Anlässlich der
Verleihung des Olympe de Gouges Preis in Frankfurt. ASF Frankfurt und
Südhessen, Frankfurter Presse Club, Saalgasse 3, 09. März
2008, 11 Uhr
Liebe Serap Çileli,
liebe Genossinnen, liebe Freunde,
260 Jahre liegen zwischen der Geburt Olympe de Gouges und der
Verleihung ihres Preises an Frau Çileli.
260 Jahre, in denen Frauen viel erreicht haben im Kampf um ihre Rechte.
Doch trotz dieser langen Zeit sind einige Forderungen der Olympe de
Gouges noch aktuell, wie uns Serap Çileli lehrt, z.B. die Forderung,
dass
Männer und Frauen in der Ehe gleichgestellt werden müssen.
Und trotz der 260 Jahre, die zwischen ihnen liegen, hatten Olympe de
Gouges und Serap Çileli mit ähnlichen Hindernissen und
Diskriminierungen zu kämpfen.
Serap Çileli
ist bekannt geworden mit ihrem Kampf gegen Zwangsehen.
Sie selbst wurde schon im Alter von 12 Jahren verlobt. Als die Hochzeit
ansteht, weiß sich das Kind Serap nicht anders zu helfen, als
Tabletten zu
schlucken. Doch ihre Eltern haben nach dem Selbstmordversuch kein
Einsehen. Im Gegenteil. In Ihrer Vorstellung hat sie dadurch die Ehre
der
Familie verletzt. Ihr Vater verbietet sogar ihrer Mutter, sie im Krankenhaus
zu besuchen.
Doch weil sie stur darauf besteht, weiter zur Schule gehen zu wollen,
erhält
sie doch die Erlaubnis den zukünftigen Schwiegereltern mitzuteilen,
dass
sie die Verlobung lösen will.
Ein Jahr später wird sie erneut verlobt, mit 15 Jahren muss sie
in der
Türkei einen 10 Jahre älteren Mann heiraten.
Serap Çileli schildert die Torturen dieser Ehe in ihrer Autobiographie
„Wir
sind eure Töchter, nicht eure Ehe.“ Das Buch markiert den
Beginn ihres
Kampfes, der noch lange nicht zu Ende ist.
Wogegen Serap Çileli im Deutschland des 21. Jahrhunderts ankämpft,
war
auch im Frankreich des 18. Jahrhunderts traurige Normalität.
Olympe de Gouges wurde im Alter von 17 Jahren verheiratet.
Gleichwohl erscheint
ihr Leben im Vergleich mit dem Schicksal Serap
Çilelis und dem vieler türkischer Mädchen freier und
selbstbestimmter.
Olympe de Gouges, Tochter einer Wäscherin und eines Metzgers, verlangt
kurz nach der Eheschließung die Gütertrennung – ein
damals
ungewöhnlicher Schritt, aber offensichtlich setzte sie sich relativ
problemlos damit durch.
Das sollte uns zu denken geben: Im 18. Jahrhundert gab es keine gleichen
Rechte für Männer und Frauen. Olympe de Gouges sollte die
erste sein,
die einen Katalog der Rechte der Frau ausformulierte.
Türkische Frauen haben hingegen gleiche Rechte – und zwar
sowohl in
Deutschland als auch in der Türkei. Wenn diese Rechte aber nur
auf dem
Papier existieren, dann ist es höchste Zeit, dass Deutsche und
Türkinnen
gemeinsam dagegen vorgehen.
Die arrangierte Ehe
der Olympes des Gouges ist im Übrigen nur von
kurzer Dauer. Ihr Gatte verschwindet relativ bald nach der Geburt ihres
Sohnes aus ihrem Leben – warum ist ungeklärt.
Von da an lebt Olympes des Gouges 20 Jahre lang in wilder Ehe mit dem
Sohn eines Transportunternehmers, der sie auch unterhält. Eine
alleinstehende Frau mit Kind hat im Paris des 18. Jahrhunderts kaum
Möglichkeiten ihren Unterhalt zu bestreiten.
Obwohl sie andere Liebschaften eingeht und als Kurtisane in Adelskreisen
verkehrt, kann man diese 20-jährige Beziehung wohl als Liebesbeziehung
bezeichnen.
