13.07.2006
/ Rhein Main Presse
Mutig, engagiert und unbeugsam
Die Autorinnen Serap Cileli und Fatma Bläser
kämpfen für die Rechte muslimischer Frauen
Von Ingeborg Toth

Wiesbadens Oberbürgermeister Hildebrand Diehl und
Kardinal Karl Lehmann gratulierten den beiden Preisträgerinnen
Serap Cileli und Fatma Bläser (von links nach rechts) zu ihrem
couragierten Engagement.
wita/Uwe Stotz
WIESBADEN Gegen Zwangsheirat und
Ehrenmorde engagieren sich die Türkinnen Fatma Bläser und
Serap Cileli: Sie nahmen im Rathaus den Ludwig-Beck-Preis der Landeshauptstadt
Wiesbaden entgegen, der mit 2 500 Euro dotiert ist.
Die Preisverleihung fand gestern Abend im Festsaal
des Rathauses statt. Wiesbadens Oberbürgermeister Hildebrand Diehl
begrüßte neben den Preisträgerinnen Gäste aus vielen
gesellschaftlichen Bereichen: Kirche, Bundeswehr, Politik, Wirtschaft,
Polizei und Verwaltung. Besonders erfreut zeigte sich Diehl, dass Kardinal
Karl Lehmann gekommen war, um die Festrede zu halten. Diehl nannte Lehmann
den "beliebtesten Mainzer in Wiesbaden".
Beide Preisträgerinnen kämpfen als Schriftstellerinnen
für die Freiheit der muslimischen Frau. In Wiesbaden wurde man
auf sie aufmerksam, als sie an einer Demonstration gegen Ehrenmorde
teilnahmen und Stellung bezogen zu dem Fall einer jungen Türkin,
die von ihrem Bruder erschossen wurde. Auch wenn es heute noch zu früh
sei, von einem Mord zu sprechen - es bleibt das Urteil eines Wiesbadener
Gerichts abzuwarten -, so hätten Fatma Bläser und Serap Cileli
doch eindrucksvoll Stellung bezogen gegen Gewalt gegen Frauen, die sich
nicht einem Ehrenkodex beugen könnten, der mit dem Verlust der
Menschenrechte einhergeht. Diehl sieht, dass die beiden Preisträgerinnen
auch weiterhin Kraft und Mut brauchen, um den einmal als richtig erachteten
Weg fortzusetzen. Wir alle dürften "nicht fragliche Ehrbegriffe
als Ausdrucksform einer anderen Kultur" akzeptieren.
Lehmann sieht in der Zivilcourage, die von Trägern
des Ludwig-Beck-Preises verlangt wird, die Entschlossenheit, "abweichende
Ansichten offen zu vertreten". Zivilcourage sei das Gegenteil von
Bequemlichkeit, Servilität, Konformismus, Opportunismus und Heuchelei".
Wie man am Beispiel der beiden Preisträgerinnen sehe, "brauchen
wir auch mitten in der Demokratie für unser Zusammenleben einen
solchen ungewöhnlichen Mut", so Lehmann.
Ausstellungsplakate zum Leben Ludwig Becks präsentierte
die 12. Jahrgangsstufe der Diltheyschule. Beck wurde als führender
Kopf der Widerstandsbewegung gegen Hitler dargestellt, der als neues
Staatsoberhaupt vorgesehen war. Die neunte Jahrgangsstufe der Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule
ging auf die Straße, um mit der Kamera Meinungen zum Thema Zivilcourage
einzufangen. Der Film wurde im Festsaal gezeigt.
14.06.2006
/ Rhein Main Presse / Wiesbadener Kurier
Ludwig-Beck-Preis geht an zwei
Frauen
Fatma Bläser und Serap Cileli schreiben gegen Zwangsehen / Teilnahme
an Demos gegen "Ehrenmorde"
red. WIESBADEN Fatma Bläser
und Serap Cileli heißen die diesjährigen Preisträgerinnen
des Ludwig-Beck-Preises für Zivilcourage der Landeshauptstadt Wiesbaden.
Die Preisträgerinnen wurden mit großer Mehrheit von der Jury
benannt.
