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Laudatio von Justizminister u. Integrationsbeauftragter Prof. Dr. Ullrich Goll
 
 

 

Anlässlich der Verleihung des Barbara-Künkelin-Preis in Schorndorf, Barbara-Künkelin-Halle am 16. März 2008, um 11 Uhr.

 

Als Integrationsbeauftragter der Landesregierung und stellvertretender Ministerpräsident danke ich Ihnen ganz herzlich für Ihre Einladung. Es ist mir eine Ehre, heute hier sein zu können und eine mutige Frau, eine Kämpferin zu würdigen.

„Die Stimme der Freiheit für Andere erheben!“

So könnte das Motto lauten, nach dem couragierte Menschen sich für Anliegen engagieren, die nicht nur sie selbst betreffen. Es sind Menschen, die sich für Anliegen einsetzen, die vielen anderen Mut machen sollen.

Sich in besonders kritischen Situationen und Zeiten zu Themen zu äußern, die von den einen wenig beachtet, von den anderen beargwöhnt werden, auf Seiten von Dritten sogar zu offener Feindschaft führen können, erfordert eine besondere Beherzt-heit. Nicht alle können mit diesem Mut aufwarten.

Umso mehr freue ich mich, dass ich Sie, Frau Çileli, würdigen und hervorheben darf. Sie gehören zu den ersten und ganz we-nigen Frauen, die sich unter äußerst schweren persönlichen Bedingungen in die Freiheit durchgekämpft haben und nun für die Freiheit vieler anderer Menschen kämpfen.

Für die Freiheit setzte sich auch Barbara Künkelin ein, Na-mensgeberin dieser Halle und des Preises. Anna Barbara Kün-kelin, geboren kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg im Jahre 1651, war die Frau des Bürgermeisters der Stadt Schorndorf. Ihr Einsatz damals rettete die Stadt und, so wird überliefert, im Gefolge das ganze Land Württemberg vor der Übernahme durch den eroberungswütigen Ludwig XIV. (den vierzehnten) von Frankreich.

Anfang Dezember 1688 hatte sich fast ganz Württemberg be-reits kampflos ergeben, nur Schorndorf, Neuffen und der Ho-hentwiel hielten sich noch. Um Schaden von der Stadt abzu-wenden, waren der Bürgermeister und der Rat der Stadt drauf und dran, ebenfalls zu kapitulieren und die Stadt den Feinden zu übergeben. Das war für Barbara Künkelin der Anlass, aktiv zu werden und sich der Kapitulation entgegen zu stellen. Sie rief die Frauen der Stadt zusammen und mit Kochlöffeln, Mist-gabeln, langstieligen Hacken und dergleichen bewaffnet, mar-schierten sie zum Rathaus.

Dort sollen sie die Ratsmänner zur Rede gestellt und sie ge-zwungen haben, gegen die Übergabe der Stadt zu stimmen. Der Mut der Frauen von Schorndorf beflügelte die Entschlos-senheit der Männer und die Widerstandskraft der ganzen Stadt. Dadurch hielt der Widerstand dem Feind so lange stand, bis schließlich zusätzliche Verteidigungstruppen die Stadt erreich-ten und die Freiheit der Stadt retteten. So soll Württemberg es letztlich dem Mut der Frauen von Schorndorf mit Barbara
Künkelin an der Spitze verdanken, dass das Land frei und selbstständig blieb.

Das mutige und zuweilen wohl für sie selbst gefährliche Enga-gement von Barbara Künkelin und ihrer Frauen ist an Zivilcou-rage schwer zu überbieten. Der Einsatz für die Freiheit war und ist auch weiterhin nötig, wenn auch damals in anderem Gewand und unter anderen Vorzeichen als heute. Barbara Künkelin war, nicht nur in den dunklen Stunden der Belagerung durch die Feinde, sondern zeitlebens und in vielen Belangen emanzi-piert, sozial engagiert und tätig fromm. Ihre Einsatzbereit-schaft, die heute auch unter den Begriff des Bürgerschaftli-chen Engagements fallen könnte, zeichnete sie ein Leben lang aus.

Heute wird der Barbara-Künkelin-Preis an Frauen verliehen, die sich vorbildlich und erfolgreich zum Wohle der Bürgerschaft einsetzen. Somit werden Vorbilder gewürdigt, die das Anden-ken an Barbara Künkelin und die sie treibenden Werte bewah-ren und weitergeben. Frau Serap Çileli ist solch ein Vorbild.