Ganz anders ist der
weitere Lebensweg von Serap Çileli. Sieben Jahre lebt
sie mit dem ihr verhassten Mann in einem türkischen Dorf. Doch
schließlich ist auch Serap Çileli Glück beschieden,
sie beginnt eine
Liebesbeziehung mit dem Nachbarn, den sie später heiraten wird
– auch
davon handelt ihr Buch.
Und hierin gleichen sich die Kämpferinnen Çileli und de
Gouges wieder:
Sie sind kompromisslose Kritikerinnen und Anklägerinnen. Doch zugleich
sind sie Optimistinnen.
Serap Çileli
schreibt in ihrem Vorwort: „Ich durfte das Wunder erleben,
nach und nach aufzublühen, ich fühlte mich wie ein Schmetterling,
der nach der Verpuppung langsam und behutsam seine Flügel
entfaltet.“
Und: „Ich war überzeugt, dass mein ganzes Leben eine Botschaft
enthielt: Es ist an der Zeit, dass sich etwas ändert.“
Serap Çileli
ändert zuerst ihr eigenes Leben. 1992 flieht sie in ein
Frauenhaus im Odenwald – nicht etwa vor ihrem Ehemann, sondern
vor
ihrem Vater. Nach sieben schrecklichen Ehejahren hat sie sich endlich
scheiden lassen und ist zurück nach Deutschland gekehrt. Doch ihre
Eltern
erlauben ihr nicht, ihre große Liebe zu heiraten – den Nachbarn
aus der
Türkei.
Doch unverheiratet darf sie auch nicht bleiben. Wieder soll sie mit
einem
Unbekannten verlobt werden. Nur zwei Tage vor dieser 3.
Zwangsverlobung gelingt ihr und ihren zwei Kindern die nächtliche
Flucht
mit Hilfe der Mitarbeiterinnen eines Frauenhauses.
1994 beginnt Serap Çileli zu schreiben. Was zunächst als
Traumabearbeitung beginnt, wird bald zur politischen Mission.
Sie macht das Thema
Zwangsheirat publik, sie gibt Interviews, geht in
Schulen, berät türkische Mädchen und Frauen und manchmal
auch
Jungen, die von Zwangsheirat bedroht sind. Zeitgleich beginnen auch
andere Frauen türkischer Herkunft in Deutschland über Unterdrückung
von
Frauen in Migrantenfamilien zu reden.
Es ist der Beginn
einer neuen Frauenbewegung in Deutschland – diesmal
getragen von Migrantinnen.
Die neuen deutschen Feministinnen türkischer Herkunft setzen sich
mit
ihren Forderungen beißender Kritik aus, sie werden ausgegrenzt
und mit
dem Tode bedroht. Viele Türken sehen sie als Netzbeschmutzerinnen.
Deutsche werfen ihnen vor, sie würden Ausländerfeindlichkeit
schüren und
türkische Männer unter Generalverdacht stellen.
Frauen, die für ihre Rechte gekämpft haben, haben immer erfahren
müssen: Wer die patriarchale Rollenverteilung in Frage stellt,
provoziert
den Widerstand der Männer – und manchmal sogar der Frauen.
Olympe de Gouges hat diese Erfahrung gemacht. Aber auch wir in der
ASF haben diese Erfahrung gemacht.
Es ist erst 10 Jahre
her, da haben wir in Deutschland das Verbot der
Vergewaltigung in der Ehe erkämpft. Frauen aller Parteien haben
sich
dafür eingesetzt. Und – was heute manchem erstaunlich erscheint
–
Männer aller Parteien sind dagegen auf die Barrikaden gegangen.
Ja, auch Genossen in der SPD haben uns angepöbelt, uns verächtlich
gemacht.
Oder denken wir 30 Jahre zurück, als es um die Reform des Eherechts
ging. Einige hier erinnern sich vielleicht noch an die Diskussionen
und
Aktionen der gerade erst 1972 gegründeten ASF.
Erst 1977 wurde das Eherecht reformiert. Bis dahin mussten Frauen ihren
Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten wollten.
Trotz aller Anfeindungen haben wir weitergekämpft – um die
Quote, die
Reform des §218.
Aus diesen Kämpfen
habe ich eine sehr wichtige Lektion mitgenommen:
Frauen können am meisten erreichen, wenn sie gemeinsam kämpfen.