Die beiden deutsch-türkischen Autorinnen
nahmen als Rednerinnen an der bundesweit beachteten Demonstration und
Kundgebung gegen "Ehrenmorde" am 30. Juni 2005 in Wiesbaden
teil und bezogen gegen Gewalt an Frauen öffentlich Stellung. Anlass
war die Ermordung von Gönül Karabey, die am 13. Juni 2005
in Wiesbaden von ihrem Bruder erschossen worden war. Die Schriftstellerinnen
treten mit ihrem Engagement für schwer benachteiligte Mitmenschen
ein sowie für elementare Werte des Grundgesetztes und der Menschenrechtscharta,
heißt es zur Begründung. Dabei nehmen sie erhebliche persönliche
Nachteile in Kauf, da sie Beschimpfungen und Bedrohungen ausgesetzt
sind.
Die mit 2 500 Euro dotierte Auszeichnung trägt
den Namen des am 29. Juni 1880 in Wiesbaden-Biebrich geborenen Widerstandskämpfers
gegen das NS-Regime, Generaloberst Ludwig Beck, und wird während
einer Feierstunde am 12. Juli im Festsaal des Rathauses überreicht.
Vertreter des Polizeipräsidiums Westhessen
und die FDP-Stadtverordnetenfraktion hatten die beiden Autorinnen als
Preisträgerinnen vorgeschlagen. Das Auswahlgremium, dem die Stadtverordnetenvorsteherin
und der Oberbürgermeister, Vertreter der Polizei, der Kirchen,
der jüdischen Gemeinde, der Gewerkschaften, der Kammern, des Ausländerbeirates,
der Medien, des Seniorenbeirates, des Wiesbadener Vereins Opfer und
Zeugenhilfe, der Diltheyschule und des Stadtschülerrates sowie
die Frauenbeauftragte und die Bürgerreferentin angehören,
war diesem Vorschlag mit großer Mehrheit gefolgt.
Die 41-jährige Fatma Bläser, deren Familie
aus Ostanatolien stammt und die in Deutschland vor Zwangsverheiratung
und Morddrohungen ihrer Familie flüchtete, machte ihre Geschichte
in ihrem Buch "Hennamond" öffentlich. "Ich habe
mich nach einem aufrichtigen Leben gesehnt, einem Leben ohne Heimlichkeiten
und Verbiegungen, nach Klarheit und einer Luft, in der ich atmen konnte",
schreibt Bläser in ihrem Buch. Als Neunjährige kam sie als
Gastarbeiterkind nach Deutschland. Zu schreiben und damit Diskussionen
auszulösen, ist zu ihrem Lebensprojekt geworden.
Auch die 40-jährige Serap Cileli, die aus
einer jahrelangen Zwangsehe ausbrechen konnte, meldete sich mit einem
Buch zu Wort: "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre".
Zwangsheirat sei Gewalt an Frauen und ein Verstoß gegen die Menschenrechte;
keine Religion und keine Kultur könne diese Gewalt rechtfertigen,
ist die tiefe Überzeugung von Serap Cileli, einer der jüngsten
Bundesverdienstkreuz-Trägerinnen (Verleihung am 30. August 2005).
Sie kämpft für die Freiheit der muslimischen Frau, sie gibt
Interviews, schreibt Zeitungsartikel, hält Vorträge, geht
in Schulen, Moscheen und Jugendclubs und ist die Kontaktadresse für
muslimische Mädchen, die Rat, Hilfe und Unterstützung suchen.
Als Serap Cileli 15 Jahre war, wurde sie von der
eigenen Familie aus Deutschland nach Anatolien entführt und dort
mit einem älteren Mann zwangsverheiratet; nach Jahren flüchtete
sie mit ihren beiden Kindern nach Deutschland und erlitt wiederum schlimmste
Demütigungen - diese, ihre eigene Geschichte erzählt sie in
ihrem Buch.
Die engagierte Autorin war die erste, die diese
Tabu-Themen in Deutschland öffentlich machte, die offen über
Zwangsheirat und Verbrechen an Töchtern "im Namen der Ehre"
sprach.
14.06.2006
/ Rhein Main Presse / Wiesbadener Tagblatt
Einsatz gegen Zwangsehe
Beck-Preis geht an zwei Schriftstellerinnen /
Kardinal Lehmann kommt
wis. WIESBADEN In einer Gartenhütte in Dotzheim
fielen die tödlichen Schüsse. Die Türkin Gönül
Karabey, sie hatte einen deutschen Freund, wurde dort im Juni 2005 von
ihrem eigenen Bruder erschossen. Zwei Wochen später demonstrierten
etwa 200 Menschen im Westend und auf dem Mauritiusplatz unter dem Motto
"Mord ist keine Sache der Ehre" gegen Ehrenmorde und Gewalt
gegen Frauen.