Serap Çileli, geboren 1966 in Mersin in der Türkei, lebte ab-wechselnd in Deutschland und in der Türkei. Mit acht Jahren wurde sie von ihren Eltern nach Deutschland geholt. Davor hat-te sie bei ihren Großeltern in der Türkei gelebt.

Das neue Zuhause in Deutschland und die strenge Erziehung ihrer Eltern erschienen ihr fremd. Mit zwölf Jahren wurde sie von ihrem Vater verlobt, entkam jedoch der Zwangsehe – und zwar durch einen Selbstmordversuch.

Mit 15 Jahren wurde sie schließlich doch noch mit einem ihr unbekannten älteren Mann zwangsverheiratet und, wie sie selbst sagt „in der Türkei zurückgelassen“. In der fremden Umgebung, in der ungewollten Ehe wurde Frau Çileli nicht glücklich, zu der Familie des Ehemannes konnte sie keine Be-ziehung aufbauen.

Nach sieben Jahren Zwangsehe fand sie zwar den Mut und die Kraft, sich aus diesem Gefängnis zu befreien und endlich die Scheidung durchzusetzen. Doch ihre Eltern hielten bereits kurze zeit später einen neuen Mann für sie bereit - um die an-gekratzte "Familienehre" wiederherzustellen.

In der Zwischenzeit hatte sie ihren heutigen Ehemann Ali
Çileli kennengelernt, zu dem sie aber auf Druck der Familie keine Beziehung aufrechterhalten durfte. Also täuschten die beiden eine Trennung vor, damit sie nach Deutschland reisen konnte.

Der erneuten Zwangsheirat in Deutschland wiederum mit einem ihr unbekannten Mann entkam sie nur durch die Flucht aus dem Familienkreis - mit ihren beiden Kindern aus erster Ehe - in ein Frauenhaus im Odenwald.

Im Jahr darauf heiratete Serap Çileli ihren heutigen Ehemann und ihr zweites Leben begann. Sie verstecken sich zwar seit-dem vor dem Zugriff der Familie. Doch es ist ein Leben, das nicht mehr aus Unfreiheit und Unterdrückung besteht, sondern auf der Freiheit aufbaut, das eigene Leben eigenständig zu gestalten.

Als ausgesprochener Familienmensch sind für Frau Çileli ihr Ehemann und ihre Kinder zentrale Bestandteile ihres Lebens. Es ist schön, wenn Sie in Ihrer eigenen Familie endlich das Glück gefunden haben.

Ihr Ehemann, dem es einige Zeit nach der Heirat gelang, eben-falls nach Deutschland zu reisen, ist stolz auf ihr Engagement für betroffene Frauen und er unterstützt seine Frau seit jeher. Herr Çileli, Sie dürfen mit Fug und Recht stolz auf Ihre Frau sein!

Im Frauenhaus schließlich schrieb Frau Çileli ihr aufrüttelndes Buch "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre". Darin erzählt sie ihre eigene Geschichte. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Öffentlichkeit noch kaum bewusst, was die von Zwangsheirat betroffenen Frauen und Mädchen durchstehen müssen.

Lange Jahre gehörte Serap Çileli gemeinsam mit anderen muti-gen Frauen wie Fatma Sonja Gläser zu den ersten Frauen, die für die Rechte der muslimischen Frauen kämpften und die existenziell schwierige Lage dieser Frauen in das Licht der Öf-fentlichkeit gezogen haben. Sie machten die Tabu-Themen Zwangsheirat und Ehrenmorde in Deutschland öffentlich. Sie sprachen über Zwangsheirat und Verbrechen an Töchtern "im Namen der Ehre". Ihr Vorbild machte vielen jungen Muslimin-nen Mut. Erst mit diesem Buch erfuhren viele andere Men-schen, unter welchen Bedingungen die Betroffenen zu leiden haben. Für viele erstaunlich war dabei die Erkenntnis, dass es Zwangsheirat auch hier in Deutschland, mitten unter uns gibt.