Das haben wir als SPD-Frauen in der SPD erlebt. Deshalb war die
Gründung der ASF so wichtig. Das haben wir aber auch bei den großen
Parteiübergreifenden Frauenkoalitionen erlebt zur Reform des §218
und
zum Verbot der Vergewaltigung in der Ehe.
Andere Frauen für diesen Kampf zu gewinnen, kann frustrierend sein.
Es
bedarf großer Geduld, immer wieder Überzeugungsarbeit zu
leisten.
Olympe de Gouges schreibt in ihrem Nachwort zu ihrer Erklärung
der
Rechte der Frau und Bürgerin: „Ihr Frauen, wann wird Eure
Verblendung ein Ende haben. Welche Einschränkung man Euch
auferlegen mag, es liegt in Eurer Macht, sie zu bezwingen, ihr müsst
es nur wollen.“
Ich nehme an, Serap
Çileli könnte diese Worte unterschreiben – jedenfalls
an manchen Tagen, wenn ihr zum Beispiel junge türkische Mädchen
erzählen, sie
hätten kein Problem mit der arrangierten Ehe. Das sei Teil
ihrer Kultur.
Vielleicht hat sie so etwas auch gedacht als bei einem ihrer Vorträge
in
einer Schule die türkischen Mädchen den Raum verlassen haben,
weil ihre
türkischen Mitschüler sie dazu aufgefordert haben.
Doch trotzdem macht sie gerade an diesem Punkt weiter. Für sie
steht die
Hilfe die sie genau solchen Mädchen leisten kann an erster Stelle
– auch
und unter anderem im Arbeitskreis gegen Gewalt an Migrantinnen im
Odenwald, den sie gemeinsam mit der Frauenbeauftragten und dem
Regionalen Diakonischen Werk gegründet hat.
Serap Çileli
wendet sich gegen die Vorstellung dass Kultur den
Menschenrechten entgegenstehen darf.
Damit hat sie Recht. Keine Kultur kann rechtfertigen, dass Menschen
unterdrückt werden. Die Menschenrechte sind universell.
Es ist eine falsche Vorstellung von Toleranz, wenn man akzeptiert, dass
türkische Männer ihre Frauen unterdrücken. Wer diese
Art der Toleranz
vertritt, sagt damit, dass es richtig ist, dass türkische Frauen
weniger
Rechte haben als deutsche Frauen.
Das ist keine Toleranz. Das ist frauenverachtend und obendrein rassistisch
- auch wenn die Vertreter solcher Argumente sich als Kämpfer gegen
Ausländerfeindlichkeit sehen. Denn wer glaubt türkischen Frauen
stünde
weniger an Freiheit zu als deutschen Frauen, der sagt damit, dass
türkische Frauen weniger Wert seien.
Wir müssen in
der deutschen Gesellschaft noch viel Überzeugungsarbeit
leisten, um gegen diese falsche Toleranz anzugehen. Zugleich müssen
wir
die Arbeit von Frauen wie Serap Çileli unterstützen.
Wir mögen nicht in allen Punkten einer Meinung sein. Manche
Forderungen der neuen deutsch-türkischen Feministinnen stimmen
nicht
mit unserem Rechtsverständnis überein. [wie etwa die Forderung
das
Zuzugsalters für Ehegatten auf 21 Jahre zu heben.]
Mein jahrelanger Einsatz für Frauenrechte hat mich gelehrt: Wir
können
und wir müssen solche Meinungsunterschiede überwinden. Die
Sache der
Frauen ist zu wichtig.
Liebe Serap Çileli,
Sie haben in jeglicher Hinsicht den Olympe de Gouges-
Preis verdient. Nicht nur in der Sache, sondern auch in Ihrem Mut gleichen
sie der Namengeberin, die ihr Leben auf dem Schafott gelassen hat.
Serap Çileli, Sie wissen, dass sie sich mit Ihren Forderungen
und Ihrer
Kritik in Lebensgefahr begeben. Wo Sie auftreten sind immer
Sicherheitskräfte. Sie haben einmal gesagt: „Wenn ich Menschenrechte
für moslemische Frauen einfordere, muss ich auch mit meinem Leib
dazu stehen.“
Dieser Mut verdient
unseren höchsten Respekt.