Im Zentrum der Kundgebung standen die deutsch-türkischen
Schriftstellerinnen Fatma Bläser und Serap Cileli. Die beiden Autorinnen
sollen nun den mit 2500 Euro dotierten Ludwig-Beck-Preis erhalten. Der
nach dem aus Biebrich stammenden Generaloberst und Widerstandskämpfer
benannte Preis wird am 12. Juli im Rathaus überreicht, die Laudatio
hält der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Bischof
von Mainz, Kardinal Karl Lehmann.
Elf Personen waren für den diesjährigen
Beck-Preis vorgeschlagen worden, die 17-köpfige Jury folgte dem
Vorschlag von Polizeipräsidium und FDP-Fraktion, die Bläser
und Cileli favorisiert hatten.
Fatma Bläser (41), deren Familie aus Ostanatolien
stammt, musste vor Zwangsverheiratung und Morddrohungen ihrer Familie
fliehen. Auch Serap Cileli (40), brach aus einer langen Zwangsehe aus
und verarbeitete ihr Schicksal wie Bläser in einem Buch. Cileli
erhielt 2005 das Bundesverdienstkreuz.
FR vom
14.06.2006
Von Waltraut Rohloff
Ludwig-Beck-Preis für Autorinnen
Fatma Bläser und Serap Cileli erhalten Auszeichnung der Stadt für
Zivilcourage / Festakt am 12. Juli
Wiesbaden: Die Autorinnen türkischer
Abstammung treten seit Jahren gegen patriarchale Unterjochung, Zwangsheirat
und "Ehrenmorde" ein. Das taten sie auch vor einem Jahr bei
einer Demonstration in Wiesbaden. Anlass war der Tod einer 20 Jahre
alten Türkin, die von ihrem Bruder erschossen wurde.
Wiesbaden - Der Auftritt von Fatma Bläser und Serap Cileli bei
der bundesweit beachteten Demonstration im Juni 2005 sei es wert, sie
mit der Auszeichnung für Zivilcourage zu würdigen. Bläser
und Cileli stünden mit ihrem Engagement für schwer benachteiligte
Mitmenschen sowie für elementare Werte des Grundgesetzes und der
Menschenrechtscharta ein, heißt es in der Begründung der
Jury. Beide Frauen werden wegen ihres Eintretens gegen frauenverachtende
Praktiken noch immer beschimpft und bedroht.
Fatma Bläser kam als Neunjährige von
Ostanatolien nach Deutschland und flüchtete hier vor einer Zwangsverheiratung
und ihrer Familie. Ihre Geschichte hat sie in dem Buch "Hennamond
- mein Leben zwischen zwei Welten" dargestellt.
Serap Cileli meldete sich öffentlich unter
anderem mit dem Buch "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre"
(1999) zu Wort. Sie wurde im Alter von 15 Jahren selbst von Eltern von
ihrem damaligen Wohnort Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz)
nach Anatolien gebracht und dort zur Ehe gezwungen. Die Qualen endeten
erst, als sie 1992 im Alter von 26 Jahren in ein Frauenhaus in Erbach
im Odenwald flüchtete. Seit 1994 betreute Serap Cileli etwa 100
Frauen und Mädchen in ähnlichen Zwangslagen. Die 40-Jährige
erhielt im September das Bundesverdienstkreuz.
Die Auszeichnung der beiden Frauen mit dem nach
dem Wiesbadener Generaloberst Ludwig Beck benannten Preis für Zivilcourage
geht auf einen Vorschlag der FDP-Stadtverordnetenfraktion und von Vertretern
des Polizeipräsidiums Westhessen zurück. Der 17 Personen zählenden
Jury lagen laut Mitteilung der Stadtpressestelle elf Vorschläge
vor. Die Entscheidung, den mit 2500 Euro dotierten Preis an Fatma Bläser
(42) und Serap Cileli (40) zu verleihen, sei "mit großer
Mehrheit" gefallen.