Dass wir nun über das Problem der Zwangsheirat sprechen, ist daher nicht zuletzt auf das Bestreben von Frau Çileli zurückzu-führen. Sie engagiert sich unter hohem persönlichen Einsatz für muslimische und türkische Frauen, die sich in einer Schat-tenwelt bewegen, einer Welt in der die Frauen nicht offen über ihre Wünsche, ihre Hoffnungen und ihre Ängste sprechen dür-fen. Das ist eine verschlossene Welt, die die Mädchen und Frauen zum Schweigen bringen, ihrer Stimme berauben will.

Aus dieser Schattenwelt heraus erhebt sich Ihre Stimme klar und deutlich: „Ich will meinen eigenen Weg gehen! Und ich will anderen Frauen ermuntern, dasselbe zu tun.“ Dafür, dass Sie ihre Stimme so erheben, dafür gebührt Ihnen unser aller Dank!

Hier wird deutlich, mit welch mutigen und engagierten Men-schen wir es zu tun haben. Sie sind aktiv, um auf die Miss-stände aufmerksam zu machen und um anderen Frauen und Mädchen zu helfen.

Sie werden inzwischen von vielen anderen Frauen in Not um Rat gebeten und von interessierten Gruppen um eine Stellung-nahme gebeten. Sie betreuten bisher hunderte von Frauen und Mädchen in Zwangslagen und Notsituationen. Sie sind heute ein Rettungsanker für viele andere betroffene Frauen gewor-den. Alle, die Sie kennen, wissen, dass Ihr Engagement einen großen Teil Ihrer Zeit in Anspruch nimmt. Die Auseinanderset-zung mit dieser Thematik ist für Sie zu einer Lebensaufgabe geworden. Dafür gebührt Ihnen Respekt und Anerkennung.

Wir sehen, der Einsatz eines einzelnen Menschen lohnt sich. Niemand darf die Hände in den Schoß legen mit der Ausrede „ich kann ja nichts an den Umständen ändern“. Das stimmt nicht! Die Kraft und die Ausdauer eines einzelnen Menschen geben Impulse und weisen auf Probleme hin. Dadurch werden Politiker auf ihr Anliegen aufmerksam und Prozesse zur Lösung dieser Probleme in Gang gesetzt.

Ohne Sie, Frau Çileli, wäre es uns nur sehr schwer möglich, von den Umständen und Zuständen in jener Schattenwelt zu erfahren.

Sie haben bereits mehrere Auszeichnungen erhalten, die den Einfluss Ihres Buches, Ihres Engagements und Ihrer ganzen Person belegen. Im Jahre 2005 erhielten Sie für Ihren uner-müdlichen Einsatz gegen die Zwangsehe und die Blutrache - übrigens als eine der jüngsten Trägerinnen überhaupt - das Bundesverdienstkreuz am Bande. Ein Jahr danach wurde Ih-nen der Ludwig-Beck-Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden verliehen. 2007 dann zeichnete der Bund Deutscher Kriminal-beamter (BDK) Sie mit dem Orden „Bul le mérite“ für Ihre Ver-dienste aus. Und erst vor einer Woche wurde Ihnen für Ihren Einsatz für die Freiheitsrechte von Frauen der Olympe-de-Gouges-Preis 2008 von der ASF Frankfurt und der ASF Hes-sen-Süd verliehen. Eine eindrucksvolle Liste von Auszeichnun-gen, die für sich spricht. Wie viele unter uns können mit sol-chen Auszeichnungen glänzen? Sie haben sich diese Aus-zeichnungen voll und ganz verdient!

Frau Çileli, Sie haben mit Ihrer Familie hier, in Deutschland, im Odenwald eine neue Heimat gefunden. Auf Ihre Freunde und Bekannte können Sie bauen. Auch in der Öffentlichkeit finden Sie in Ihren Bemühungen um eine gerechte Teilhabe von Frau-en große Unterstützung. Wir freuen uns, dass Sie sich in die-sem Land wohl fühlen.

Sie gehören zu den Menschen, die mit ihrem Wirken auch dafür sorgen, dass keine Parallelgesellschaften entstehen oder - wenn diese bereits vorhanden sein sollten - aufgebrochen wer-den.

Unser Anliegen, auch als Landesregierung ist es, für die Men-schen aus verschiedenen Kulturen, unabhängig von Staatsan-gehörigkeit oder Religion ein Land des friedlichen Zusammen-lebens zu sein. Die Integration von Zugewanderten in die ein-heimische Gesellschaft gehört zu den zentralen Aufgaben von Akteuren aus Politik und Gesellschaft.

