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Ayse
Mich hat keiner gefragt
Zur Ehe gezwungen - eine Türkin in Deutschland erzählt
ORIGINALAUSGABE
Gebundenes Buch, 256 Seiten, 13,5 x 21,5 cm,
ISBN: 3-7645-0211-8
€ 19,90 [D] / SFr 34,90
Blanvalet Verlag
Vorwort
“Eine Jungfrau soll ohne ihr Einverständnis
nicht verheiratet werden.
Und genügend als (Zeichen der) Zustimmung soll ihr Schweigen sein
(wegen ihrer natürlichen Schüchternheit).“
Hadith: Buchari, Muslim
Aus meiner Sicht ist dieser Satz die Lizenz zur
„Zwangsheirat im Namen Allahs“. Bei den Männern hingegen
ersetzt das Schweigen die Bejahung nicht, vielmehr gilt es als „unmännlich“,
als „weibisch“. Der Schlüssel zu diesem Rollenverständnis
liegt zweifellos in der Erziehung. Der Raum, in welchem diese stattfindet,
ist die Familie. Dort wird die „Erziehung zum Individuum“
durch „Bevormundung“ ersetzt. Die „Sorgeberechtigten“,
die Eltern oder die Familien, haben in der traditionellen türkischen
Gesellschaft ungeheuere Macht über ihr Kind. Von der absoluten
Verfügungsgewalt bis hin zum Tötungsrecht. Sie entscheiden,
was gut und was böse ist, was erlaubt und was verboten ist, welche
Rechte und Pflichten die Kinder haben.
Mit den heranwachsenden Mädchen geht man besonders streng um: Sie
werden zu Hause eingesperrt, damit sie später als Ehefrauen beherrschbar
sind; sie werden ohne Ziele und Perspektiven erzogen, ohne Nahrung für
das Selbstwertgefühl. Es wird ihnen beigebracht, Gefühle der
Wut, des Zornes, des Ärgers zu unterdrücken. Diese unwürdige
Erziehungsmethode führt zu Folgsamkeit und Unterwerfung.
Folglich wird das Schweigen als Zeichen für Treue, Unterwerfung
und Gehorsam gewertet. In Wahrheit ist es aber der Beginn eines Lebens
in Knechtschaft.
Wie Ayse wurde auch ich im Kindesalter verlobt. Während sie aus
einem kleinen türkischen Dorf in das „gelobte Land“
Deutschland verschachert wurde, wo sie den ganzen Tag in einer Fabrik
und anschließend bis in die Nacht hinein als „Haussklavin“
für ihre Schwiegermutter schuften musste, wurde ich aus dem Kreis
meiner deutschen Schulfreundinnen gerissen und sollte als „Kindbraut“
in die mir völlig fremde Welt Anatoliens zu einem zehn Jahre älteren
Ehemann ziehen, um Kühe zu hüten und in einem Erdloch zu kochen.
Sowohl meine Familie als auch Ayses Schwiegereltern spielten nach außen
hin eine moderne in die deutsche Mehrheitsgesellschaft integrierte Gemeinschaft.
Doch hinter der Türschwelle waren wir Gefangene der archaischen
Traditionen. Kopftuchzwang, häusliche Gewalt, patriarchalische
Ehr- und Moralvorstellungen, Zwangsheirat und Ehrenmorde bestimmen das
Leben der türkisch-muslimischen Frauen und Mädchen. Seit vier
Jahrzehnten spielen sich diese Schicksale in Parallelwelten mitten in
dem demokratischen Rechtsstaat Deutschland ab. Seit vier Jahrzehnten
haben wir unter dem Deckmantel der Toleranz und des Schutzes der Privatsphäre
Menschenrechtsverletzungen akzeptiert, mit dem bequemen Argument der
Offenheit gegenüber fremden Kulturen, Traditionen und Religionen.
Uns, und mit uns Tausenden jungen türkischen Frauen, wäre
eine Menge erspart geblieben, wenn die Rechtspolitiker unser Leid als
ihr Leid empfunden hätten.
Ayse hat es nach neunzehn Jahren erreicht, aus der Hölle der Zwangsheirat
zu fliehen. Ich brauchte dreiundzwanzig Jahre, um die Stimme gegen meinen
Vater zu erheben und seine Einwilligung zur Scheidung zu fordern. Vater
drohte mir, mich eher in tausend Stücke zu zerreißen und
mein Fleisch den Hunden zum Fraß vorzuwerfen als Schande über
seinem Haus zuzulassen. Es sei meine Aufgabe als Frau, die Ehe in Tagen
der Verlockung und Gereiztheit zu behüten, um diesen geheiligten
Bund zu retten, bis dass der Tod mich ehrt.