Beide Autorinnen leben nicht in Wiesbaden, sondern
im Ruhrgebiet und im Odenwald. Die Vergaberichtlinien für den Ludwig-Beck-Preis
geben unter anderem lediglich vor, dass sich die Preisträgerinnen
oder Preisträger "in einem besonderen Bezug zu Wiesbaden"
für friedliches Zusammenleben, soziale Gerechtigkeit und die Grundprinzipien
der Demokratie und des Rechtsstaats eingesetzt haben.
Die Feierstunde für die Preisträgerinnen
ist am 12. Juli im Rathaus. Die Laudatio hält der Bischof von Mainz
und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann.
Die Demonstration mit Bläser und Cileli hatte
ein Aktionsbündnis Wiesbadener Frauen-und Mädcheneinrichtungen
nach den tödlichen Schüssen auf eine 20-jährige Türkin
initiiert.
Bei so genannten Ehrenmorden sind zwischen 1996
und Mitte 2005 in Deutschland 48 Menschen getötet worden, 36 der
Opfer waren Frauen. Das ist das Ergebnis einer im Mai vorgelegten Studie
des Bundeskriminalamts. Ursache für die Delikte sei nicht eine
muslimische Herkunft der Beteiligten, sondern ein Verharren in vormodernen
Strukturen.
14.06.2006
/ Frankfurt-Live.com
Couragiert gegen Gewalt an Frauen
Fatma Bläser und Serap Cileli erhalten Ludwig-Beck-Preis
OB Diehl und Thiels überreichen die hohe Auszeichnung am 12. Juli
Fatma Bläser und Serap Cileli heißen
die diesjährigen Preisträgerinnen des Ludwig-Beck-Preises
für Zivilcourage der Landeshauptstadt Wiesbaden. Die beiden deutsch-türkischen
Autorinnen nahmen als Rednerinnen an der bundesweit beachteten Demonstration
und Kundgebung gegen „Ehrenmorde“ am 30. Juni 2005 in Wiesbaden
teil und bezogen erneut gegen Gewalt an Frauen öffentlich Stellung.
Anlass war die Ermordung von Gönül Karabey, die am 13. Juni
2005 in Wiesbaden von ihrem Bruder erschossen worden war.
Die Schriftstellerinnen stehen mit ihrem Engagement
für schwer benachteiligte Mitmenschen ein sowie für elementare
Werte des Grundgesetzes und der Menschenrechtscharta. Dabei nehmen sie
erhebliche persönliche Nachteile in Kauf, da sie Beschimpfungen
und Bedrohungen ausgesetzt sind.
Die mit 2.500 Euro dotierte Ehrung trägt
den Namen des am 29. Juni 1880 in Wiesbaden- Biebrich geborenen Widerstandskämpfers
gegen das NS-Regime, Generaloberst Ludwig Beck. Die hohe Auszeichnung
wird den beiden Preisträgerinnen während einer Feierstunde
am 12. Juli 2006 im Festsaal des Rathauses durch Oberbürgermeister
Hildebrand Diehl und Stadtverordnetenvorsteherin Angelika Thiels überreicht.
„Der Ludwig-Beck-Preis ist Dank und Anerkennung sowie ein sichtbares
und deutlich wahrnehmbares Zeichen dafür, dass Zivilcourage in
Wiesbaden erwünscht ist und gefördert wird“, betont
der Oberbürgermeister (s. dazu auch Bericht vom 26. Januar 2006
in Frankfurt-Live.com: „Wer hat im letzten Jahr Zivilcourage gezeigt?
- Stadt Wiesbaden nimmt Vorschläge für Ludwig-Beck-Preis entgegen
- OB Diehl: Bitte melden Sie uns couragierte Bürger mit vorbildlichem
Verhalten“ in der Rubrik: Rhein-Main aktuell).
Für den Festvortrag konnte Karl Kardinal
Lehmann, Bischof von Mainz und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz,
gewonnen werden. An der feierlichen Preisverleihung werden sich auch
die Wilhelm- Heinrich- von- Riehl- Schule und die Diltheyschule themenbezogen
mit einem Filmbeitrag und einer Ausstellung beteiligen. Der Ludwig-Beck-Preis
für Zivilcourage der Landeshauptstadt Wiesbaden wird finanziell
von der Thüga AG, der SV Sparkassenversicherung Holding AG und
der Nassauischen Sparkasse unterstützt.
