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Presseartikel zur Verleihung
 
 

 

18.03.08 / www.gregor-amann.de

8.OLYMPE DE GOUGES PREIS AN SERAP CILELI

Ulli Nissen, Serap Cileli, Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, Gregor Amann (v.l.n.r.)

Jedes Jahr verleihen die SPD-Frauen des Bezirks Hessen-Süd den Olympe de Gouges Preis an eine Frau, die sich durch ihr besonders mutiges Engagement für Frauen und ihre Positionen verdient gemacht haben. Dieses Jahr ging der Preis an Serap Cileli, eine Frauenrechtlerin und Schriftstellerin (Titel u.a. „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“), die ganz im Sinne von Olympe de Gouges mutig und unerschrocken ihre Positionen vertritt. Sie ist eine Vorbildfunktion für andere Frauen, da sie auch dann nicht ihre Meinung zurück hält, wenn sie bedroht wird.

Olympe de Gouges (7.5.1748 - 3.11.1793) war die erste Frauenrechtlerin der Aufklärung. Sie verfasste 1791 die “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin”, die mit den Worten beginnt: “Mann, bist Du fähig gerecht zu sein? Eine Frau stellt Dir diese Frage. Sage mir, wer hat Dir die selbstherrliche Macht verliehen, mein Geschlecht zu unterdrücken?” Eine im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährliche Frage, denn Olympe de Gouges starb dafür während der Französischen Revolution unter der Guillotine.


10.03.2008 / Frankfurter Rundschau

Stimme der Stimmlosen

Serap Çileli wird für ihren Kampf gegen Zwangsehen geehrt

Von Stefan Behr


Mann, bist du fähig, gerecht zu sein? Eine Frau stellt dir diese Frage.“ So begann Olympe de Gouges ihre „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, und fragen wird frau ja noch dürfen. Aber vielleicht war 1791 noch ein wenig zu früh dafür, denn die Antwort der Männer war martialisch: Die Mutter aller Bürgerrechtlerinnen wurde am 3. November 1793 auf dem Place de la Concorde durch die Guillotine hingerichtet.

Serap Çileli verbindet einiges mit Olympe de Gouges, nur mit den Zeiten hat die 1966 in der Türkei geborene Frauenrechtlerin Çileli entschieden mehr Glück gehabt. Beide wurden von ihren Eltern zwangsverheiratet, bei beiden ging das schief, beiden ging ein Licht auf, dass da was faul war, und zwar nicht bloß in den Staaten Frankreich und Türkei, und beide zeigten wenig Furcht und nahmen den publizistischen Kampf auf. Aber während die eine enthauptet wurde, wurde die andere gestern von der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen / Unterbezirk Frankfurt – Bezirk Hessen Süd im Presseclub mit dem mittlerweile achten Olympe-de-Gouges-Preis geehrt – ein deutlicher Fortschritt.

Çileli weiß, wovon sie spricht und schreibt. Sie wurde in der Türkei geboren, ihre Eltern gehen als Gastarbeiter nach Deutschland, sie wird nachgeholt – und im Alter von zwölf Jahren in Neustadt an der Weinstraße mit einem Türken aus Nürnberg zwangsverlobt. Die „Beziehung“ wird nach einem Selbstmordversuch Çilelis zwar aufgelöst, mit 14 Jahren aber wird sie erneut gegen ihren Willen verlobt. Mit 26 Jahren entzieht sie sich dem Zugriff ihrer Familie – der Vater bedroht sie im Falle einer Scheidung mit Mord – indem sie in ein Frauenhaus flüchtet. Seitdem kämpft sie gegen Zwangsehen und so genannte Ehrenmorde – unter anderem mit Peri – einem Verein für Menschenrechte und Integration. Peri heißt auf deutsch soviel wie gute Fee.

Der Olympe-de-Gouges ist für sie nicht die erste Ehrung. 2005 wurde sie etwa mit dem Bundesverdienstkreuz und ein Jahr darauf mit dem Wiesbadener Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Die „Ex-Muslimin“, so sagte sie im Presseclub, will „Stimme der stimmlosen Musliminnen“ sein.