Frau Çileli, Sie sagen:
„es gibt keine religiöse oder kulturelle Rechtfertigung für Ge-walt und Gewaltanwendung an Frauen und Kindern. Deshalb darf es auch keine Akzeptanz für Gewalt geben, die kulturell oder religiös begründet wird.“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Es wäre schön, wenn die Realität dieser Leitidee entspräche. Aber leider halten sich nicht alle daran. Auch heute, im 21. Jahrhundert und hier, mit-ten unter uns, wird Gewalt gegen Kinder und gegen Frauen ausgeübt. Sie werden in einer Art Schattenwelt gefangen gehalten.

Wir müssen, bei aller Abscheu solch menschenunwürdiger Praktiken, vorsichtig sein, nicht in Pauschalurteile insbeson-dere über andere Kulturen zu verfallen. Nicht nur bei Türken oder bei Muslimen sind Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen zu finden, auch andere Kulturen kennen solche Probleme. Es geht also nicht um eine pauschale Verurteilung muslimischer Männer oder der muslimischen Kultur im Allgemeinen. Doch wir müssen feststellen, dass die Problematik von Zwangsheirat und Ehrenmorden in Deutschland überwiegend unter türki-schen bzw. muslimischen Mitbürgern zu erkennen ist. Die Reli-gion oder die Kultur liefern dabei aber nur scheinbar eine Be-gründung für Zwangsheirat. Ich sage bewusst „scheinbar“. Denn vorwiegend handelt es sich um traditionelle Strukturen, gespeist aus archaischen Familienvorstellungen, patriarchali-scher Dominanz und ökonomischen Zwängen. Diese Strukturen begünstigen die menschenverachtenden Praktiken.

Wichtig wäre es meines Erachtens, auch in diesen Milieus noch stärker als bisher wissenschaftlich fundierte und gesicherte repräsentative Erkenntnisse über Ausmaß und Umfang von Zwangsehen zu erlangen. Hier besteht weiterhin Aufholbedarf. Repräsentative Daten zur Art und Verbreitung von Zwangsehen liefern wertvolles Wissen, die der Politik als Grundlage für wei-tere Maßnahmen gegen Zwangsheirat dienen kann.

Bereits im Jahre 2003 konnte Frau Çileli eine Fachtagung der damaligen Ausländerbeauftragten zum Thema Zwangsheirat mit einem eigenen Beitrag bereichern. Seitdem hat sich in die-sem Bereich einiges getan. Als Vorreiter engagiert sich das Land Baden-Württemberg seit vielen Jahren bei der Bekämp-fung der Zwangsheirat. Das im letzten Jahr verabschiedete Maßnahmenkonzept zur Bekämpfung von Zwangsheirat der Landesregierung zeugt davon, dass wir die Thematik sehr ernst nehmen. Ich möchte hier ein paar Punkte zur Illustration nen-nen, die meines Erachtens wichtige Aspekte bei der Bekämp-fung von Zwangsheirat darstellen:

1. Abschreckung von Tätern: Täter müssen wissen, dass es sich bei der Zwangsheirat um keine ehrenhafte, sondern straf-würdige Tat handelt. Die Täter dürfen sich nicht in Sicherheit wiegen. Wir freuen uns daher, dass die Zwangsverheiratung inzwischen als besonders schwerer Fall der Nötigung explizit ins Strafgesetzbuch aufgenommen wurde. Das trägt dazu bei, dass mögliche Täter, auch durch höhere Strafmaßnahmen noch besser abgeschreckt werden. Meiner Meinung nach wäre je-doch ein zusätzlicher Schritt nötig, indem wir zu einem Gesetz gelangen würden, das die Zwangsheirat als eigenen Straftat-bestand in das Strafgesetzbuch aufnehmen würde. Die Signal-wirkung eines solchen Gesetzes sollten wir nicht unterschät-zen.

2. Hilfe für die Betroffenen: Inzwischen gibt es ermutigende Beispiele für eine unbürokratische und schnelle Hilfe. Den be-troffenen Frauen und Mädchen muss sofort die Hilfe zuteil wer-den, die sie benötigen. Dazu gehören auch Informationskam-pagnen. Mehrsprachige Informationsbroschüren sollen vor allem Mädchen aufzeigen, welche Rechte ihnen zustehen und wem sie sich anvertrauen können.