Vertreter des Polizeipräsidiums Westhessen
und die FDP-Stadtverordnetenfraktion hatten die beiden Autorinnen als
Preisträgerinnen für den zum dritten Mal verliehenen Ludwig-Beck-Preis
vorgeschlagen. Das siebzehnköpfige Auswahlgremium, dem die Stadtverordnetenvorsteherin
und der Oberbürgermeister, Vertreter der Polizei, der Kirchen,
der jüdischen Gemeinde, der Gewerkschaften, der Kammern, des Ausländerbeirates,
der Medien, des Seniorenbeirates, des Wiesbadener Vereins Opfer und
Zeugenhilfe, der Diltheyschule und des Stadtschülerrates sowie
die Frauenbeauftragte und die Bürgerreferentin angehören,
war diesem Vorschlag mit großer Mehrheit gefolgt. Insgesamt waren
elf Ehrungsanregungen eingereicht worden.
Zwangsverheiratung – ein tabuisiertes, aber
weit verbreitetes Phänomen
Die 41jährige Fatma Bläser, deren Familie
aus Ostanatolien stammt und die in Deutschland vor Zwangsverheiratung
und Morddrohungen ihrer Familie flüchtete, machte ihre Geschichte
in ihrem Buch „Hennamond“ öffentlich. "Ich habe
mich nach einem aufrichtigen Leben gesehnt, einem Leben ohne Heimlichkeiten
und Verbiegungen, nach Klarheit und einer Luft, in der ich atmen konnte",
schreibt Fatma Bläser in ihrem Buch. Als Neunjährige kam sie
als Gastarbeiterkind nach Deutschland. Zu schreiben und damit Diskussionen
auszulösen, ist zu ihrem Lebensprojekt geworden.
Zwangsverheiratung ist ein in Deutschland noch
immer stark tabuisiertes, aber weit verbreitetes Phänomen in Immigrantenfamilien.
Fast jede vierte Frau türkischer Abstammung gab bei einer in Berlin
durchgeführten repräsentativen Umfrage an, dass ihre Heirat
gegen ihren Willen durchgesetzt worden ist. Gemeint sind nicht die so
genannten "arrangierten" Ehen, sondern solche, bei denen Gewalt
angewendet wurde.
Auch die 40jährige Serap Cileli, die aus
einer jahrelangen Zwangsehe ausbrechen konnte, meldete sich mit einem
Buch zu Wort: „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre“.
Zwangsheirat sei Gewalt an Frauen und ein Verstoß gegen die Menschenrechte;
keine Religion und keine Kultur könne diese Gewalt rechtfertigen,
ist die tiefe Überzeugung von Serap Cileli, einer der jüngsten
Bundesverdienstkreuz-Trägerinnen (Verleihung am 30. August 2005).
Sie kämpft für die Freiheit der muslimischen Frau, sie gibt
Interviews, schreibt Zeitungsartikel, hält Vorträge, geht
in Schulen, Moscheen und Jugendclubs und ist die Kontaktadresse für
muslimische Mädchen, die Rat, Hilfe und Unterstützung suchen.
Als Serap Cileli 15 Jahre war, wurde sie von der
eigenen Familie aus Deutschland nach Anatolien entführt und dort
mit einem älteren Mann zwangsverheiratet. Nach Jahren flüchtete
sie mit ihren beiden Kindern nach Deutschland und erlitt wiederum schlimmste
Demütigungen – diese, ihre eigene Geschichte erzählt
sie in ihrem Buch. Die engagierte Autorin war die erste, die diese Tabu-Themen
in Deutschland öffentlich machte, die offen über Zwangsheirat
und Verbrechen an Töchtern "im Namen der Ehre" sprach.
Ihr Vorbild machte und macht vielen jungen Frauen Mut. Zusammen mit
Menschenrechtsorganisationen fordert sie ein konsequentes Vorgehen gegen
die Zwangsheirat.
Preisträger der ersten Verleihung
des „Ludwig-Beck-Preises für Zivilcourage“ war im Juni
2004 der 25-jährige Therarajah Balakumar aus Sri Lanka, der bei
einem tätlichen Angriff auf eine junge Frau in den Reisinger Anlagen
couragiert eingegriffen hatte. Im letzten Jahr wurde Klaus Peter Fuhlroth
ausgezeichnet, der durch sein beherztes Eingreifen in mutiger, umsichtiger
Weise und unter Gefahr des eigenen Lebens zwei Menschen aus ihrer brennenden
Wohnung befreit hatte. (hbh)