10.03.2008 / Frankfurter Neue Presse Online

Preis für streitbare Muslimin

Von Hermann Wygoda

Frankfurt. Der türkischstämmigen Autorin und Frauenrechtlerin Serap Cileli ist gestern mit dem Olympe-de-Gouges-Ehrenpreis der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) ausgezeichnet worden. Die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), verwies in ihrer Laudatio darauf, dass dieser Preis 260 Jahre nach dem Geburtstag der Namensgeberin an eine Frau verliehen werde, die darauf hinweise, dass heute noch immer die Forderungen von Olympe de Gouges nach der vollen Gleichstellung von Mann und Frau auch in der Ehe aktuell wie im 18. Jahrhundert seien. „Erst seit 1977, mit der Reform des Eherechts, brauchen die Frauen auch in Deutschland nicht mehr die Einwilligung ihres Ehemannes zu einer eigenen Berufstätigkeit“, erinnerte die SPD-Politikerin. Und erst vor zehn Jahren habe das Verbot zur Vergewaltigung in der Ehe durchgesetzt werden können. „Wir vergessen viel zu schnell, wie lange es auch bei uns gedauert hat, bis die Frauen elementare Rechte aus der Charta der Menschenrechte erhalten haben“, mahnte Heidemarie Wieczorek-Zeul. Serap Cileli, sagte die SPD-Politikerin, habe in ihrer Biografie die Unterdrückung der Frauen in den muslimischen Gesellschaften selbst erfahren und sei jetzt eine der Vertreterinnen der Migrantinnen, durch die eigene Erlebnisse „eine neue Frauenbewegung in der Bundesrepublik“ angestoßen hätten. Nachdrücklich wandte sie sich gegen das Argument der „kulturellen Traditionen“, mit dem versucht werde, die Unterdrückung der Frauen zu begründen: „Keine Kultur kann die Unterdrückung der Menschen rechtfertigen, denn die Menschenrechte sind universell und gelten überall.“

Serap Cileli war 1966 in der Türkei als eines von sechs Kindern geboren worden und wurde 1978, mit 12 Jahren, in Deutschland, wo ihre Eltern als Gastarbeiter lebten, zum ersten Mal zwangsverlobt. Nachdem sie versucht hatte, durch einen Freitod der Zwangsverheiratung zu entkommen, wurde diese erste Verlobung aufgelöst. Mit 15 Jahren zum zweiten Mal verheiratet, kehrte sie mit ihrem zehn Jahre älteren Mann in die Türkei zurück.

Heute lebt Serap Cileli in Hessen, hat ihre Erfahrungen in ihrem Buch „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“ beschrieben und hält Vorträge und nimmt an Diskussionen über die Situation muslimischer Frauen in der Bundesrepublik teil. 1995 wurde ihr für ihre Arbeit das Bundesverdienstkreuz verliehen, weil sie mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag zur Integration ausländischer Menschen in unserer Gesellschaft geleistet habe. Zur Zeit arbeitet Serap an ihrem nächsten Buch, das sich ebenfalls mit der Situation der Frauen aus muslimischen Ländern auseinandersetzt.

Die streitbare Autorin und ihre Familie muss damit leben, dass sie permanent unter Polizeischutz steht, da sie noch immer bedroht wird. In ihrer Dankesrede appellierte sie, „nicht einem fehlgeleiteten Toleranzverständnis zu folgen, das in Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Musliminnen umschlägt“. Die Mehrheitsgesellschaft sei aufgefordert, sich stärker als bisher mit den Menschenrechtsverletzungen in den Migrantenfamilien zu beschäftigen. Es dürfe „kein geteiltes Recht für muslimische und andere Frauen geben auf ihre sexuelle Selbstbestimmung und die eigene Partnerwahl“. Und sie erinnerte an die Ehrenmorde an muslimischen Frauen. Die Musliminnen hätten die gleichen Rechte wie alle anderen Frauen in Europa.

Die Vorsitzende der südhessischen und der Frankfurter SPD-Frauen, Ulli Nissen, verwies auf die Vorbildfunktion der diesjährigen Preisträgerin, die ihre Position im Sinne der Namensgeberin mutig und unerschrocken ihre Position vertrete, auch wenn sei dafür bedroht werde.

Sie sei damit ein Vorbild für andere Frauen, insbesondere für Migrantinnen. Der Olympe-de-Gouges-Preis habe bereits mit seiner achten Verleihung selbst als Ehrenpreis ohne Preisgeld große Bedeutung und Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erlangt. Im vergangenen Jahr erhielt den Preis die CSU-Rebellin Gabriele Pauli.

 

 
 

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