Traditionelle türkische Väter betrachten geschiedene Töchter
als Last und scheuen sich nicht davor, sich von dieser schändlichen
Last zu befreien. Sei es durch eine erneute Zwangsheirat, durch Verstoßen
aus dem Familienverband oder im Extremfall durch den Tod. Wer Glück
hat, darf unter Aufsicht in lebenslanger Knechtschaft leben. Mit anderen
Worten: Die Todesstrafe wird durch lebenslange Freiheitsstrafe ersetzt.
Es geht hier um Selbstjustiz, um ein ungeschriebenes Gesetz, um die
so genannte Ehre des Patriarchen und der Familie, um Leben und Tod.
Ich beschloss, mich gegen die despotischen Forderungen der Ehrtradition
zu wehren. Es war, als würde ich neben mir sitzen und ein Selbstgespräch
führen: „Das musst du tun, koste es, was es wolle!“
Nach dreiundzwanzig Jahren also erhob ich zum ersten Mal in meinem Leben
die Stimme gegen meinen Vater: „Wenn du mir jetzt deine Einwilligung
zur Scheidung nicht erteilst, werde ich meine Kinder und mich umbringen.
Du wirst schon sehen, dass ich dazu in der Lage bin.“ Noch niemals
in meinem Leben hatte ich eine solche Macht gespürt. Ich wollte
die Sache für mich so oder so abschließen. Vater schwor zwar
Rache, aber ich hatte Glück. Ich wurde nur vom Familienclan verstoßen!
Das war mein Preis für die Verwirklichung der individuellen Freiheit.
Ayse wurde nach ihrer Scheidung von ihrem eigenen Sohn aufgefordert,
sich umzubringen, und sie muss heute damit leben, dass ihre beiden ältesten
Söhne den Kontakt mit ihr abgebrochen haben. Doch andere Frauen
sind nicht so glimpflich davon gekommen wie Ayse und ich.
Hatun Sönmez etwa konnte ihrem Schicksal nicht entrinnen. Sie wurde
einundzwanzigjährig am 6. September 1993 in der Nähe der S-Bahn-Haltestelle
Universität in Dortmund von ihrem siebzehnjährigen Bruder
niedergestochen, weil Hatun sich verliebt hatte und mit ihrem Freund
Heiratspläne schmiedete. Hatun empfand eine tiefe, innere Liebe
für Erdal A. und musste - um die dadurch verletzte Familienehre
rein zu waschen - dafür mit ihrem Leben bezahlen.
Um das Verhalten unserer Väter und Brüder
nachzuvollziehen, muss man einen Blick auf das türkische Ehrverständnis
werfen. Die „Ehre des türkischen Mannes“ steht höher
als sein Leben, höher auch als das Leben seiner Schwestern, Mütter,
Töchter und Frauen. Die Ehre der „Ehrenhüter und Vollstrecker“
definiert sich zentral über die sexuelle Reinheit der Frauen in
der Familie. Die Frau kann nur Anteil haben an „namus“,
der Ehre des Mannes oder diese verunreinigen, z. B. wenn ihr Name in
Verbindung gebracht wird mit schändlichem Benehmen, wenn sie sich
gegen die Zwangsehe auflehnt oder durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit,
durch ihre Kleidung, durch vorehelichen oder außerehelichen Geschlechtsverkehr
Schande über die Familie bringt. Der Verkehr eines Mannes mit Frauen
beschmutzt hingegen die Ehre der Familie nicht.
Selbst wenn eine Frau oder ein Mädchen innerhalb der Familie sexuellem
Missbrauch ausgesetzt ist, ist das Mädchen oder die Frau schuldig
und muss bestraft werden. Die Täter werden jedoch oft nicht geächtet.
Eine Frau kann ihre verlorene Ehre auch nicht wiederherstellen, das
ist die Aufgabe des Mannes. Die „Ehre des türkischen Mannes“
lässt sich indes nicht erwerben, sondern nur verlieren.
Wer die Ehre der Familie nicht verteidigt, der wird in den Augen des
Familienclans und der Männer aus der Gemeinde zum „namussuz
adam“ – „zum ehrlosen Mann“ stigmatisiert, damit
verbunden, bedeutet der Verlust der Familienehre für die Betroffenen
den sozialen Tod. Immer wieder werden die männlichen Angehörigen
von anderen Männern der Gemeinde dazu angehalten, ja regelrecht
aufgehetzt, ihre Ehre wiederherzustellen.
Durch solchen Handlungsdruck betrachten sie ihre Schwestern, Mütter,
Töchter und Frauen als Gegner, als „Feinde“, die sich
gegen die Gesetze des „freien Mannes“ unfolgsam verhalten.
