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Rede von Schorndorfs Oberbürgermeister Matthias Klopfer
 
 

 

Anlässlich der Verleihung des Barbara-Künkelin-Preis in Schorndorf, Barbara-Künkelin-Halle am 16. März 2008, um 11 Uhr.

 

Sehr geehrter Herr Minister Prof. Dr. Goll,
sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter Dr. Pfeiffer,
sehr geehrte Landtagsabgeordneten, Frau Altpeter und Herr Heinz,
sehr geehrte Frau Cileli,
liebe Frau Abele und Frau Rommel,

das Unicef-Foto des Jahres zeigt die 11jährige Ghulam am Tag ihrer Verlobung mit dem 40jährigen Mohammed. Stumme Angst spricht aus ihren Augen. Als die Fotojournalistin frägt, was sie empfinde, sagt Ghulam: „Ich kenne diesen Mann nicht, was sollte ich fühlen?“

Das Foto wurde in Afghanistan aufgenommen.
Weit weg. Eigentlich.
Doch Zwangsverheiratung geschieht mitten unter uns.
Mitten in der Demokratie.
Mitten in einem Staat, dessen Grundgesetz die Menschenrechte als Basis hat.

Verschleppt. Vergewaltigt. Gezwungen. Missbraucht. Willenlos gemacht. Seelenlos geworden.Es gibt eigentlich keine Worte für die Drangsal, die diese Mädchen erleiden müssen.

Ihr Kampf, Frau Cileli, gilt auch dem gegen den Ehrenmord.
Das Wort - ein Paradoxum.
Wie kann Ehre durch Mord entstehen? Mord kann durch nichts legitimiert werden. Unbeschreiblich, unfassbar auch das.

Serap Cileli hat Worte für diese Tabus gefunden – „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“ – so heißt ihr Buch. In Ihrem Vorwort schreiben Sie: „Wenn ich auf mein vergangenes Leben zurückblick, dann schaue ich auf Jahre der Einsamkeit, Erniedrigung, Fremdbestimmung und des Schweigens. Das Schweigen hatte seinen Grund. Wenn ich nicht sprach, bedeutete das nicht, dass ich nichts zu sagen hatte. Im Gegenteil: Es bedeutete vielmehr Unterlegenheit, Wehrlosigkeit und Angst vor Gewalt....“ Weiter schreiben Sie „1994 habe ich zum ersten Mal begonnen, über meinen Zorn und meinen Kummer und für Freiheit und Gleichheit meiner Leidensgenossinnen zu schreiben. Ich hatte die Welt der Wort entdeckt. ...Jedes Mal, wenn ich ein leeres Blatt und einen Stift nahm und anfing zu schreiben, brachen die Verletzungen von früher wieder auf. Ich spürte die nicht geweinten Tränen des ungeliebten Kindes ganz tief in mir, die zerissene und gebrochene Seele des Kindes Serap.“ Zitat Ende.
Warum, fragt man sich, passieren diese Dinge bei uns und jeder schaut weg. Über Jahre. Man mischte sich nicht ein – ein läppisches „das ist halt eine andere Kultur“ - ist zu hören. Das ist keine Entschuldigung – auch für uns nicht.

Liebe Frau Cileli, ich bewundere Sie.
Es gehört sehr viel Mut dazu, trotz der stetigen Gefahr, der Sie ausgesetzt sind, den Kampf gegen diese Menschenrechtsverletzungen fortzuführen.
Unsere Gesellschaft braucht Frauen wie Sie. Fackelträger für wichtige Botschaften. Sie bringen Licht in das Dunkel. Sie rütteln wach mit Ihrer Botschaft, mit Ihren Worten, mit Ihrer eigenen Lebensgeschichte.

Längst sind Sie selber politisch geworden und die Tabus zum Politikum. Sie stellen Forderungen:
Zuzugsalter für Ehegatten auf 21 Jahre erhöhen
Aufklärung der Mädchen und Frauen über die deutsche Gesetzeslage
Es geht Ihnen, auch das ist wichtig für Sie, um die Würde der Frauen. Und nicht darum, den Islam oder die Türkei schlechtzumachen.
Das müssen wir betonen, weil die Gefahr besteht, dass allzu pauschal und stammtischhaft geurteilt wird. Auch das müssen wir vermeiden.

Sie kämpfen auch für den Sprachnachweis von Deutschkenntnissen beim Zuzug von Ehegatten, die viele Kritiker hat.
Migration und Integration gehören untrennbar zusammen. Viel zu lange haben wir uns nicht um unsere Mitmenschen gekümmert. Viel zu lange sind wir uns nicht bewusst gewesen, dass Parallelgesellschaften existieren – Rechtsräume oder vielmehr Unrechtsräume entstanden sind, die wir nicht akzeptieren dürfen.

Ganz lokal betrachtet, halte ich es wichtig, dass wir miteinander sprechen, dass ein interreligiöser Dialog stattfindet. Reden wir miteinander und nicht übereinander.
Herr Yalcin Akün von unserer islamischen Gemeinde in Schorndorf ist in diesem Bereich schon vorbildlich tätig. Darüber bin ich sehr froh.

Vor kurzem hat in Schorndorf ein Sprachcafé eröffnet, das türkischen Frauen die Möglichkeit eröffnet, die deutsche Sprache in gemütlicher Runde zu erlernen. Und es würde mich sehr freuen, wenn Sie Zeit fänden, dieses Sprachcafé einmal zu besuchen.

Noch mehr freue ich mich, Ihnen heute im Namen der Barbara-Künkelin-Preisstiftung, des Heimatvereines Schorndorf und der Stadt Schorndorf den Barbara-Künkelin-Preis zu verleihen.

 
 

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