3. Sensibilisierung: Umfangreiche Aufklärungsmaßnahmen sind besonders im schulischen Bereich wichtig. Deshalb stellen wir den Lehrkräften nicht nur umfangreiches Informations- und Lehrmaterial zum Thema Zwangsheirat zur Verfügung. Das Kul-tusministerium führt seit diesem Jahr auch Fortbildungsver-anstaltungen für Lehrkräfte durch, um diese für das Thema Zwangsheirat zu sensibilisieren und ihnen Möglichkeiten und Wege aufzuzeigen, wie man eine Bedrohungssituation erken-nen kann und was man in einem solchen Fall tun sollte, damit den betroffenen Mädchen rechtzeitig geholfen wird.

Denn viele sind einfach überfordert, wenn es darum geht, eine konkrete Bedrohungssituation als solche zu erkennen und dann auch noch richtig zu handeln. Dies liegt sicherlich auch daran, dass das Phänomen Zwangsheirat erst seit wenigen Jahren öf-fentlich diskutiert wird. Und dazu haben Sie, Frau Çileli, ent-scheidend beigetragen! Was früher, als falsch verstandene Toleranz zum Tabu erklärt wurde, findet nun Resonanz in der breiten Öffentlichkeit. Zwangsehen sind dank Ihrer Hilfe ein Stück weit in das Zentrum der Politik und der Medienbericht-erstattung gerückt, heraus aus der Tabuzone.

Es ist genau diese Öffentlichkeit, die entschieden dazu bei-trägt, Zwangsverheiratungen als strafwürdiges Unrecht im Be-wusstsein der Menschen zu verankern. In dieser Hinsicht ist in den letzen Jahren sicher viel geschehen. Inzwischen gibt es kaum einen Integrationsplan, sei es auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene, der sich nicht in irgendeiner Form explizit mit dem Thema Zwangsheirat und Gewalt gegen Frauen be-schäftigt. Zwangsverheiratungen und Verbrechen im Namen der sogenannten Ehre werden auch in den nächsten Jahren im Mit-telpunkt der Integrationspolitik stehen. Wir werden das The-ma Zwangsheirat also nicht zu den Akten legen. Wir bleiben dran.

Auch Sie bleiben weiterhin an diesem Thema. Wenn es stimmt, was man so hört, arbeiten Sie, passend zum Gastland Türkei bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, gerade an ihrem neuen Buch, das noch in diesem Jahr erscheinen wird. Ich bin sicher, auch damit werden Sie eine große Resonanz erzielen. Wir werden also noch viel von Ihnen hören.

„Wer hier in Deutschland lebt, muss die geltenden Gesetze achten.“

Dieser Satz stammt nicht von mir als Justizminister und Integ-rationsbeauftragter der Landeregierung, sondern von Frau Se-rap Çileli selbst. Sie tritt dafür ein, das Recht auf Selbstbe-stimmung von Frauen ohne Wenn und Aber durchzusetzen. Es darf keine Ausnahme, keine Kompromisse beim Thema Zwangsheirat geben.

Frau Çileli, Sie geben ein ermutigendes Beispiel für alle jene Frauen, die sich bisher nicht trauten, nicht die Kraft hatten oder nicht genügend Unterstützung von außen bekamen. Sie haben sich die Freiheit erkämpft und können nun als Vorbild andere ermutigen, sich ebenfalls zur Wehr zu setzen.

Genau so, wie Barbara Künkelin damals mit Ihrer Aufforde-rung an die Männer zur Verteidigung ihrer Stadt eine erstaunli-che Leistung vollbracht und der Freiheit vieler Menschen zum Sieg verholfen hat, so sind Sie Frau Çileli heute ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, andere zur Freiheit zu ermutigen.

Anderen Menschen Mut in einer verzweifelten Situation geben. Hoffnung stiften, für Gerechtigkeit kämpfen! Barbara Künkelin wäre sicher stolz auf die Preisträgerin, die wir heute ehren. Deswegen verdienen Sie den Barbara-Künkelin-Preis für Ihren außerordentlichen Einsatz gegen die Zwangsheirat von Frauen.

Frau Çileli, Ich wünsche Ihnen auch weiterhin eine klare und kraftvolle Stimme, voller Lebensfreude und Vitalität, die ande-ren Mut macht und ihnen zur Freiheit verhilft! Denn wir werden Ihre Stimme noch lange brauchen.


 
 

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