Sie werden verpflichtet, die traditionelle Praxis aufrecht zu erhalten.
Lieber nehmen sie Gefängnisstrafen in Kauf, als mit der befleckten
Ehre zu leben. Und jeder Mord ist Warnung für die anderen jungen
Mädchen und Frauen. Selbst ein Leben in einem aufgeklärten
Staat wie Deutschland hat nichts an der Einhaltung dieser Tradition
geändert.
Nachdem ich dem Diktat der Tradition entflohen war, habe ich stets nach
Möglichkeiten gesucht, um betroffene Frauen und Mädchen aus
türkischen Familien zu erreichen. Frauen und Mädchen, die
in ihren eigenen vier Wänden gefangen sind. Frauen und Mädchen,
die als Opfer in einem starren Rahmen aus Sünde, Ehre, Schande
und Verboten leben.
Einer meiner Wege führte mich zum Schreiben. Ich spürte, wie
meine Seele mit jedem niedergeschriebenen Wort um eine Last erleichtert
wurde. Ich schrieb nicht nur für mich, sondern auch für meine
Leidensgenossinnen. Um Ihnen die Botschaft zu vermitteln, dass es immer
Lösungen gibt und wir uns nicht dem Schicksal unterwerfen müssen.
Um sie wachzurütteln, um ihnen den Weg zu zeigen durch das mir
widerfahrene Unrecht. Denn nur die wenigsten wissen sich zu wehren,
nur die wenigsten fordern ihre angeborenen Rechte, und die Mehrheit
von ihnen leidet immer noch unter diesen traditionellen Wertvorstellungen.
Und ich habe stets die Frauen unterstützt, die sich durchgerungen
haben, über das ihnen zugefügte Leid zu sprechen. So wie es
Ayse mit diesem Buch tut, in dem sie mutig und offen ihre erschütternde
Geschichte erzählt. Ein Zeugnis wie dieses zeigt den zwangsverheirateten
und unterdrückten Frauen inmitten von Deutschland, dass sie nicht
allein sind. Und dass sie das ihnen auferlegte Schicksal nicht um jeden
Preis erdulden müssen. Dass es einen Ausweg gibt, und dass man,
wie Ayse, aus eigener Kraft aus dem Tal der Tränen herausfinden
kann.
Schließlich sind Bücher wie „Mich hat keiner gefragt“
unerlässlich, um die deutsche Gesellschaft, die Politik, die Medien
und die schützenden und helfenden Institutionen aufzurütteln
und sie aufzufordern, ihr Schweigen zu beenden und nicht mehr zu tolerieren,
dass in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und mitten unter ihnen die
fundamentalsten Menschenrechte der moslemisch-türkischen Frauen
verletzt werden.
Liebe Leidensgenossinnen,
Suchen wir nach Wegen, die uns Frauen ein Leben aus eigener Macht erlauben,
die unsere Töchter selbstbewusst in eine Welt hineinwachsen lassen,
in der nicht länger traditionell patriarchalische Gesellschaftsstrukturen
allein gültig und selbstverständlich sind. Wir müssen
die Wehrlosigkeit, Manipulierbarkeit und Bereitwilligkeit, sich selbst
zu verleugnen, abbauen. Wir müssen uns selbst finden, damit wir
unsere Menschenwürde nicht mehr verleugnen. Wir müssen endlich
von der Selbstentfremdung zur Selbstbestimmung kommen und völlig
frei von inneren und äußeren Zwängen autonom handeln.
Gemeinsam müssen wir nun Ansätze zur Verbesserung finden.
Wir müssen unseren Charakterpanzer aufbrechen und zur Individualität
finden.
Wir müssen das verlorene Gleichgewicht unserer Persönlichkeit
wieder finden, damit wir seelisch nicht veröden und versteinern.
Die Frauen müssen bereit sein, Althergebrachtes hinter sich zu
lassen. Auf eigenen Füßen stehen, mit beiden Augen sehen
und Lust am Leben empfinden. Wir müssen den Aufbruch wagen. Mut
zur Macht haben. An unseren eigenen Mut glauben und uns nicht davor
fürchten. Denn die Befreiung unsere Töchter, liebe Frauen,
ist an unsere Befreiung gebunden. Ich habe erst heute, als eine erwachsene
Frau - bitter - gelernt, dass Unterwürfigkeit unter Vorschriften
das Zeichen für eine versklavte Seele ist.
Ich hatte einen Traum, den ich gerne mit euch
teilen möchte:
Der Glaube an die von Gott verliehene Herrschaft des Mannes bröckelte,
und Frauen brachen scharenweise auf aus der Hilflosigkeit zum Widerstand.
Serap Çileli
15. April 2005