ihre wich-tige Aufgabe gibt.
Für Ihr mit so viel innerer Anteilnahme ausgeübtes Engagement möchte ich mich auch im Namen der brandenburgischen Landesregierung herzlich bei Ihnen bedanken. Die von Ihnen bewiesene Zivil-courage ist vorbildhaft und wird hoffentlich viele Menschen zur Nachahmung ermuntern.

Sehr geehrte Frau Cileli,
es ist mir eine besondere Freude und Ehre, Ihnen für Ihre
Verdienste den „Bul le mérite“ des Bundes Deutscher Kriminalbeamter
überreichen zu dürfen.
Herzlichen Glückwunsch und weiterhin alles erdenklich Gute!

 
 

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